A Most Wanted Man: Nüchterne Kritik des war on terror

Schachspiel nur mit Bauern: Anton Corbijns A Most Wanted Man ist ein Agententhriller in Lauerstellung.

Control war der erste Schwarz-weiß-Film von Anton Corbijn, The American der erste in Farbe. Die John-Le-Carré-Adaption A Most Wanted Man nun ist so etwas wie der erste Dazwischen-Film des holländischen Starfotografen und Regiequereinsteigers. Corbijn hat wieder in Farbe gedreht, aber viel scheint er damit nicht anfangen zu können: A Most Wanted Man spielt in einer äußerst trostlosen Version von Hamburg, die nach Achtzigerjahre-Tatort aussieht, auch wenn die Handlung tatsächlich in der Gegenwart angesiedelt ist. Es regnet und stürmt viel, es ist meistens Nacht und anscheinend immer kalt. Eigentlich hat der ganze Film die gleiche Farbe wie die Haare seines Hauptdarstellers Philip Seymour Hoffman.

Der tschetschenisch-russische Flüchtling Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) strandet in Corbijns grauem Hamburg, wo das Erbe seines gehassten Vaters in den Katakomben einer zwielichtigen Reiche-Leute-Bank wartet. Eine deutsche Spionageeinheit, angeführt vom wortkargen Kettenraucher und Flachmannnutzer Günther Bachmann (Hoffman), wird auf den illegalen Einwanderer aufmerksam. Bachmann hofft, Karpov und sein Vermögen mit einem muslimischen Doktor in Verbindung bringen zu können, den er seit längerem als Al-Qaida-Förderer in Verdacht hat. Karpov hat seine eigene Hoffnung: Nachdem er in seiner Heimat eingesperrt und gefoltert worden war, möchte er in Deutschland ein neues Leben beginnen.

Obwohl sich höhere deutsche Politikvertreter und die unvermeidliche CIA – vertreten durch Robin Wright in einer frostigen Variation ihrer House-Of-Cards-Rolle – in den Fall einmischen, lässt Corbijn keine Zweifel daran aufkommen, dass sich A Most Wanted Man mit den kleineren Fischen der Terrorismusprophylaxe beschäftigt. Jeder in seinem Film scheint ersetzbar, jeder könnte jeden benutzen. Die kühle Erzählweise unterstreicht diesen Tatbestand: An keinen seiner Charaktere kommt man so richtig ran, weil keiner von ihnen wichtig genug dafür ist. So erscheint A Most Wanted Man lange Zeit wie ein Schachbrett, auf dem nur die Bauern übrig sind. Erst gegen Ende, wenn sich höhere Mächte einschalten, kommt Fahrt in den Film.

Seine Kritik an den Methoden westlicher Terrorbekämpfung formuliert Corbijn mit dieser Herangehensweise nüchterner als Le Carré in der Romanvorlage, die, wiederum deutlicher als der Film, auf den Fall des Murat Kurnaz anspielt. Dass A Most Wanted Man bei aller Distanziertheit und inszenatorischen Strenge funktioniert, liegt am Vertrauen, das der Regisseur seinen Schauspielerinnen und Schauspielern schenkt. Hoffman bewegt sich wie im Freestyle durch den Film, gibt ihm mit seinem nicht ganz deutschen Akzent eine einzigartige Stimme und entwickelt zusammen mit Nina Hoss, die eine Kollegin spielt, einen spannenden Subplot des Unausgesprochenen. Man muss sich A Most Wanted Man unter solchen Eigenheiten ein bisschen mühsam zusammensuchen. Wenn man Hoffman damit die letzte Ehre erweist, ist das aber doch das Mindeste, was man tun kann.

A Most Wanted Man ist ab Donnerstag, dem 11. September, im Kino zu sehen.

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