Fehlfarben »Über … Menschen« / Review

Klar ist: Der »Punkspießer« und »bezahlte Rotweingenießer« kommt nicht besser weg als der untalentierte Talentshowgewinner mit XL-Hose. Älterwerden ist noch lange kein Grund für Milde.

In seiner Essaysammlung Deutschpop halt’s Maul! fordert Frank Apunkt Schneider eine »Ästhetik der Verkrampfung« – als angewiderte Ablehnung des penetrant besungenen, latent nationalistischen »Wir-Gefühls«, das spätestens seit der ach so polyglotten Fußballweltmeisterschaft 2006 in Gestalt der Megahits von Sportfreunde Stiller und Andreas Bourani aus allen Radios dröhnt. Diesen pseudokumpeligen Anmaßungen sieht Schneider den Weg geebnet von gefühligem deutschsprachigem Indiepop (Tomte, Kettcar, Klee, Juli), der nicht wirklich im Verdacht steht, nietzscheanisches Übermenschentum zu propagieren, in seiner antidiskursiven Kuscheligkeit aber dem Blick auf »uns« die Schärfe nimmt. Mit verspanntem Schultergürtel und angestrengt zugekniffenen Augen sieht man wohl besser, meint Schneider.

Womit wir bei Über … Menschen, dem neuen Album der Fehlfarben, wären. Die Düsseldorfer Band spricht oft von »wir« und »uns«. Es wird aber nicht kollektiv geschunkelt, trotz rheinischer Robustheit: Sänger Peter Hein ätzt genüsslich in »unserer« Lebenswelt herum, die ja irgendwie auch seine ist, und schon teilt man ein sehr unbequemes »Wir-Gefühl«, das juckt und zwickt. Hein nimmt gern die Rolle des älteren Beobachters und Kommentators ein, die er auch in Über … Menschen nicht verlässt: »Hör mal, ich brech doch keinen Streit vom Zaun / Mit Generationen, die sich nichts trau’n / Ich alter Sack hab doch nicht in der Hand / Von wem ich genervt wird.« (»Der Dinge Stand«) Klar ist aber auch: Der »Punkspießer« und »bezahlte Rotweingenießer« kommt nicht besser weg als der untalentierte Talentshowgewinner mit XL-Hose. Älterwerden ist noch lange kein Grund für Milde: Gut 36 Jahre nach ihrer Gründung sind Fehlfarben noch immer ein Stachel im feistdeutschen Fleisch, und der Umstand, dass die neue Platte am Bodensee entstanden ist, fordert keinen Tribut im Sinne von Gefällig- oder Gemütlichkeit. Auch in der idyllischsten Landschaft findet Peter Hein, der aus keinem Zettelkastenfundus schöpft, sondern immer aus dem Hier und Jetzt heraus textet, Dinge, die nerven. Bodensee! Und wenn schon: »Den Wein hat’s verhagelt / Die Reblaus frisst Gift / In Hanglage baut, wer gut versichert ist« (»Sturmwarnung«). Das Unbehagen an Großdeutschland passt in zwei knappe Zeilen: »Viele müssen hier rein / Wir wollen raus.«

Mal kurz weg vom Text. Fehlfarben sind ja nicht nur Peter Hein, sondern eine Band: Statt Uwe Jahnke ist jetzt Thomas Schneider an der Gitarre, die Musik klingt wieder spannender und abwechslungsreicher als auf den Vorgängeralben Glücksmaschinen und Xenophonie, was daran liegen kann, dass Über … Menschen ganz entspannt in einem Hotel aufgenommen wurde, wo sich Fehlfarben im Gegensatz zum früher üblichen Live-Einspielen Zeit für Overdubs und sonstige Bearbeitung nahmen, und daran, dass Timo Blunck of Zimmermänner- and Palais-Schaumburg-fame das Ganze gemixt hat. Das kommt gut. Unverkrampft tänzeln Fehlfarben von Muckerrock zu post-punkigen Bläsersätzen, und ab und zu wird es funky und jazzig wie auf der Single »Untergang«.

Weil Fehlfarben ja die Fehlfarben sind und mit Monarchie und Alltag mal das beste deutschsprachige Album aller Zeiten aufgenommen haben, mit dem sie auf ewig konfrontiert sein werden, kann man den Song »So hatten wir uns das nicht vorgestellt« durchaus als Nachhall auf die Schatten der eigenen Vergangenheit hören: »Man wollte nicht mehr wie jemand anderer sein / Wollte sich von allem Alten befrei’n / Und plötzlich, ohne dass man sich’s versah / Stand man nackt in der Zukunft, die keine war.« Dass ein paar Zeilen zuvor retromanische Gemeinplätze à la »wir hatten nur drei TV-Programme« aufblitzen, lässt sich verschmerzen. Peter Hein tritt lieber in die Floskelpfütze, bevor er um den heißen Brei drumrum redet. Jetzt geht es hier schon wieder um Worte, Heins Worte, die sind halt doch das Wichtigste bei Fehlfarben. Wer die Band nur ihrer Musik wegen hören will, sollte sich 33 Tage in Ketten von 1981 besorgen. Und wer von deutschpoppiger Unverkrampftheit die Schnauze voll hat, braucht Über … Menschen.

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