Filme von morgen – Filmtipps aus der SPEX-Redaktion

Bild: Still Vom Ende einer Geschichte

Salziges Popcorn, süßes Popcorn, Nachos? Mit Käsesoße, Chilisoße oder Guacamole? Entscheidungen über Entscheidungen, über die man ganze Thinkpieces schreiben könnte. Zumindest aber bei Filmauswahl schafft die SPEX-Redaktion Abhilfe und empfiehlt wie jede Woche drei Neuerscheinungen.

Vom Ende einer Geschichte (Großbritannien 2017)

In der Jugend Erlebtes findet seinen Weg in die Gegenwart meist in zerstückelten Anekdoten, schönen und weniger schönen Geschichten und Gegenständen, die jene Geschichten nacherzählen können. Gutes wird glorifiziert, schlechtes mystifiziert oder so lang verzerrt und umgedeutet, dass man es selbst nicht mehr besser weiß. Tony Webster (Jim Broadbent) erzählt im ersten Teil von Vom Ende Einer Geschichte eben so eine verzerrte Geschichte. In der Verwechslung von Lethargie mit Zufriedenheit ist Tony sich sicher, Frieden mit seiner Vergangenheit und Gegenwart geschlossen zu haben, bis eine Nachricht vom Tagebuch seines Schulfreundes Adrian Finn (Joe Alwyn) ihn erreicht und dazu drängt, jahrelanges Vergessen und Verdrängen zu quittieren.

Vom Ende Einer Geschichte hinterfragt die Position und Rolle in der eigenen Geschichte. Wo ein egozentrisches Weltbild der eigenen Wahrnehmung Scheuklappen aufsetzt, gehen Kausalitäten verloren und Schuldfragen unter. Regisseur Ritesh Batra inszeniert nach der Romanvorlage von Julian Barnes einen Mann, der über längst vergangene Beziehungen ein eigenes Fehlverhalten und dessen Symptome für die Umwelt wahrnimmt und verzweifelt versucht, sich von einer Schuld freizumachen, die Jahrzehnte zurückliegt. Die Unmöglichkeit dieses Vorhabens wird zum Dilemma Websters, das er nur in der Konversation bewältigen kann.

 

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12 Tage (Frankreich 2017)

Wird ein Mensch in Frankreich zwangseingewiesen, muss er innerhalb von 12 Tagen vor Gericht angehört werden. Dort wird dann über sein weiteres Schicksal entschieden. Raymond Depardon hat für diesen Film zehn dieser Verfahren verfolgen dürfen, erzählt Geschichten von der Entmündigung, Fremdbestimmung und dem schmalen Grat zwischen Irrsinn und Vernunft und wirft unangenehme Fragen auf. Als psychologische Studie nimmt der Film keine Position ein, sondern überlässt dem Zuschauer selbst die Entscheidung darüber, inwiefern man dem folgenreichen Anhörungssystem zustimmen kann und sollte.

Wenn aus erschreckenden Szenen in wenigen Sekunden bedrückende werden, man im ersten Moment Unverständnis und im nächsten Mitgefühl verspürt, macht der Film jedenfalls richtig, was viele bei diesem Thema versäumen. Eine psychische Krankheit wird nicht als unnormal porträtiert, sondern begründet und entmystifiziert. Dass ein traumatisierendes Erlebnis oder die Auswirkungen jahrelanger, erzwungener Denkstrukturen eine psychische Krankheit nicht etwa zu einem Sonderfall machen, sondern klar in ganz „normale“ Lebensläufe einordnen, ist notwendige Enttabuisierung und nicht nur für die konkrete Problematik im französischen System relevant.

 

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Die brillante Mademoiselle Neïla (Frankreich / Belgien 2017)

So geht feel good cinema aus Frankreich: Eine Culture-Clash-Komödien mit Moral, die die Problematiken der modernen Gesellschaft aufzeigen und in der Menschlichkeit auflösen. Die Protagonisten 2018: eine Jura-Studentin mit arabischen Wurzeln und ein sexistischer, rassistischer und gleichsam selbstbewusster Professor. Eine ungleiche Paarung, die sich in einer gemeinsamen Begabung langsam in ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis bewegt.

Neïla Salah (Camelia Jordana) kommt zu spät zu ihrer ersten Vorlesung und wird prompt von Professor Pierre Mazard (Daniel Auteuil) zurechtgewiesen. Dieser hat offensichtlich weder Instagram noch Ahnung davon, das seine Macho-Sprüche bald durch die ganze Universität kursieren werden. Vom guten Gewissen, beziehungsweise einer drohenden Entlassung bekehrt, wird Mazard zum Mentor von Salah und bringt ihr das Diskutieren und Argumentieren bei. Kein Wunder also, dass der Film hauptsächlich von der schauspielerischen Leistung der beiden lebt und auch darin seine Moral abhandelt.

 

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