Fever Ray Fever Ray

In einem Interview sagte Karin Dreijer Andersson: »Es ist ja nicht so, dass unsere Gesellschaft hören will, wenn eine Frau singt: ›If I had a heart I could love you.‹« Wer mit den Werken von The Knife und nun Fever Ray unvertraut ist, wird zunächst gar nicht hören, dass hier eine Frau singt. Karin Dreijer Andersson hat für die erste Fever Ray-Single »If I Had a Heart« die Stimme so stark verfremdet, dass sie fast so tief liegt wie die erratisch geschlagene Bassdrum oder die runtergedrehte Gitarre. Düster und langsam gleitet der Song dahin, so wie im Musikvideo das Ruderboot mit den Kindern über den See bei Nacht. Einmal dreht Dreijer Andersson die Stimme hoch, es sind die einzigen lichten Momente. Es ist eine eher marktunübliche Single, zumal ihr gleichbetiteltes Album »Fever Ray« in »Triangle Walks«, »Seven« oder »Now’s the Only Time I Know« mit Stücken mit mehr Hitpotenzial aufwartet – sie wären auch den Liedern von The Knife ähnlicher. Die Band der Dreijer-Geschwister liegt bekanntlich auf Eis. Und unter diesem Eis hat Karin Dreijer Andersson ihre erste Platte als Solo-Projekt, als Fever Ray aufgenommen, die sich mit jedem Mal Hören ein Stück weiter von der Mutterband emanzipiert.

    Es fehlen die für The Knife doch typischen Brüche und Exaltiertheiten innerhalb der einzelnen Lieder wie auch des ganzen Albums. Düster ist »Fever Ray« geworden, ein Mahlstrom aus dunklen Beats und metallenen Klängen. Nur gelegentlich zwitschern Synthesizersounds wie Singvögel im Winter, die ihrem Schwarm nicht in den Süden folgten. Überall diese verzerrten Stimmen. Texte über Einöde, Schlaflosigkeit, die Monstrosität von scheinbar endlos gedehnter Zeit, über Kälte, leere Straßen am Morgen, und Schnee, so viel Schnee. Erfahrungen, zum teil fast traumatischer Natur, aus der Zeit nach der Geburt ihres zweiten Kinds habe sie verarbeitet, sagte Karin Dreijer Andersson in Interviews. Und während die Musik von Fever Ray langsam und schwer dahin rollt und niemals beschleunigt, fällt doch auch das Wunderbare an ihr auf: So künstlich sie ist und nicht einmal die Stimme, das menschlichste aller Instrumente, unbearbeitet und natürlich lässt, so sehr diese Musik ihre visuelle Entsprechung in der Gesichtsbemalung der Sängerin nach Art einer Voodoopriesterin findet, so sehr also »Fever Ray« trotz der gegenteiligen Beteuerung in »I’m Not Done« (»There’s nothing to be afraid of«) auf unser Angstzentrum zielt, so sehr nimmt das Album den Hörer in Beschlag. Wärmt ihn trotz aller Kälte. Tröstet fürwahr.

    Es heißt von der Angst, sie sei die ursprünglichste menschlicher Empfindungen. Vielleicht lässt uns der düstere Electro-Pop auf Karin Dreijer Anderssons Fever-Ray-Album deswegen nicht kalt, weil er die Angst thematisiert. Weil er sie annimmt, nicht wegstößt. »We were hungry before we were born«, heißt es im wolkenverhangenen »Keep the Streets Empty For Me«. Wir knabbern ein ganzes Leben daran.

LABEL: Rabid / Cooperative Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 27.03.2009

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