Filme von morgen – Filmtipps aus der SPEX-Redaktion

Bild: Still aus Kindeswohl

Ian McEwan hat einen Lauf. Vor wenigen Monaten war mit Am Strand noch ein, auf seinem Roman basierender, Film in den Kinos, jetzt kommt mit Kindeswohl der nächste. Ist das alles? Zum Glück nicht. Der Gang ins Kino lohnt sich diese Woche aus drei Gründen.

Kindeswohl (USA 2017)
Ian McEwans Bücher liefern in regelmäßigen Abständen die Vorlage für öffentlichkeitswirksame Filme, die tabuisierten oder selten behandelten Problematiken eine Bühne und Gehör verschaffen. Abbitte und die Frage nach Schuld und Wiedergutmachung, Am Strand und die Frage nach dem Unbehagen vor Intimitäten und jetzt Kindeswohl mit der Frage danach, ob einem todkranken Jungen das Leben verwehrt werden kann, weil er den Zeugen Jehovas angehört, die einen signifikanten Teil der modernen Medizin ablehnen.

Oscar-Preisträgerin Emma Thompson spielt die Richterin Fiona Maye, die im Privatleben selbst mit Fragen des Vertrauens, der Liebe und Lebenslust konfrontiert wird. Das Verhältnis zu ihrem Mann (Stanley Tucci) leidet an mangelnder Intimität und unter ihrer Arbeit, die einen großen Teil ihres Lebens einnimmt. Als Maye den jungen Adam (Fionn Whitehead), der an Leukämie erkrankt ist und eine Bluttransfusion benötigt, kennenlernt und über seinen Fall entscheiden soll, entwickelt sich eine Dynamik, die beiden alte Fragen beantwortet und neue stellt. Kein McEwan’scher Roman ohne Twist.

 

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Donbass (Deutschland, Frankreich, Ukraine, Niederlande, Rumänien 2018)

Der Kriegszustand beschwört die Ambivalenz in allem und allen. So auch in Donbass, einem Dokumentarfilm, der versucht, das wahre Bild hinter dem russisch-ukrainischen Konflikt zu zeichnen. Der Regisseur Sergej Loznitsa trägt keinerlei Schuld daran, dass es sich lediglich um einen Versuch handelt. Wahrheit und Ehrlichkeit verschwimmen im dauerhaften Kriegszustand mit der Entfremdung, Unehrlichkeit und politischer Meinungsmache, sodass kaum eine Studie noch den Anspruch der Objektivität erheben könnte. Der Film fragt danach, ob Verräter_innen immer noch Verräter_innen sind, wenn sie selbst verraten wurden. Was rechtfertigt der Kriegszustand und was nicht? Der Film endet ohne Antwort. Wie auch sonst?

 

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Draußen (Deutschland 2018)

Obdachlosigkeit ist Schicksal, Lebensweg und für viele mit Vorurteilen besetzt. Die Dokumentation Draußen beweist, dass das Leben auf der Straße nicht unbedingt mit Einsamkeit einhergeht, dass Träume und Geschichten nicht verloren gehen, nur weil ein Mensch das System verlässt, in dem der Alltag der meisten sich abspielt. Die Regisseurinnen Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht begleiten vier odbachlose Männer, filmen ihr Hab und Gut und begegnen ihnen auf Augenhöhe. Ihre Geschichten werden an den wenigen Besitztümern entlang erzählt, die als rote Fäden die Leben der Männer strukturieren. Ohne urteilend zu werden, erzählt der Film auch die Geschichte der vier Männer, die aus unterschiedlichen Gründen auf der Straße gelandet sind und gänzlich verschiedene Sichtweisen auf ihre momentane Situation haben. Von häuslicher Hygiene über Drogenkonsum bis hin zur Geldbeschaffung thematisieren die Regisseurinnen alles, ohne Assoziationen einer unangenehmen Feldstudie hervorzurufen. Keine Hierarchie, nur Dokumentation.

 

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