Fauve & Raphelson

Es ist immer wieder umwerfend, auf welche Weise ein Orchester in der Lage ist, relativ konventioneller Popmusik zu Tiefe, Körperlichkeit und Larger-than-Life-Existenzialität zu verhelfen. Das klappt allerdings in der Regel nur dann, wenn es nicht als bloßer Klangkleister missbraucht, sondern eingesetzt wird, um die Leerstellen von Stücken produktiv auszumalen und an den Skizzen offener Songs weiterzuzeichnen. Im Falle des letztjährigen, im übrigen recht jazzfernen Auftritts der beiden französischsprachigen, doch auf Englisch singenden Schweizer Fauve und Raphaelson beim renommierten Montreux Jazz Festival am Genfer See, der jetzt als CD und DVD vorliegt, gelingt dies wunderbar.

    Fauve heißt eigentlich Nicolas Julliard, ist Crooner und hat 2006 sein Debütalbum veröffentlicht, auf dem er Broadway-Melodien, kurze Bossa-Nova-Ausflüge, Easy Listening- sowie Elektronikschnipsel mit klassischem introvertiertem Melancholiker-Songwriting verrührt. Raphaelson ist Sänger der Indierockband Magicrays, was man bei seinen intimistisch-dichten und komplett schweißfernen Auftritten im Wechsel mit Fauve aber keinesfalls merkt. Sein hoher, sehnender Gesang erinnert an die Mischung aus Versunkenheit und Entschlossenheit, die gewissen Songs-Ohia-Momenten zu eigen war, bevor sich Jason Molina allzu sehr auf die Abarbeitung seiner Neil-Young-Vorliebe konzentrierte. Manchmal droht er ins gesteigert Larmoyante zu kippen, wie man es – auf einem technisch freilich dann doch sehr viel höheren Niveau – vom New Yorker Antony Hegarty von Antony And The Johnsons kennt. Der zart-wisprige Gesang beider ist auffällig spannungsarm, mitunter resignativ und übermittelt doch eine Ausgesöhntheit mit der Welt. Die zeitweilige Müdigkeit des Vortrages Fauves erinnert manchmal an die des allerdings über ein ganz anderes stimmliches Register verfügenden Rufus Wainwright oder auch des Plush-Sängers Liam Hayes. Manchmal fehlt einfach der auf eine klimaktische Aufgipfelung folgende losschmetternde Ausbruch der beiden Sänger. Mehr als einmal denkt man sich beim Hören und Sehen: »Was hätte wohl ein Neil Hannon von The Divine Comedy mit einem solchen Orchester im Rücken alles angestellt!«

    Höhepunkt des Konzertes ist für mich denn auch bezeichnenderweise ein vokaler Gastauftritt: Neben dem Musiker und Produzenten John Parish (PJ Harvey, Dominique A), der hier Banjo spielt, und dem französischen Elektrojazzer Erik Truffaz an der Trompete zählt auch die charismatische Zürcher Folk-Sängerin Sophie Hunger zu den Special Guests. Das – leider – einzige Stück, bei dem sie die Lead-Vocal-Rolle innehat, eine Coverversion des 1966er Cher-Klassikers »Bang Bang«, welche eher der in sich gekehrteren Interpretation des Stückes durch Nancy Sinatra aus demselben Jahr folgt, ist eine einzige Method-Acting-Studie: Sophie Hunger singt nicht nur, sondern verkörpert das Stück selbstentblößend und ohne jede Angst vor Grimassen. Ihr Gesicht ist von permanentem Zittern durchlaufen – man spürt, wie das Publikum den Atem anhält bei diesem ergreifenden white soul in Vollendung. Janis Joplin, Judy Henske und Beth Gibbons hätten sich da, wenn sie ihn nicht gezogen hätten, zumindest respektvoll grüßend an den Hut getippt. Auch wenn mehr solcher magischer Momente schön gewesen wären, verdient diese Veröffentlichung nicht nur aufgrund des unaufdringlich und liebevoll gedrehten Konzertmitschnitts auf der DVD jede Beachtung.

LABEL: Gentlemen Music

VERTRIEB: Alive

VÖ: 20.03.2008

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