Flanger »Lollopy Dripper« / Review

Auf Lollopy Dripper wird mehr getropft als gehopst.

Diskrete Irritation. Simulierte Authentizität oder authentische Simulation? Flanger präsentieren sich seit ihrem Debütalbum Templates aus dem Jahr 1999 als die in liebevoller Schnipselarbeit erstellte Collage einer Band, deren Musiker »echte« Instrumente spielen, ihre Klänge aber anschließend mühsam als Samples montieren. Und zwar so, dass über weite Strecken nicht ganz klar ist, ob man einer Livesession mit elektronischem »Zuspiel« lauscht oder programmierten Mosaiksteinen, die so »natürlich« wirken, dass sich ihre »wahre« Identität nur sporadisch erkennen lässt – oder gar nicht. Man könnte sagen: Gänsefüßchenmusik.

Von den Beteiligten ist man konzeptuell einige Überraschungen gewohnt, insbesondere Uwe Schmidt alias Atom TM hat das Spiel mit dem Virtuellen in immer neuen Konstellationen und mit einer Vielzahl von Projektnamen erprobt – Señor Coconuts kunstvoll entstellte Latino-Kraftwerk-Cover waren lediglich die bekannteste Variante. Bernd Friedmann alias Burnt Friedman wiederum verfolgt seit einigen Jahren mit dem Schlagzeuger Jaki Liebezeit die Idee einer ethnischen Musik, die lokal nicht zu verorten ist. Das Spiel mit der musikalischen Identität führt jedoch weder bei Schmidt noch bei Friedmann dazu, dass sie ihre individuellen Eigenheiten verstecken, um in diesem virtuellen Ensemble aufzugehen, zu dem noch der Saxofonist Hayden Chisholm als Gast gehört. Einige der Stücke klingen stärker nach Friedmanns ungeraden Secret Rhythms (das gelassen-komplexe Stück »Spin« zum Beispiel), während an anderer Stelle die verfrickelte Perkussion Schmidts deutlicher durchscheint – im Vergleich zu ihren Anfängen ist der Beat inzwischen allerdings weit ruhiger und gleichmäßiger geraten.

Der Titel des fünften Flanger-Albums, Lollopy Dripper, was sich unter anderem mit »hopsender Tropfer« übersetzen lässt, ist dabei sowohl irreführend – gehopst wird kaum, eher getropft – als auch völlig treffend, um die paradoxen Gesten von Flanger zusammenzufassen, selbst wenn das Duo 16 Jahre nach seinem ersten Album vielleicht nicht mehr das gleiche amüsiert-ungläubige Staunen hervorrufen mag wie früher. Virtualität gehört im Pop schließlich längst zum Alltag, seien es Auto-Tune-Gesang oder Softsynth-Versionen der guten alten analogen Synthesizer. Flanger machen diese Virtualität bloß besonders fruchtbar, und die Bündelung der Schmidt’schen und Friedmann’schen musikalischen Energien trägt bis heute. Diesmal halt mit weniger irrwitzigem Funkensprühen, dafür mit swingender Körperspannung und unruhig flickerndem Glühen. Dezent verpixelt, versteht sich.

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