Fleet Foxes

fleet-foxes-helplessness-blues-cover    Ein Land, in das über Jahrhunderte Menschen eingewandert sind, bringt andere Sozialfiguren hervor als eines, in das Generation auf Generation hineingeboren wird. Und so sind die USA, das Einwanderungsland schlechthin, geprägt von zwei Archetypen: Dem self-made man, der kam, um sich durchzusetzen. Und von seinem exakten Gegenteil, dem Zivilisationsflüchtling in der Tradition Henry David Thoreaus, der der Welt den Rücken kehrt, auf der Suche nach seinem persönlichen Walden.

    Die politische Schwäche der US-amerikanischen Alternativkulturen hatte in den Jahrzehnten nach Woodstock sehr viel damit zu tun, dass man sich lieber von der Gegenwart abwandte, als sie zu verändern. Der Sieg Barack Obamas wiederum damit, dass sich plötzlich ein Hoffnungsträger zeigte, der so sehr nicht von dieser Welt war, dass man ihn sogar als Linker wählen konnte. Denkt man an die enttäuschenden Entscheidungen während Obamas bisheriger Präsidentschaft, dürfte das bei der nächsten Wahl schon wieder anders sein.

    Die Vielzahl an Spinner- und Schratkulturen, die sich in den USA gebildet hat, ist auch eine Folge der als perspektivlos empfundenen Realität. Und wenn es einen gibt, der den Typus des introvertierten Künstlers in der Tradition Thoreaus perfekt verkörpert, dann ist es Robin Pecknold, Sänger und Songschreiber der FLEET FOXES aus Seattle. Als Kind und Jugendlicher habe er zu keiner sozialen Gruppe gepasst, erzählte er einmal. Umso mehr passt er heute in die soziale Gruppe musizierender Außenseiter: Schlaksig ist er, trägt einen Zottelbart und lange, gescheitelte Haare; sein Kloster ist die Band.

    Sakraler Hall und ein Chorgesang wie von Hippiemönchen prägt dann auch Montezuma, den ersten Titel von Helplessness Blues, dem zweiten Album der Fleet Foxes. Weniger im Stil Neil Youngs als das selbstbetitelte Debüt solle es werden, hatte Pecknold in einem Interview angekündigt und gleich hinzugefügt, Neil Young sei für ihn der Größte. Der Plan wurde erfüllt, lässt sich über Helplessness Blues sagen: Die Platte klingt nicht wie Neil Young. Sie klingt eher wie Crosby, Still, Nash & Young. Deren 1970 erschienenes Album heißt Déjà vu – ein Plattentitel, der die Musik der Fleet Foxes hervorragend beschreibt. Auch die ist schon mal da gewesen. Pecknold setzt nicht auf die fragilen Songentwürfe des Solokünstlers Young, er setzt auf jene Wandergitarren-Soundteppiche, mit denen Youngs Folkrock-Supergruppe die Post-Woodstock-Jahre akustisch beherrschte.

    Sim Sala Bim, der dritte Titel des Albums, endet in einem flotten Gitarrenwettzupfen, wie man es während der Bardentreffen auf Burg Waldeck in den Sechzigern vernahm, und erinnert zudem an Blue Ridge Mountains, einen der bestimmenden Songs der ersten Fleet-Foxes-Platte. Bei dem Midtempo-Gassenhauer Bedouin Dress setzt die Fiedel ein – dazu kommt eine in ihrer Akkuratesse fast schon absurd wirkende Alltagsbeschreibung: »In the street one day I saw you among the crowd in a geometric patterned dress«. Man darf ein solches Kleidungsstück durchaus als hippieesk bezeichnen. Mag sich das Hippietum der Fleet Foxes auch nicht auf eine derartig apart gemusterte Djellaba beschränken, kommen sie, anders als ihre Vorgänger in den Jahren um 1969, fast ohne Utopien aus. Es ist allerhöchstens ein kindliches, kosmisches Grübeln, das Pecknold umtreibt: »Why is the earth moving round the sun?«, fragt er in Blue Spotted Tail.

    Nichts wäre also leichter, als Pecknard und seine Band als Kunsthandwerker, als brimboriumsverliebte Epigonen abzutun, die sich mit der perfekten Rekonstruktion eines historischen Sounds begnügen. Im Unterschied zu Künstlern, die eine ähnliche Rückzugsästhetik pflegen – so Arcade Fire auf ihrer jüngsten Platte The Suburbs oder Joanna Newsom auf ihrem Triple-Album Have One On Me – erliegen Pecknold und seine Band allerdings nicht der Versuchung des ganz großen Entwurfs, der bei Arcade Fire zu leerer Prätention und bei Newsom zu selbstgefälliger Eitelkeit führte.

    Höhepunkte des Albums, wie der von schwerem Bärentanztrott unterlegte Popsong Battery Kinzie oder das mehrteilige The Plains/Bitter Dancer, in dem der Soul der frühen Platten von Gil Scott-Heron anklingt, zeigen, dass der Kern der Fleet-Foxes-Ästhetik kein intellektueller ist, sondern ein rein emotionaler. Was Harmonie, Strahlkraft und Wärme angeht, ist die Band schwer zu schlagen. Als eskapistisches Trost- und Traumkunstwerk ist Helplessness Blues nahezu perfekt. Hier löst sich alles im Wohlgefallen des Wohlklangs auf – dem düsteren Titel zum Trotz. Aufgenommen hat die Band ihr Album im gleichen Seattler Studio wie einst Nirvana ihr Debüt Bleach. Für den 1986 geborenen Pecknold dürfte das ein ebenso fernliegendes historisches Ereignis sein, wie der Tag, als Neil Young beschloss, sich mit Crosby, Stills & Nash zusammenzutun.

LABEL: Sub Pop / Bella Union | VERTRIEB: Cooperative Music / Universal | : 29.04.11


VIDEO: FLEET FOXES – Grown Ocean


DOWNLOAD: FLEET FOXES – Helplessness Blues

2 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.