Und gerade deshalb wird es höchste Zeit, das feministische Subjekt zu erweitern, fordert unsere Autorin. Weil nicht Männer das Problem sind, sondern Strukturen.

Um die Weihnachtszeit schickten mir feministische Freund_innen ein Video von Miley Cyrus mit dem Betreff „Nailed it!“ Das, was Miley Cyrus genagelt hatte, war der Weihnachtsklassiker „Santa Baby“, in dem eben jener Santa Baby um einen Pelzmantel, eine Yacht und eine Diamantenmine gebeten wird, „weil ich so ein gutes Mädchen gewesen bin.“ Creepy. Deshalb änderte Cyrus den Text kurzerhand in: „Ich kann mir den ganzen Kram selber kaufen, a girl’s best friend is equal pay, und hör endlich auf, mich zu unterbrechen, wenn ich spreche, Santa Baby.“ Im Hintergrund schunkelten Late-Night-Host Jimmy Fallon und Musikproduzent Mark Ronson mit Diamantenketten-Präsenten und Autoschlüsseln durch die Deko und guckten verblüfft, als würden sie so etwas zum ersten Mal hören.

Das alles klingt zunächst nach empowerment, doch wenn ich genauer darüber nachdenke, hatte ich noch nie das Problem, dass mir jemand unbedingt eine Diamantenmine schenken wollte. Ist das das Patriarchat, gegen das wir uns wehren müssen? Sugardaddys aus den Fünfzigern, die den Schuss nicht gehört haben?

Feminismus ist im Mainstream angekommen – da gehört er ja auch hin!

Wenn dem so ist, dann würde ich sagen: Das haben wir gewuppt! Die Geschlechterwelt ist heute unbestreitbar eine andere als in den Fünfzigerjahren. Überraschenderweise gibt es heute aber mehr und nicht weniger Feminismus. Vielleicht reicht es also nicht aus, mit dem Finger auf längst überkommene Geschlechterklischees zu zeigen. Was also sagt uns der Clip mit Cyrus? Denn ernst ist ihr die Sache, das kann man ihr nicht vorwerfen, schließlich sagte Cyrus schon vor fünf Jahren in der BBC, sie hätte „das Gefühl, eine der größte Feministinnen der Welt“ zu sein. Nun, der Clip selbst sagt nicht viel Neues – außer dass rote Strumpfhosen überraschend gut aussehen können. Sein durchschlagender Erfolg macht jedoch deutlich, wie sehr der Feminismus im Mainstream angekommen ist. Und zwar nicht nur im Gendermainstreaming, sondern im großen melting pot des Pop. Heute muss man bei einer Veranstaltung nur „Frauen!“ sagen, oder „Mehr Frauen!“, und alle klatschen. Das ist wie in den späten Sechzigern, als man mit „Revolution!“ oder „Kapitalismuskritik!“ denselben Effekt erzielen konnte.

Wann ist das passiert? Wann ist der Feminismus so cool geworden, dass man als Superheld mehr Buzz und Ruhm kreiert, wenn man eine Superheldin ist? Siehe Wonder Women, Dr. Who und Captain Marvel?

Wer in der Mitte der Gesellschaft steht, kann nicht mehr subversiv wirken

Ich erinnere mich noch daran, wie mich der Moderator bei meinem ersten Spoken-Word-Auftritt mit den Worten ankündigte: „Als nächstes liest Mithu, sie ist Feministin, aber sie ist trotzdem …“ Was ich trotzdem war, habe ich vergessen. Klug? Warmherzig? Humorvoll? Ich befürchte: hübsch. Erinnert Ihr Euch noch an die hässlichen Feministinnen? Die ungefickten Feministinnen? Und erinnert Ihr Euch dann noch daran, wie der Spruch „Feminismus ist sexy“ sexy wurde? Gestandene Kämpferinnen des Geschlechterkampfes fragten mich damals (also vor einem Dutzend Jahren): „Wie? Soll ich jetzt etwa auch noch sexy sein?“

Aus diesem Grund erzeugt es eine gewisse kognitive Dissonanz, wenn heute Modemarken T-Shirts mit dem Aufdruck „We Should All Be Feminists“ für 550 Euro verscherbeln und Schauspielerinnen alle Nase lang verkünden – richtig! – sie seien Feministinnen. Aber kognitive Dissonanz ist für Feminist_innen traditionell eher ein Ansporn als ein Hindernis: Dann ist der Feminismus halt im Mainstream angekommen – da gehört er ja auch hin!

Allerdings kann er dort per Definition nicht mehr subversiv wirken, sondern nur das System stabilisieren.

Das ist aber kein Problem, weil es zum Glück viele Feminismen gibt. Zum Problem wird es nur, wenn wir den Mainstream-Feminismus mit der Gesamtheit der Feminismen verwechseln. Denn so wie in den Sechzigerjahren beileibe nicht alle eine Vorstellung davon hatten, was diese ständig beschworene Revolution eigentlich sein sollte, scheinen von den „Up the Women!“-Rufer_innen auch so einige nicht wirklich zu wissen, was sie genau mit Feminismus meinen. Außer, dass Frauen mehr haben sollten. Mehr vom Mehrwert, mehr vom Kuchen, mehr von den Vorstandsposten der gesamten Bäckerei.

Vor kurzem musste ich ein Buch mit dem Titel Die Zukunft ist weiblich besprechen und dachte mir: Na, ich hoffe ja, dass die Zukunft menschlich ist. Damit nicht genug, erklärte eine Wohltätigkeitsorganisation im Vorwort, ihr Ziel sei es, alle Mädchen zu Anführerinnen zu machen. Das nenne ich mal eine kognitive Dissonanz.

Sei’s drum! Es gibt Schlimmeres, als allen Mädchen Sternchen für die Leistung zu verleihen, ein Mädchen zu sein. Die Popkultur ist nicht vordringlich dafür da, Theorien zu produzieren, sondern Gefühle. Und diese Gefühle entscheiden darüber, ob und wie wir uns mit Themen auseinandersetzen. Und das wiederum generiert die gesamtgesellschaftliche Stimmungslage.

Und so wie in den Sechzigern einfach wahnsinnig viel über Revolution und Veränderung und Kapitalismuskritik gesprochen wurde, wird gerade wahnsinnig viel darüber gesprochen, was Feminismus ist, sein kann und auch sein sollte. Denn der Mainstream hat den Feminismus ja nicht erschaffen, sondern verschafft ihm nur die Reichweite und den Resonanzraum, durch die er zu so einer unglaublich erfolgreichen Bewegung geworden ist. Dass der Feminismus eine der erfolgreichsten Bewegungen für soziale Gerechtigkeit geworden ist, ist spätestens seit dem ersten Women’s March in den USA bei allen angekommen. Und ja, natürlich sprach auch Miley Cyrus auf einem dieser Märsche.

An diesem Punkt werden die Gespräche über Wesen und Ziel des Feminismus doppelt spannend. Denn mit Erfolg geht immer auch eine Verantwortung einher. Wir können nicht mehr darauf hoffen, dass jemand anders die Welt retten wird, deshalb müssen wir das selbst machen. A woman’s work is never done. A woman’s?

Das feministische Subjekt muss auf alle Geschlechter erweitert werden 

Auch auf die Gefahr mich zu wiederholen: Wenn die Feminismen inzwischen die traditionelle Linke an Einfluss überholt haben – fraglich, ob das wirklich so ist, aber nehmen wir es als Arbeitshypothese an –, dann kann ihr politisches Subjekt nicht mehr ausschließlich Frauen sein und das politische Ziel nicht mehr ausschließlich Frauenrechte. War es natürlich nie! Die Frauenbewegung hat sich schon immer gegen Rassismen eingesetzt und gegen die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit und für Sozialismus. Zumindest die Frauenbewegung, die sich nicht von Intersektionalismus und dem Gedanken an mehr Geschlechtermöglichkeiten als Penismann/Vulvafrau bedroht fühlt, weil diese das politische Subjekt Frau in Frage stellen.

Aber was ist mit den Männern? Ich glaube fest daran, dass es wichtig ist, das feministische Subjekt auf Männer, auf alle Geschlechter zu erweitern. Denn wenn wir nur die Frauen aus dem Korsett der Geschlechterrollen, -erwartungen und -zurichtung befreien, mit welchen anderen Menschen sollen sich diese Frauen dann die Welt teilen? Aber auch wenn Frauen keinen direkten Vorteil davon hätten – und den haben wir –, müssen wir das feministische Subjekt erweitern: Weil wir ansonsten keine linke Politik machen, sondern Interessenpolitik. Weil es uns dann nur egozentrisch darum geht, in der Hierarchie aufzusteigen und nicht das hierarchische System in ein kooperativeres und menschlicheres System zu transformieren. Und ganz im Ernst: „Ich will, dass es mir besser geht“ ist kein geeigneter Schlachtruf für eine breite Bewegung. Deshalb ist es trotzdem wichtig, das Private zum Politischen zu machen. Aber eben nicht zu denken, dass unser privates Private das gesamte Private abdeckt, geschweige denn das gesamte Politische.

Das bringt uns zu: Privilegien. Inzwischen ist „Check your privilege“ zu einem Buzzword geworden. Alte weiße Männer sagen: „Ich als alter weißer Mann“ – und meinen das nicht einmal immer ironisch. Doch was bedeutet es wirklich, sich seiner Privilegien bewusst zu werden?

Es bedeutet schlicht – aber nicht einfach – zu erkennen, dass wir alle in einer verzwickten Verstrickung von Machtbeziehungen leben, die keineswegs ausschließlich in eine Richtung laufen, sondern die kompliziert und komplex sind.

Ein Beispiel: Wie häufig haben wir darum gekämpft, dass unsere Freund_innen, Kolleg_innen oder Vorgesetzte uns zuhören und unsere Positionen, Gefühle und Verletzungen verstehen? Erst, wenn man es schafft, effektiv Empathie mit einer anderen Person zu haben, kann man den Umgang mit dieser Person verändern und es richtig und wichtig finden, dass diese Person die gleichen Rechte, den gleichen Lohn, die gleiche Aufmerksamkeit erhält wie man selbst. Ansonsten wird die Anstrengung, jemand anderen fair zu behandeln, früher oder später zu anstrengend. Oder man unterlässt zwar eine bestimmte ignorante Sache, tut etwas Ähnliches bei nächster Gelegenheit aber wieder. Wie sollte man auch anders, man hat ja nichts dazu gelernt. Und das ist das Dilemma.

Neurologen sprechen inzwischen davon, dass Macht ähnliche Folgen hat wie ein Gehirnschaden

Denn das, was Menschen mit (verhältnismäßig) mehr Macht nicht machen müssen, ist, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen. Sie können es tun, wenn sie dazu bereit sind, aber niemand zwingt sie zur Perspektivübernahme. Während Menschen mit (verhältnismäßig) weniger Macht sich nicht nur ständig überlegen müssen, wie sie auf ihr Gegenüber wirken und wie es ihm oder ihr geht, sondern dafür auch dessen Körpersprache und Mimik nachahmen. Viva la Spiegelneuronen! Neurologen sprechen inzwischen davon, dass Macht ähnliche Folgen hat wie ein Gehirnschaden. Viele Adaptionsleistungen müssen nicht mehr erbracht werden und neuronale Verbindungen, die nicht genutzt werden, werden gekappt.

In diesem Sinne ist es tatsächlich nicht erstrebenswert, ein (alter) weißer Mann zu sein. Bloß wird es dadurch noch nicht kuscheliger eine (mitteljunge) Woman of Color zu sein. Was lernen wir daraus? Dass es nicht darum gehen kann, genauso schöne Gehirnschäden zu bekommen, sondern darum, Macht an die Fähigkeit, andere Standpunkte zu verstehen, zu koppeln, an Empathie und Verantwortung. Und – das ist ganz wichtig, wenn Ihr Euch nur einen Satz aus diesem Artikel merkt, dann sollte es dieser sein – darum, Macht ultimativ zu begrenzen, denn egal, wie nette Menschen wir sind, zu viel Macht ist nicht gut für uns.

Ja, der Feminismus ist cool geworden. Allerdings ist die Beliebtheit des Feminismus keineswegs gleichmäßig auf alle Gesellschaftsbereiche verteilt, dazu muss man nur in die Care-Industrie schauen, in die Krankenhäuser oder in das Bundesheimatministerium. In einer Blase allerdings sind die Feminismen unbestreitbar die Sieger der sozialen Bewegungen. Da das dieselbe Blase ist, die die meisten Ressourcen hat, ihre Meinungen zu verbreiten (sprich: Journalist_innen, Autor_innen, Musiker_innen, Filmemacher_innen), hören und lesen wir überall von der Bedeutsamkeit der Feminismen.

So glücklich ich über jede Doku und jedes Buch über hippe neue feministische Themen bin, die in Wirklichkeit hippe alte feministische Themen sind wie Körperbilder und Sex und Selbstbestimmung und reproduktive Rechte, kann ich mich manchmal des Verdachts nicht erwehren, dass wir damit von anderen Themen abgelenkt werden sollen. Nach dem Motto: Lasst Frauen über Körper und Schönheitsideale und Sexualität reden, während wir gleichzeitig Jobsicherheit und politische Rechte und demokratische Freiheiten abbauen.

Wir sollten deshalb keineswegs weniger häufig „Feminismus“ und „Bodypolitics“ sagen, wir sollten nur wieder viel häufiger „Kapitalismuskritik!“ rufen und „Utopien!“ und darüber reden, wie diese aussehen können. Liebe_r Mama/Papa Pop, mach doch das Wort „kollektiv“ wieder sexy, damit wir uns gleichen Lohn nicht mehr vom Weihnachtsmann wünschen müssen. Schließlich mag es für ein virales Video reichen, wenn jemand in roten Strumpfhosen singt, was die Typen alles falsch machen, aber Männer sind nicht das Problem, nicht einmal weiße Männer. Sondern Strukturen.