Feine Sahne Fischfilet: »Ich hatte eine Axt in meiner Motorhaube«

Feine Sahne Fischfilet   FOTO: Christoph Mack
Buttersäure auf der Karre, Sticker an der Wand – Feine Sahne Fischfilet mit Jan »Monchi« Gorkow (2. v. r.) im letzten Jahr
FOTO: Christoph Mack

Die deutsche Punkband Feine Sahne Fischfilet aus Greifswald engagiert sich seit Jahren gegen rechte Gewalt – und geriet dadurch ins Visier des Landesamts für Verfassungsschutz. Gestern tauchte sie erneut und somit zum dritten Mal im Verfassungsschutzbericht des Innenministeriums von Mecklenburg-Vorpommern auf. Anlass genug, unser Gespräch mit FSF-Sänger Jan »Monchi« Gorkow aus SPEX N°349 zum Thema online zu stellen.

Jan, wie gerät man als Punkband ins Visier des Verfassungsschutzes?
Ich glaube, wir waren immer schon auf dem Radar. Wir haben keinen Bock auf Nazis, motivieren die Leute, etwas gegen Rechte zu unternehmen, und wenn wir zum Beispiel ein Album rausbringen, platzieren wir Podiumsdiskussionen, Vorträge und Konzerte bewusst in kleineren Dörfern und der Gegend, in der wir auch aufgewachsen sind. Das ist in Mecklenburg-Vorpommern quasi ein Alleinstellungsmerkmal, während es in einer Stadt wie Berlin vermutlich nicht weiter auffallen würde – und damit erregen wir eine Menge Aufmerksamkeit.

Was bedeutet euer antifaschistisches Engagement für den Tourneealltag in diesen Gegenden, wie häufig kommt es da zu Konfrontationen?
Es gab verschiedene Angriffe auf uns. Unser Bandbus ist von 20 Nazis angegriffen worden, jemand hat Buttersäure auf meine Karre gekippt, ich hatte eine Axt in meiner Motorhaube. Und ein Laden im Tessin, in dem wir gespielt haben, wurde angegriffen. Woran man sieht, dass so etwas nicht nur in Meckpomm passiert, sondern überall.

Welche Erfahrungen habt ihr im Rahmen derartiger Angriffe mit staatlichen Behörden gemacht?
Ich verlasse mich nicht auf die Bullen, das ist ein Punkt, den ich aus meiner Biografie heraus für mich klar habe. Wenn wir irgendwo auf dem Dorf ein Zelt für 600 Leute aufbauen, um da eine Release-Party zu feiern, dann gebe ich bestimmt nicht vorher den Cops Bescheid, sondern verlasse mich auf meine Freunde. Zumal es insbesondere in dörflichen Gegenden nicht unüblich ist, dass Polizisten mit Nazis verwandt sind. Auf die Polizei sollte man sich also grundsätzlich nicht verlassen. Besser ist es, aufzustehen und selbst etwas zu unternehmen, das gilt nicht erst seit der NSU-Geschichte.

Der Auslöser für das Interesse des Landesamts für Verfassungsschutz war angeblich eine Anleitung zum Bombenbau auf eurer Webseite …
Das war ein Plakat, auf dem statt »Club Mate« »Club Molly« stand. Dieses Plakat ging bundesweit herum und wurde sogar in der taz abgedruckt – und das wurde dann tatsächlich sozusagen als Beweisstück gegen uns aufgeführt.

Wie habt ihr von diesen Maßnahmen erfahren?
Wir haben irgendwo gefeiert, als wir durch einen Freund erfuhren, dass wir im Verfassungsschutzbericht auftauchen. Darauf folgte eine längere Diskussion, ob wir das offensiv thematisieren und skandalisieren oder ignorieren sollten. Und ich glaube, dass es eine gute Entscheidung war, ersteres zu tun.

In welcher Form findet denn die Beobachtung statt? Werden da lediglich zentral Daten gesammelt, oder habt ihr euch auch ganz konkret schon mal verfolgt oder beobachtet gefühlt?
Ganz klar auch letzteres. Es gibt komische Zufälle. Wir sind mit dem Bus unterwegs und werden an Nebenstraßen rausgewunken, solche Sachen.

Muss man da aufpassen, dass man nicht paranoid wird?
Ich bin auf jeden Fall bei vielen Leuten zurückhaltender geworden, wenn es um Smalltalk nach Konzerten oder so geht. Es ist aber auch nicht so, dass ich mich total davon einschränken lasse. Jetzt zurückzustecken wäre genau das falsche Zeichen. Wie diese Behörde arbeitet, hat man ja angesichts des NSU-Skandals gesehen. Hätte mir vor zwei, drei Jahren jemand diese Geschichte erzählt, hätte ich ganz bestimmt gedacht: »Alles klar, ist halt ein linker Spinner und Verschwörungstheoretiker.« Aber alles, was da passiert ist, bestätigt mich darin, mich in meinem Kampf gegen Nazis nicht auf staatliche Stellen zu verlassen.

Ihr habt die Entwicklung der radikalen rechten Szene über lange Jahre beobachtet, habt teilweise selbst Wurzeln bei den Ultras von Hansa Rostock, wie bewertet ihr die Veränderungen in der Szene?
Immer häufiger erlebt man, dass Leute sich zwar nicht als Nazis bezeichnen würden, weil das schlecht fürs Image ist, aber trotzdem nichts gegen rechte Politik haben. Meiner Ansicht nach ist der überwiegende Teil der Gesellschaft in diesem Land deutlich rechts positioniert. Wohlstandschauvinismus ist an der Tagesordnung, es wird immer nach unten getreten. Die Nazis führen gewissermaßen aus, was die Gesellschaft an Werten produziert.

Es gab den Vorwurf, ihr würdet die Verfassungsschutz-Nummer für PR-Zwecke instrumentalisieren.
Aber selbstverständlich tun wir das! Wenn mir jemand den Ball so auf den Elfmeterpunkt legt, verwandele ich ihn gerne. Und weil das alles so gut geklappt hat, haben wir dem Pressereferent des Mecklenburgischen Landesamts für Verfassungsschutz dann ja auch einen Präsentkorb überreicht und mit seiner Tochter, die FSF-Fan ist, bei der Fusion gefeiert.

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