Fehlfarben Glücksmaschinen

Fehlfarben Glücksmaschinen Spex #324 Pop-Briefing    GUTMAIR: Die Fehlfarben haben eine neue Platte gemacht. Da freut sich der Fan, auch wenn er erst mal skeptisch ist. Immerhin ist Peter Hein der größte lebende deutsche Popsänger. »Monarchie und Alltag« von 1980 wird von nicht wenigen als das wichtigste deutschsprachige Pop-Album aller Zeiten bezeichnet. Wenn dann die Plattenfirma Tapete heute trompetet, das neue Album sei »vielleicht die beste Platte, die der Band je gelungen ist«, dann führt dieser Claim schlichtweg in die Irre. Sie ist es natürlich nicht. Es gibt beim Hören dieser acht neuen Stücke wunderbare Momente, Zeilen und Slogans, aber irgendwie sind sie alle zu lang und werden zudem ohne Unterlass von trancigen Synthiesounds durchwabert. Das war schon bei anderen Alben der Band aus den nuller Jahren ein Problem. Ausnahmen bestätigen die Regel: Bei einem Stück wie »Neues Leben« verdichtet sich das Zwitschern zu einer trocken pumpenden Synthie-Polka. Das klingt dann ein bisschen nach den frühen DAF. Nicht, dass das alles keinen Spaß machen würde! »Stadt der 1000 Tränen« ist ein schönes Stück, »Respekt?« legt sich lustig mit der rappenden migrantischen Jugend an. Das Album ist ein gewohnt trockener Kommentar zur Krise von Leuten, die Punks geblieben sind und sich weigern, mitzuspielen: I prefer not to.

    LINTZEL: Bei den Fehlfarben verbreitet Peter Hein heute einmal mehr eine schlechte Laune, die Laune macht. Seine miesepetrige Gegenwartsdiagnostik rechnet mit allem ab, was dem zeitgenössischen Subjekt den Alltag versüssen soll, schön und gelungen sind seine Kommentare zu Facebook, Twitter etc. in »Vielleicht Leute 5«, wo der »Freundezähler« zum ekligen Controller-Ich erklärt wird. Oft sind die Texte an ein ›Du‹ adressiert – nicht zuletzt wegen dieser Konfrontativität rufen Fehlfarben eine nostalgische Sehnsucht nach den Achtzigern auf, an eine Zeit, als man Sub- und Jugendkulturen noch in ›wir‹ und ›die‹ unterscheiden konnte, ohne sich komplett lächerlich zu machen. Der Titelsong thematisiert diese Komplexitätsreduktion, wenn Hein das neospießige Neo-Bürgertum zum Feind erklärt und anzählt. Trotz all der aus der Abteilung Attacke gezückten Register ist Peter Heins Texten aber immer auch eine Melancholie eingeschrieben, eine aggressive Melancholie gewissermaßen. Das war schon bei »Monarchie und Alltag« so: Das Beste (damals Punkrock) ist schon vorbei, der Rest des Lebens besteht aus Warten auf Irgendwas; »Wir warten (Ihr habt die Uhr, wir die Zeit)«, heißt denn auch ein sehr berührender Song auf »Glücksmaschinen«. Der melancholische Schimmer ist aber leider insgesamt zugunsten einer manchmal arg nörgeligen Loser-Pose in den Hintergrund getreten, wobei es einen schon auf ganz eigene Art betören kann, wenn da jemand Worte wie »Scheißdreck« oder »Arsch« ins Mikro brüllen und durch die Dubkammer jagen kann (in dem Song »Respekt?«). So ist er eben, der Janie. Man sollte »Glücksmaschinen« aber nicht abhandeln, ohne über den Sound zu sprechen. Produziert hat das Album Moses Schneider, Produzent der letzten Tocotronic-Alben und auch des kommenden »Schall & Wahn« (vgl. Titelgeschichte in diesem Heft). Durch Schneiders Zutun klingt »Glücksmaschinen« weniger eindimensional als die letzten Fehlfarben-Alben, der Klang ist multiperspektivischer geworden, es gibt verschiedene Ebenen und Schichten, zoom-artige Effekte und Weitwinkel-Aufnahmen. Nun, das alleine muss nichts heißen, aber es ist einfach toll, wenn es paranoisch ›wavig‹ klingt wie etwa in »Stadt der 1000 Tränen«.


VIDEO: Fehlfarben – Wir warten

    GUTMAIR: Alles korrekt. Es gibt aber keinen Grund, warum man nicht auch 2010 ›wir‹ und ›ihr‹, ›ich‹ und ›du‹ sagen können sollte. Schon damals, auf Fehlfarbens »Monarchie und Alltag« oder »Resistance« von Family 5, war das Erzähler-Ich ein gebrochenes. Eines, das die Konfrontation auch gegen die eigene Sprecherposition gerichtet hat. Peter Heins Erzähler befindet sich in seinen besten Momenten in einer deleuzeianischen »Guerilla mit sich selbst«: Es ist oft nicht klar, ob er sich nicht in einem Selbstgespräch befindet, wenn er »du« singt. Auch das Einverständnis mit diesem Erzähler lebt davon, dass es die Identifikation mit einem ist, der sich selbst nicht über den Weg traut.

    LINTZEL: Es darf bezweifelt werden, dass das Sprecher-Ich Peter Heins immer ein Gebrochenes war. Es war weder jemals eindeutig gebrochen, noch war es sich selbst je gewiss und geklärt. Eher hat es sich in einem performativen Akt erst zu dem selbstgewissen Ich aufgeschwungen, das dann von dieser Warte aus heftige Behauptungen und Urteile in die Welt hinausjagen konnte. Und bis heute lebt das ganze Narrativ Peter Hein ja davon, dass er eben nicht ›mitgemacht‹ hat, er sich im Gegenteil in den entscheidenden Karrieremomenten selbst Stöcke zwischen die Beine warf – siehe dazu auch Jürgen Teipels »Verschwende deine Jugend«. Dass er sich immer wieder selbst im Weg stand, hat aber weniger mit einem Guerillakampf gegen sich selbst zu tun, sondern mit der neurotisch-pubertären Angst, so zu werden wie ›die‹. Das kann aber jeden Moment passieren, deswegen ist es in der Tat richtig, sich selbst nicht über den Weg zu trauen. Aber der Feind sind eben primär die anderen, nicht man selbst. Mit ›denen‹ waren denn auch alle möglichen Kretins gemeint, natürlich auch ganz banal so etwas wie die hegemoniale deutsche Popmusik (auf keinen Fall wollte Hein der neue Rio Reiser werden) – aber auch alle anderen unerträglich selbstbewussten Subjekte, die ihr Ding durchziehen. Das performative Paradox und das eigentlich Aufregende an Peter Hein trat dann insbesondere zu Zeiten von Family 5 zu Tage – das war die Band Xaou Seffcheques, bei der Peter Hein auch sang –, dass er diese Hyperskepsis in einer radikal verschwenderischen und vitalistischen Geste kundtat. Seine Bühnenperformance ging ja immer an die Grenzen des kräftemäßig Möglichen, und nach dem Konzert waren stets das schöne weiße Hemd zerfetzt und der Mikroständer beschädigt. Das Bühnensubjekt war stets und mit Verlässlichkeit wunderschön im Desolaten angekommen.

    HÜBENER: Für den Titel »größter lebender deutscher Popsänger«, der ihm hier verliehen wird, nörgelt der Haderer Hein zu sehr an der ihn umgebenden Gegenwart herum. Sein antimodernistisch-kulturpessismistischer Affekt, der sich in anachronistischen Textzeilen wie »Was hat man sich gefürchtet / Ob der Blockwart etwas weiß / Doch in jedem Forum gibt man die Penislänge preis« (»Leute Vielleicht 5«) äußert, ist nicht besonders weit vom Ressentiment des Alt-Achtundsechzigers entfernt, der die Kultur der Jugendlichen nicht mehr kapiert und sich fragt, weshalb die jetzt twittern und nicht artig kritisch sind und Brecht lesen. Seine Diagnose, das Private werde immer öffentlicher, ist olle Soziologie. Gleichwohl ist diese schizoide Entfremdungsstimmung, die das Album verströmt, toll. Man mag gegen Peter Heins mit kunstloshemdsärmeligem Zorn vorgetragene Gegenwartsdiagnostik nichts Substanzielles vorbringen. Dennoch würde man sich schon gern einmal von einem neuen Fehlfarben-Album überraschen lassen.

 

<a href="http://fehlfarben.bandcamp.com/album/gl-cksmaschinen" _fcksavedurl="http://fehlfarben.bandcamp.com/album/gl-cksmaschinen">Neues Leben (Preview) by Fehlfarben</a>

LABEL: Tapete Records | VERTRIEB: Indigo | : 12.02.2010

2 KOMMENTARE

  1. Rezension II – Fehlfarben…

    In der gestrigen Online-Ausgabe der FAZ bin ich auf eine Besprechung von Tobias Rüther des neuen Fehlfarben-Albums Glücksmaschinen gestoßen.Fehlfarben, das sagte mir etwas, hatte ich doch einmal das Album Monarchie und Alltag, mit dem ich mich dam…

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