Zombies im Pulverschnee

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    Genrefilme aus Skandinavien wie Pusher, die Stieg Larsson-Trilogie oder So finster die Nacht beweisen seit Jahren, dass originelle Thriller, Krimis oder Horrorslasher keine Frage eines Hollywood-Budgets sein müssen. Allein deswegen machte die Programmreihe Norway Expanded auf dem letzten Sonntag zu Ende gegangen größten Filmfestival Polens, dem New Horizons in Wroclaw neugierig. 23 Kurz- und Langfilme aus den letzten drei Jahren versprachen ein aussagekräftiges Bild des Status Quo im Filmland Norwegen.

    Dann brach am zweiten Festivaltag, dem 22. Juli, die Realität mit aller Gewalt über die zum Eskapismus neigenden Kinogänger herein. Während die Mordanschläge von Oslo und Utøya zunächst einmal die Nachrichten beherrschten und auch die Filmwelt für einen Moment still stehen ließen, erschien Norway Expanded zwangsläufig in einem anderen Licht und so manche erfundenen Bilder, die in Wroclaw über die Leinwand flimmerten, luden sich im Zuge der realen Ereignisse mit besonderer Bedeutung auf. Während in der Berichterstattung über die Anschläge das wohlfeil dramatisierende Klischee vom »kleinen friedlichen Land« strapaziert wurde, in dem »so etwas niemals für möglich gehalten wurde«, gruben sich in Tommy Wirkolas Film mit dem etwas plakativen polnischen Verleihtitel Zombie SS plötzlich Horden von untoten Nazis aus dem unberührten Pulverschnee.

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    In einer soliden Mischung aus Teenie-Abenteuer, protziger Jetski-Action Marke James Bond und bildgewaltigem Horror, der streckenweise an eine geographisch verschobene Neuauflage von John Carpenters Vampires erinnert, wird eine Gruppe jugendlich naiver Hedonisten in ihrer abgelegen Skihütte zunächst von einem vorbeistapfenden Zeitzeugen aufgeklärt, sie befänden sich in der Gegend, wo während der Nazi-Okkupation von der SS ein Massaker verübt worden und der geraubte Schmuck der Norweger seither verschwunden sei. Wenig später taucht ausgerechnet in der Hütte jener Schatz auf und es ist allein der Ruf des Goldes, der die SS-Truppen von einst wieder zum Leben erweckt. Auch wenn den Hakenkreuzträgern um einen gewissen Oberst Herzog hier jede verbale und damit auch jede etwaige ideologische Äußerung abgeht, das traditionell auch als gesellschaftskritisch verstandene Zombie-Genre hat hier, bereits im Produktionsjahr 2009 neben viel verspritztem Kunstblut durchaus eine Marke gesetzt: Die faschistischen Geister der Vergangenheit sind mitten unter uns. Der Film hat dem jungen Regisseur Tommy Wirkola längst die Tore für die internationale Liga geöffnet. Gerade hat er für 60 Millionen US-Dollar Hänsel und Gretel beendet. Und Zombie SS steht seit zwei Jahren unter dem internationalen Titel Dead Snow auch in den deutschen Videotheken.

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VIDEO: Dead Snow (Trailer)

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    Anders also als im Fall dieser letztlich doch eher universalen Untoten-Geschichte erwies sich Norwegian Ninja als spezifisch norwegische Genrevariation. Irgendwo zwischen Mockumentary und ironischer Martial-Arts-Hommage verfilmte der ehemalige Telefonkonzernangestellte und Regiedebütant Thomas Cappelen Mailing das »Militärische Handbuch« eines norwegischen Ninja-Kämpfers namens Arne Treholt, der Ende der Siebziger Jahre seine eigene Eliteeinheit formierte, um den »Norwegian Way of Life« vor feindlichen ausländischen Interessen zu schützen. Die bisweilen bizarren Parallelen der Selbststilisierungen Treholts und des realen selbsternannten Tempelritters Anders Breivik haben einen tatsächlichen Zusammenhang nicht nötig, um hinter dieser Überlagerung von satirischer Projektion und mörderischer Realität mehr als reinen Zufall zu wittern. Zusätzlich verwirrt schließlich auch die Erkenntnis, dass Arne Treholt gar keine Erfindung ist. Treholt ist der Spross einer Familie äußerst erfolgreicher norwegischer Sozialdemokraten, war Botschaftsrat bei der UN und bis zu seiner Verhaftung 1985 im norwegischen Außenministerium tätig. Er wurde wegen Landesverrat und Spionage für die Sowjetunion zu 20 Jahren Haft verurteilt, lebt mittlerweile auf Zypern und soll Mailings alternativer Geschichtsschreibung, dem frei erfundenem Handbuch und auch Norwegian Ninja seinen Segen gegeben haben.

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VIDEO: Norwegian Ninja (Trailer)

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    In der schlagzeilenträchtigen Lieblingsfilmliste Anders Breiviks taucht indes kein norwegischer Filmtitel auf. Nach Gladiator und 300 war es Lars von Triers mit einem Massaker endenden Dogville, den Breivik sehr schätzte. Da solche Erkenntnisse stets vor allem den Wert besitzen, den die außen stehende Öffentlichkeit ihnen zugesteht, verwunderte es nicht wirklich, dass es der mit einer Norwegerin verheiratete Däne von Trier war, der am vergangenen Wochenende gegenüber der Kopenhagener Tageszeitung Politiken Stellung bezog. Seine Äußerung, er würde bereuen, Dogville gedreht zu haben, sollte sich erweisen, dass Brevik durch diesen Film zu seinen Morden inspiriert worden sei, stellte von Trier vor allem selbst unter Verdacht. Ob von Trier nun endgültig an »Größenwahn« leide, fragte zum Beispiel die FAZ und erzählte eher am Rande von Triers interessanterem Hinweis, dass eine ähnliche rechtsnationale Partei, wie die in der sich Brevik lange engagiert hatte, auch in Dänemarks Parlament eine wichtige Rolle spielt. Dogville lief übrigens auch auf dem Filmfestival in Wroclaw, in einer dem Thema Set-Design gewidmeten Nebenreihe, die in ihrer Überschrift die vieldeutige Frage stellte, ob hier etwas hidden, invisible oder auch transparent? sei.

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    Schlussendlich hatte das Festival New Horizons aber auch einen Film im Programm, der einen terroristischen Akt und seine Folgen von sich aus und wohl überlegt thematisierte. 22nd of May stellt einen Wachmann in den Mittelpunkt, dem am Eingang eines Shoppingcenters jener junge, mit einem Rucksack bepackte Mann entgangen war, der kurz darauf eine selbst gebastelte Bombe zündete und mehrere Unbeteiligte mit sich in den Tod riss. In ruhigen kontemplativen Bildern und vielstimmigen inneren Monologen geht 22nd of May den derzeit so oft gehörte Fragen aus sehr persönlichen Perspektiven nach. »Warum?« und: »Hätte es verhindert werden können?« Auf dem schmalen Grad zwischen Spekulation und Einfühlung gelangen hier einige der am nachhaltigsten beeindruckenden Momente eines denkwürdigen Festivals. Ob es wiederum Zufall ist, dass 22nd of May eine Produktion aus dem vom flämisch-wallonischen Konflikt nationalistisch zerrissenen Belgien stammt, ob also verschärft sich äußernder Nationalismus Angst vor terroristischen  Anschlägen und also auch deren Fiktionalisierung mit sich führt, bliebe zu untersuchen. Da Regisseur Koen Mortier mit seinem vorangegangen Film Ex-Drummer auch in den deutschen Kinos einen Achtungserfolg erzielen konnte, stehen die Chancen von 22nd of May für einen Start auf den hiesigen Leinwänden in absehbarer Zeit immerhin gar nicht mal so schlecht.

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VIDEO: 22nd of May (Trailer)

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