Filme von morgen – Filmtipps aus der SPEX-Redaktion

Bild: Still aus Goodbye Christopher Robin

Ein Bär, der über das Leben philosophiert, ein fragwürdiger Zusammenschluss strenger Christen und die unwirtliche Gegend, hinter welcher Tausende ihre neue Heimat suchen. Das Kino erzählt Geschichten, wie kaum etwas oder jemand sonst es kann. Die SPEX-Redaktion empfiehlt die Neuerscheinungen der Woche.

Goodbye Christopher Robin (USA 2017)

Alan Alexander Milne wurde in der Schule vom Science-Fiction-Pionier H.G. Wells unterrichtet, schrieb später Pu der Bär und starb 1956 in dem Haus, in dessen Pool Brian Jones, Gründungsmitglied der Rolling Stones, nur 15 Jahre später sein Ende fand. Goodbye Christopher Robin erzählt weder von H.G. Wells, noch von Brian Jones. Im Film von Regisseur Simon Curtis steht die Entstehungsgeschichte von Winnie-the-Pooh im Mittelpunkt. Und das ist okay – ein bisschen Pu’sche Sorglosigkeit könnte uns momentan ganz gut tun.

In einer Welt, die von der Nachkriegsdepression gezeichnet ist, entfacht die Geburt seines Sohnes Christopher Robin (Will Tilston) in Milne (Domhnall Gleeson) eine ungekannte Fantasie. Der Zuschauer begleitet den Autor in die Zweisamkeit mit seinem Sohn, lernt dabei die realen Vorbilder für Tigger, Pu, Ferkel und Co. kennen und die Schattenseiten des plötzlichen Erfolges, der den wandelbaren Schriftsteller mit konkreten Erwartungen konfrontiert. Milnes Frau Daphne (Margot Robbie) und Nanny Olive (Kelly Macdonald) gehen der Konfrontation mit der Realität nicht aus dem Weg und müssen fortan mit den Problematiken weltweiten Ruhmes auskommen. Die Schöpfungsgeschichte Winnie Puuhs entwickelt sich so zu einem Familiendrama, das nicht unbedingt Neues bietet, Bekanntem dafür einen charmanten Anstrich verpasst, der vom Frohsinn Christopher Robins und dem Humor Milnes profitiert.

 

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El Mar La Mar (USA 2017)

Zwischen Mexiko und den USA liegt die Sonora-Wüste. Die ärmsten derjenigen, die als illegale Einwanderer den Weg in die Staaten suchen, müssen diese Wüste durchqueren. Gewandert wird bei Nacht, um der alles versengenden Hitze am Tag zu entgehen. Waldbrände, Finsternis und Einsamkeit liefern eindrückliches und erschreckendes Bildmaterial in der von Joshua Bonnetta und J.P. Sniadecki produzierten Dokumentation El Mar La Mar über die Flucht durch die Hölle.

16-mm-Aufnahmen werden mit einem minimalistischen Soundtrack zu einem bedrückenden Monument der menschlichen Ohnmacht. Selbst Züge, die durch das leblose Land fahren, wirken verlangsamt, erschöpft und von der Natur unterworfen. Bonnetta und Sniadecki inszenieren den Schmerz, den Verlust und die aussichtslose Hoffnung auf ein besseres Leben, ohne der Geschichte ein eindeutiges Gesicht zu geben. Ein Thema, ein ganzer Landstrich, der sonst oft von Schlagzeilen über Trumps Mauerpläne aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt wird, gerät so in den Vordergrund. Ohne Schlagzeile schüchtern die Bilder ein und entführen – dahin, wo man niemals sein möchte.

 

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Die Temperatur des Willens (Deutschland 2017)

Die kritische Auseinandersetzung mit kirchlichen Institutionen ist oft schwierig. Schnell fühlt sich jemand auf den Schlips getreten, in seinem Glauben diskriminiert, schnell durchflutet Empörung genau die Timelines derer, die den Text oder Film gar nicht gelesen oder gesehen haben, sondern vorschnell ein Urteil fällen. Peter Baranowski hat einen Film über die Kirche gemacht, genauer über die Legionäre Christi, denen bereits mehrfach sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde.

Der Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, wurde über Jahre hinweg kultisch verehrt, ehe Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs und Drogenmissbrauchs zur faktischen Verbannung aus dem Ordensalltag führten. Sogar Papst Benedikt XVI. verurteilte Maciel aufs Schärfste. Hinterlassen hat Maciel einen Orden auf Identitätssuche. Baranwoskis Bruder ist selbst Mitglied und ermöglichte eine filmische Dokumentation des Ordens, der die Kritik an der Organisation selbst gern auf den ohnehin ausgeschlossenen Maciel abschiebt, als hätte alles Böse mit ihm die Gruppierung verlassen. Mitgefilmte Diskussionen, Proteste, Veranstaltungen und Predigten hindern den Film allerdings nicht daran, einen unkritischen Weg zu gehen. Baranowski lässt Gesagtes unkommentiert und Behauptungen im Raum stehen. Zum Vorwurf, der Orden sei ultrakonservativ, nimmt Die Temperatur des Willens keine Stellung – urteilen Sie also selbst.

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