Filme von morgen – Filmtipps aus der SPEX-Redaktion

Bild: Still aus Feine - Hostiles

Woche für Woche kommen am Donnerstag neue Filme in die Kinos. Das bleibt erstmal so. Woche für Woche empfiehlt die SPEX-Redaktion drei Neuerscheinungen. Diese Woche sind’s vier. Bis zum Ende lesen lohnt sich übrigens, SPEX verlost eine Lomokino-Kamera zum Kinostart von Augenblicke – Die Gesichter einer Reise.

Feinde – Hostiles (USA 2017)

Jeder kennt das Bild. Oli und Peter schwingen das Kriegsbeil, Lukas und Max richten ihren viel zu großen Hut und streiten sich um den Sheriffstern, während Tobi, den sowieso alle für etwas frühreif halten, in der Ecke an der Friedenspfeife nuckelt. Ein Kindergeburtstag mit „Indianer“-Thema ist Feinde – Hostiles definitiv nicht. Stattdessen zeichnet dieser Film ein neues, kritisches Bild der Western-Romantik und erzählt nebenbei die komplizierte Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika unvoreingenommener, als man es von dem Genre gewohnt ist.

In Feinde – Hostiles wird diese am persönlichen Beispiel Captain Joseph Blockers (Christian Bale) erzählt, der den erkrankten Häuptling Yellow Hawk (Wes Studi) in seine Heimat führen soll. Widerwillig ergibt sich Captain Blockers diesem Schicksal und macht sich auf eine Reise, die von Hass, Unverständnis und zweckmäßigen Partnerschaften bestimmt wird. An vielen Stellen kommt die Frage auf, ob der Film die Überwindung von Hass erzählt oder nur von opportunistischer Kameradschaft. Und genau das ist es, was den Film interessanter macht als die meisten Genrekollegen, in denen klare Feindbilder gar keinen anderen Ausweg als den Kampf an der Flinte liefern. Neben den offensichtlichen Auseinandersetzungen, ohne die ein Western kaum auskommen könnte, tritt so ein Konflikt mit mehreren Ebenen, eine Auflösung klarer Hierarchien und das Verschwimmen der Trennlinie von Freund und Feind. Eine zeitgemäße Geschichte von Fremdheit und Annäherung, die in einem völlig anderen Zeitalter spielt.

 

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The Poetess (Saudi Arabien/Deutschland 2017)

Eine Frau nimmt an einer Art TV-Castingshow teil. Dabei rezitiert sie ein Gedicht und bekommt lauten Applaus vom Publikum, das ihr gegenüber sitzt. Sie schafft es sogar ins Finale. Was für den westlichen Fernsehalltag normal klingt, ist in Abu Dhabi, dem Ort, an dem Million’s Poet produziert wird, nicht selbstverständlich. The Poetess erzählt die Geschichte von Hissa Hilal, die bei eben dieser Show im Jahr 2010 vollkommen verschleiert auftrat, um ein politisches Gedicht vorzutragen. Sie sprach sich gegen die patriarchalen und konservativen Ansichten der arabischen Gemeinschaft aus und kritisierte konkret einen saudischen Geistlichen für seine Predigen.

Was darauf folgte, war Bewunderung und Wut. Drohungen und Dankesbekundungen wechselten sich ab, ihr einziger Schutz die Anonymität, die die Verschleierung gewahrt hatte.

Man hört Hilal sprechen und merkt, dass sie sich jeder Konsequenz ihres Handelns vollkommen bewusst ist. Sie ist bereit, als Märtyrerin zu sterben. Sie verzichtet bewusst auf vieles, um die zu beschützen, die ihr nahestehen. Sie musste ihren Mann um Erlaubnis bitten, im Fernsehen auftreten zu dürfen, um dort die dominierende Maskulinität einer Gesellschaft zu diskutieren. Hissa Hilal ist die lebende Revolution.

 

 

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Tully (USA 2018)

Um eine andere starke Frau geht es in Tully. Marlo (Charlize Theron) ist Mutter von drei Kindern und steckt mitten in einer Sinnkrise. Da taucht Tully (Mackenzie Davis) in ihrem Leben auf. Als Haushaltshilfe unterstützt sie Marlo nicht nur bei der Pflege ihrer Kinder, sondern auch beim Umgang mit eigenen, plagenden Gedanken. Als therapeutische Projektionsfläche öffnet sich Tully immer weiter, erzählt ihre Geschichte und bringt Marlo zu der Erkenntnis, dass eine zweite Perspektive dem eigenen Leben oft eine ganz andere Wendung verpasst.

Klingt erst einmal nach gewöhnlichem Familiendrama, in dem eine dritte Person den gefährdeten Hausfrieden begradigt oder die Familie in komplettes Chaos stürzt. Beides ist bei Tully nicht der Fall und macht interessant, was sonst alltäglich wirkt. In selbstloser Empathie offenbart Tully Marlo und ihrem Mann Drew (Ronn Livingston), welchen Stress es bedeutet, eine funktionierende Familie zu begründen. Eine Ode an das Eingestehen von Schwäche, an die Ehrlichkeit, aber vor allem an die Selbstliebe.

 

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Augenblicke: Gesichter einer Reise (2017)

Die dritte große Frau im Bunde ist die Filmemacherin Agnès Varda, die in Augenblicke: Gesichter einer Reise mit dem Street-Art-Künstler JR auf Reisen geht. In einem umgebauten Gefährt, das innerhalb weniger Sekunden Porträtfotos im Großformat ausdrucken kann, wird aus einem Roadtrip so ein ambitioniertes Kunstprojekt. Das ungleiche Paar steuert neue Orte mit neuen Menschen an und hinterlässt in großflächiger Straßenkunst eine Gegend, von denen gezeichnet, die dort ihr Leben verbringen.

Fotografien von Gesichtern, ikonischen Posen oder einfach nur den Augen zieren dann plötzlich Plätze, an denen man etwas so Persönliches nie erwartet hätte. JR lässt die Augen von Varda auf Zügen durch die Welt reisen, und JR lernt von Varda über das Leben. Eine Geschichte von der Schönheit jedes Einzelnen und der Ehrlichkeit in der Zweisamkeit.

SPEX verlost diese Woche eine Lomokino-Kamera, die mit 35mm-Filmen zur Aufnahme kurzer Videos in Lo-Fi-Optik geeignet ist. Um teilzunehmen, senden Sie bitte eine E-Mail mit dem Betreff „Augenblicke“ an gewinnen@spex.de.

Bild: Lomokino

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