Felix Laband Deaf Safari

Felix Laband zündet die ganz große hauntologische Fourth-World-Rakete: Audiocollagen-House auf Deaf Safari.

Der südafrikanische Elektronik-Zauberlehrling mit Punk-Vergangenheit Felix Laband zündet auf seinem vierten Album die ganz große hauntologische Fourth-World-Rakete, indem er aus Samples der ihn umgebenden afrikanischen Kultur hypnotischen Audiocollagen-House erschafft. Laband ist begnadet darin, verschüttetes subliminales Erinnerungsgut so elegant in seine vom heimischen Kwaito-House informierten Tracks einzubetten, dass es erst ein paar weltumarmende Tänze und Déjà-vu-Erlebnisse später dämmert, welche pophistorischen Ingredienzien er da gerade in seine bunte Pfanne geschnibbelt hat. Für »Ding Dong Thing« etwa verwendet er die Gitarrenakkordfolge aus dem Beginn von »These Days« von Nicos ikonischem Debüt Chelsea Girl, nicht ohne sie mit einem so aufreizend stumpfen wie brillanten House-Beat zu paaren. Dazu kommen englische Sprachsamples mit heavy African accent, Negro Spirituals, die aus dem Archiv des amerikanischen Musikethnologen Alan Lomax entliehen scheinen, verrauschte Lead-Belly-Geister sowie ein paar schiefe Flöten. Das reicht für zwölf Minuten trunkenes Slow-Motion-Disco-Glück.

Nichts ist hier zufällig, alles passt, es ist wie mit der Grundidee klassizistischer Kunsttheorie: Dem wahren Kunstwerk lässt sich ohne Beeinträchtigung des Ganzen weder etwas hinzuaddieren noch fortnehmen. Vor popistischer Simplizität und Hooklines, die sich verbildete musikalische Virtuosen aus Furcht um ihren Ruf gewiss versagen würden, schreckt Laband nicht zurück. Angst vor Affirmation ist ihm fremd. Damit hebt er sich wohltuend vom gerade im Dark-Ambient-Techno-Genre grassierenden kitschromantischen Brauch ab, durch ein wenig blubberndes Gedräue Antinaivität, brüchigen Weltbezug und Tiefsinn zu simulieren – was so wenig überzeugend ist wie ein Isolde-Ohlbaum-Autorenfoto darin, Augenblicke schriftstellerischer Vergeistigtheit einzufangen. Laband dagegen erträgt Schönheit auch als ungebrochene. Es müssen nicht immer entmenschte, regengepeitschte Industrieruinen sein.

Die Musik auf Deaf Safari ist auf eine Weise organisch durchheitert, wie man es im Electronica-Bereich allenfalls noch von Ulrich Schnauss kennt. Kurz: Laband schreibt ein weiteres Kapitel im für den Pop so ungemein wichtigen Buch Die Kunst des Jasagens, ohne blöd zu sein. Seine memoradelischen Stimmsamples reichen vom sakralen Chor über afrikanische TV-Dokumentationen und Zulu-Gesang bis zum Gottesdienst und zu schamanistischen Invokationen. Man denkt an den ethnomusikalischen Exotismus von Brian Enos und David Byrnes Klassiker My Life In The Bush Of Ghosts, nur tritt an die Stelle von dessen neurotischem Heroin-Funk meist das ostinate Pumpen des 4/4-Takts.

Labands Einsatz der eindringlich leiblichen found voices ist von Respekt geprägt. Er hat nichts mit der dreisten Dekontextualisierung und kulturellen Leichenfledderei der elektronischen Sampledelia zu tun, die einem Gebrauchsmystiksnippets oder billige Entfremdungssignifier in Form verrauschter Radiofetzen serviert. Nie sind die Stimmen bloß the icing on the cake, sondern immer Teil des cake selbst. Auch sind sie zwar mitunter verfremdet – wie beim Sample des somnambulen Folksongs »Pretty Fly« aus Charles Laughtons filmischem Meisterwerk The Night Of The Hunter –, aber nie von der nostalgischen Ruinenkultverwaschenheit des Hypnagogic Pop. Wie alle großartigen Dinge sind die Tracks Labands verblüffend einfach und doch tiefenauslotbar. Schlechte Kunst versteckt Simplizität hinter Komplexität. Laband macht es genau umgekehrt.

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