Zweimal »Film Socialisme«, bitte!

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   Das ultimative Date-Movie der Woche ist nicht Robert Redfords Die Lincoln Verschwörung (Historiendrama!), auch nicht Der große Crash (Finanzkrisenthriller!) oder die Hochseekomödie Wickie auf großer Fahrt – nein, es ist FILM SOCIALISME, der neue Film von JEAN-LUC GODARD, Historie, Finanzkrise und Hochsee in einem! 

   Wie üblich geht es außerdem um Bilder. Nein, um Politik. Nein, um die Arbeitsbedingungen in Zeiten des kapitulierenden Kapitalismus, aber auch um Stierkampf, Trompeten und zwei süüüße Kätzchen. Zugegeben: es geht mal wieder um alles bei Godard, der sich einst das Three-Letter-Word JLG  zugelegt hat, für den Fall, dass er mal selbst in seinen Filmen mitspielt und das ist ja eigentlich immer der Fall. Spätestens seit Nouvelle Vague hat sich JLG vor allem selbst zum Thema gemacht, was eben heißt, dass hier Schöpfer und Geschöpf untrennbar ineinander verschmolzen sind. Einen Godard-Film sehen heißt seitdem, an einen Betriebsausflug in JLGs Kopf teilzuhaben. Schon vorher hatte Godard seinem Publikum den Rücken zugedreht, es begann zur Zeit der Nouvelle Vague. Schließlich, wahrscheinlich sogar endlich, war jeder Ansatz einer unkonventionellen Variante konventioneller Narration gegen seine eigene Konvention getauscht. Ja, gegen den späten JLG-Film, in dem Bruchstücke von Handlungen, mit Fetzen von Gedanken, musikalischen Ausrufungszeichen und Untermalungen ein Ganzes ergaben, das mit allem anderen,  was sonst noch so als Film herumflimmert nur zweierlei gemeinsam hatte: das, was man gemeinhin einen Anfang und ein Ende nennt.

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   Seinen langweiligsten Ausdruck hat dieses langsame Weg- und dann Um-Sich-Selbst-Drehen allerdings keineswegs in JLGs Filmen, wie Weh mir (1993), JLG/JLG – Godard über Godard (sic!) (1994) oder Notre musique (2004) gefunden, sondern vor allem darin, dass es in den letzten zwanzig Jahren keiner dieser Filme mehr ins deutsche Kino schaffte. Genauer gesagt: Nouvelle Vague, benannt nach der Bewegung, die Godard einst selbst mit begründet hatte, die er und die ihn zu ewigem Weltruhm verdammte, war 1990 der letzte Film, der auch in Deutschland in ein paar Kinos lief. Man muss kein notorischer Kulturpessimist sein, um darin einen weiteren Beweis für die risikoscheue, ignorante Kinokultur hierzulande zu wittern. Allerdings hieß es auch immer wieder, hinter vorgehaltener Hand: Godards Weltvertrieb hätte stets unverschämt viel Geld für eine Lizenz gefordert. Das Kino konnte sich JLG schlichtweg nicht leisten. Godard war das egal. Anlässlich der Weltpremiere seines Film Socialisme (Trailer unten) soll er zur Pressekonferenz geladen haben, nur um sie fünf Minuten vor Beginn wieder abzusagen und zeitgleich seinen Film kostenlos ins Internet zu stellen.

   Nun aber hat Godard offenbar wieder Lust aufs Kino. Vielleicht haben auch die Dreharbeiten zu Film Socialisme – immerhin drehte Godard mit seinem Camcorder unter anderem semi- und dokumentarisch auf einer Kreuzfahrt mit der Costa Serena – diesmal doch mehr gekostet, als die weltweiten regelmäßigen Ausstrahlungen seiner frühen Meisterwerke (Außer Atem (1960), Die Verachtung (1963), Pierrot le fou (1965) usw.) in die Produktionskasse spülen. Vielleicht hat er ja selbst zu viel eigenes Geld in die Requisiten jener Szenen gesteckt, die im Casino (Finanzkrise!) des Luxusliners spielen.

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   Egal. Die Erkenntnis ist frappierend, umso mehr sie eigentlich nicht überraschen dürfte: JLG-Filme gehören ins Kino. Der deutsche JLG-Verleih heißt NFP und hat tatsächlich das – nunja – französisch-deutsch-englisch-italienisch-russisch-spanische Original deutsch untertitelt (Kreuzfahrtsprech halt), davon ein paar digitale und, vor allem, eine 35mm-Filmkopie gezogen, und gerade auf letzterem, dem vertrauenswürdigsten aller Projektionsmaterialien erschließen sich die ganzen soghaft wirkenden Spielereien des Films.

   Wenn Godards auf Video gedrehte Bilder plötzlich ins Stocken geraten, wie eine DVD, die sich in ihre Einzelteile auflöst, dann fällt einem nach einer Schrecksekunde ein, ach nein, da gab's ja vorhin Laufstreifen beim Aktwechsel – das soll so! Und – es ist eine alte Geschichte, aber sie stimmt immer wieder: der Sound! Die krassen, digitalisierten, durch Film mit glanzvoller Patina bestäubten Farben. Der große Raum. Die Konzentration im Saal, der nur eine Leinwand kennt, keine Laptop neben sich, keinen Pizzaservice an der Tür, nur den Film und im besten Fall die Begleitung an der Seite, mit der sich trefflich aufregen, lachen, Kopf schütteln, verzaubert sein lässt, wenn da Zitate von Walter Benjamin oder Jacques Derrida mit Musik der zwei großen Bs, Beethoven und Busch (der Ernst) serviert werden, so frisch, als würde man das alles zum ersten Mal hören und sehen, oder eben doch total vertraut, nur in anderen Zusammenhängen, mit Eisensteins Erschießungen auf der Treppe von Odessa oder dem wirklichen Odessa, denn praktischerweise hält sich die Route des Kreuzfahrtschiffes genau an das Drehbuch von JLG. An wen denn auch sonst?

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   »Doch woran stirbt Europa?« fragte JLG bereits vor sieben Jahren (in JLG/JLG). Parallel zur Bundestagsabstimmung über den Euro-Rettungsschirm gibt Film Socialimse die Antwort (die man gleich wieder vergisst, so ist das mit den Antworten, um sie zu behalten muss man immer wieder an ihren Ursprung zurück), besucht neben Odessa auch Ägypten, Palästina, Neapel, Barcelona und Griechenland. Ach ja, und irgendwas mit einem Lama an einer Tankstelle, einer Familie vor TV-Kameras und einem alten Kriegsverbrecher (Historie!) mit Hut gibt’s auch noch. Schade, dass letzterer nicht (mehr) Eddie Constantine ist. Aber man kann eben nicht alles haben, auch nicht von JLG. Mehr noch: man munkelt, dies sei sein letzter Film. Was in dem Fall sein letztes Bild wäre, wird hier nicht verraten. Und erst recht nicht interpretiert. (Fanfare!) Denn JLG-Filme müssen nicht erklärt, sie müssen erlebt werden.

  Übriges: der Neuerschaffung des Kinos aus seiner Dekonstruktion gemäß folgen die Meldungen jener Kinos, in denen Film Socialisme laufen wird, einer eher prozessualen Logik. War zunächst ein gleichzeitiger Start in Berlin, Freiburg, München und Nürnberg angekündigt, läuft der Film nun laut der Verlinkung auf seiner offiziellen Homepage nur in Nürnberg. Aber auch hier heißt die Devise: Glauben Sie nur das, was Sie selbst recherchiert haben! In der ersten Woche ist Film Socialisme nämlich in Nürnberg und in zwei Berliner Kinos zu sehen. Auch als Film ist der Sozialismus eben nichts ohne eigene Initiative.

   Und nun aufgepasst! Spex präsentiert den Kinostart und verlost je 2×2 Freikarten für Berlin und Köln.

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VIDEO: Film Socialisme – Trailer 1

VIDEO: Film Socialisme – Trailer 2

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FILM SOCIALISME IM KINO:
Berlin – BrotfabrikKino
Nürnberg – Meisengeige Kino
ab 01.10.2011 Berlin – Lichtblick*
ab 13.10.2011 Seefeld – Breitwand Kino*
20.-26.10.2011 Karlsruhe – Kinemathek*
28.10.-02.11.2011 Leipzig – Kinobar Prager Frühling*
11.-16.11.2011 Bonn – Kino in der Brotfabrik (sic)*
24.-30.11.2011 Köln – Filmpalette*

*=angekündigt

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