„Meine Zeit war einfach vorbei“ – Fink im Interview

Foto: Sergei Sarakhanov

Künstlerisch gesehen war Trip-Hop ein Karrierefriedhof – und Fin Greenall alias Fink einer der wenigen Überlebenden der Downtempo-Welle der Neunziger. Wie er das schaffte und warum er vor 400 besoffenen Clubbesuchern am nervösesten ist, lesen Sie im exklusiven SPEX-Interview.

Herr Greenall, Sie leben in Berlin, sind aber derzeit wieder viel unterwegs. Haben Sie gestern Abend zu Hause geschlafen?
Nein, ich bin direkt ins Hotel gefahren. Wir spielen gerade die letzten drei Shows unserer  Tour, da muss ich natürlich on sein. Also bin ich gar nicht erst in mein Viertel gefahren und habe so getan, als sei es einfach ein ganz normaler freier Tour-Tag, schließlich möchte ich heute Abend ein entsprechend gutes Konzert spielen. Ich kann es übrigens kaum erwarten, im nächsten Jahr hier (im Berliner Tempodrom, Anm. d. Red) Ry X zu sehen.

Ich habe Ry und Sie nie zusammengebracht, bis Spotify ihn mir als Ihnen „ähnlicher Künstler“ vorgeschlagen hat.
(lacht) Danke Spotify-Algorithmus! Es gibt ja auch die Label-Connection: Ry X ist Teil von Howling, die wie ich bei Ninja Tune unter Vertrag sind. All diese Innervisions-Leute sind ohnehin fucking lovely guys. Die Dance-Szene ist nicht die schönste Szene der Welt, aber sie machen es richtig.

Wo sie gerade von ihrem Verhältnis zur „Dance-Szene“ sprachen: In anderen Interviews erwähnten Sie, dass die Szene Sie „desillusioniert“ habe. Wie genau meinen Sie das?
Ich war von 1990 bis 2003 Teil der elektronischen Musikwelt. In dieser Zeit hat sich die Szene verändert. 1990 gab es gerade mal House und Techno und die hatten sich noch gar nicht richtig entschieden, was sie jetzt genau vom anderen abgrenzt. 2003 war das anders. Es gab die verschiedensten Subgenres und die ganze Szene fragte sich, wie es nun weitergehen solle, da man augenscheinlich schon alles Möglich ausprobiert hatte. Die gesunden Szenen entwickelten sich trotzdem weiter: Berlin bewegte sich in Richtung Minimal, Holland wurde härter, London ging in Richtung Broken-Beat und dem West-London-Sound. Diese Szenen florierten, aber ich gehörte keiner von ihnen an.

„Vielen Leuten aus der Trip-Hop-Szene fehlte ein Ziel in ihrer Entwicklung.“

Ihr Downtempo-Sound hatte 2003 seinen Zenit ja auch überschritten.
Genau, als Ninja Tune-DJ sah ich damals keine Zukunft für mich. Ich war ein wenig gelangweilt, alle anderen DJs auch, sogar das Publikum. Ich war ein Vinyl-Typ und damals gingen gerade Traktor und CDJs und Mixer mit massig Knöpfen durch die Decke. Meine Zeit war einfach vorbei.

Könnten sie sich denn mittlerweile vorstellen, mal wieder ein Set zu spielen?
Ich bin zumindest nicht mehr so pessimistisch. Ich glaube damals lag es auch daran, dass es keine positiven Beispiele für alternde DJs gab. Jetzt gibt es Leute wie Ricardo Villalobos oder Sven Väth, die jenseits der 40 immer noch 12-stündige Marathonsets machen. Ich war Partys einfach Leid, bis ich vor drei Jahren nach Berlin gezogen bin. Als ich anfing, an einem Sonntagnachmittag komplett nüchtern ins Berghain zu gehen, machte es wieder Spaß.

War das dann auch die Zeit, als Sie ihr kurzlebiges Technoprojekt Quantum Entanglement gestartet haben?
Ja, genau. Ich wollte wieder Techno auflegen, einfach so nebenher. Dann stand ich im Berliner Chalet an den Decks und war vor 400 besoffenen Clubbern so viel nervöser und gestresster, als ich es heute Abend vor 3000 Menschen sein werde. Auflegen ist mit viel Druck verbunden.

Ein Konzert zu spielen fällt Ihnen also leichter?
Ich spiele zwei Stunden Fink-Material, das ich geübt und geprobt habe, das alle schon kennen, in einer festen Reihenfolge. Die Leute mögen es wahrscheinlich, sonst hätten sie kein Ticket gekauft. Natürlich ist das leichter.

Sie haben in einem Interview einmal über ihre alten Weggefährten gesagt, es gebe „verdammt wenige Überlebende“. Einer davon ist natürlich ihr alter Freund Bonobo
… der gerade für zwei Grammys nominiert wurde! Vielen Leuten fehlte damals ein Ziel in ihrer Entwicklung. Bonobo zum Beispiel ist von Samples auf Livemusik umgestiegen. Heute könnte er das Tempodrom mit seiner Show so schnell voll machen (schnippt), obwohl er am Ende ein DJ ist, der Bass spielt. Squarepusher war natürlich nicht einfach ein Trip-Hop-Künstler, aber er ist heute auf einem Level, dass er Sequencing-Programme schreibt. Sonst fällt mir nur Four Tet ein, der heute in der besten Position seiner ganzen Karriere ist. Und ich halt, der zur Band wurde. Aber die Veränderung vom Trip-Hop-Produzenten zum Singer-Songwriter war ja auch recht extrem.

Wie kam es eigentlich zu dieser Wendung?
Viele Leute glaubten damals, die Lösung für ihre Probleme sei, sich einen Sänger oder eine Sängerin zu holen. Als wäre es die Lösung für eine scheiternde Beziehung, zu heiraten. So fing es aber auch bei mir an. Auf Bisquits For Breakfast sollten eigentlich andere Leute die Songs singen, wie bei Groove Armada oder Zero 7. Aber einer der Sänger sagte zu mir: „Nimm doch den Typen, der die Demo gesungen hat, er ist fantastisch.“ Die ersten drei Alben waren dann eine Art Lernkurve – wie schreibt man, wie spielt man, wie singt man? Aber jetzt ist der Stress weg. Die Frage, was wir mit unserem Leben anstellen, stellt sich nicht mehr. Die Frage ist jetzt nur noch: Worauf haben wir Hunger?

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.