Festland »Doch die Winde weh’n« / Review

Das Feuilleton wird an diesem Album wieder seine wahre Freude haben. Das große Publikum wird, so steht zu befürchten, auch dieses Mal nichts davon bemerken.

Manche Bands müssen eine gehörige Diskrepanz zwischen Kritikerliebelei und Publikumsignoranz ertragen. So auch Festland aus Essen. 2004 fanden Ex-Die-Regierung-Schlagzeuger Thomas Geier und die beiden Profimusiker Joachim Schaefer und Dietmar Feldmann zusammen – und leuchteten umgehend auf dem deutschen Kultur-Radar auf: Der Gigant Alfred Hilsberg nahm sie auf seinem Label Zickzack unter Vertrag, Festland spielten auf Einladung von Goethe-Institut und Auswärtigem Amt Konzerte in Paris, Almaty und Bischkek. Anlässlich des zweiten Albums Welt verbrennt 2010 geriet auch die schreibende Presse einhellig ins Schwärmen. Die Zeit attestierte treffend, die Band habe »offenbar einen bloß liegenden Nerv des analytisch-vertiefenden Feuilletons getroffen.«

Festland-Songs sind zeitlos im eigentlichen Wortsinn.

Was die Band jedoch wirklich einzigartig machte, war ihr souveränes Wandern zwischen den Welten: Gekonnt vermengten sie Elemente des Indie-Rocks mit House-Rhythmen und Steve-Reich-Samples, fanden die richtige Balance zwischen deutscher Kühlheit im Sinne Kraftwerks und tanzbarer Wärme. Die zwischen großen Fragen und profaner Privatheit oszillierenden Songtexte, größtenteils aus der Feder des heimlichen vierten Bandmitglieds, des Malers und Cover-Artwork-Gestalters Fabian Weinecke, wurden von Thomas Geier in einer Weise vorgetragen, die eindringlich und unprätentiös zugleich wirkte. Das Problem nur: Über das Feuilleton hinaus reichte die Strahlkraft der Gruppe nie.

2012 verstarb Fabian Weinecke und die Band versuchte diese Zäsur mit einem gänzlich neuen Ansatz zu verarbeiten. Das Drittwerk Doch die Winde weh’n wurde größtenteils akustisch eingespielt, was unterstreicht, welche musikalische Qualität die Festland-Songs haben: Sie sind zeitlos im eigentlichen Wortsinn. 2016 könnte genauso ihr Entstehungsjahr sein wie 1994 oder 2001. Der Entstehungsort Deutschland dagegen ist fest in die Musik eingebrannt. Man hört deutlich Kraftwerks Einfluss heraus, beispielsweise auf »Winde weh’n«, dem Herzstück des Albums, das sich vom sanften Lüftchen zum tosenden Sturm mit kratzendem, sägendem, beißendem Cello steigert. Zum anderen ist da natürlich dieser Duktus, der so nur im Deutschen funktioniert: Zu zartem Glockenspiel »Indoktrination«, »Intention«, »Depression«, »Infusion«, »Infiltration« und »Before I Ever Met You« zusammenreimen – wo sonst? Das Feuilleton wird daran wieder seine wahre Freude haben. Das große Publikum wird, so steht zu befürchten, auch dieses Mal nichts davon bemerken. Zeitgeist sieht eben anders aus.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.