Father John Misty „God’s Favorite Customer” / Review

Father John Misty album cover (2018) God's Favorite Customer

God’s Favorite Customer ist der ideale Soundtrack für diejenigen, die gern halb hinhören.

Theodizee als Dosenöffner. Gleich der erste Song stellt Gott und die Welt in Frage: Was für ein Ort das sein muss, wo sich Ertrinkende gegenseitig aufschlitzen? Wirr metaphert Father John Misty sich am Symbol einer sinkenden Splatter-Arche ab – inklusive waidwunder Folklore und holprigem Versmaß. Was wollen Sie uns damit sagen, eure Mistyness? Vermutlich, dass gerade vieles schief läuft? Schon gemerkt. Und God’s Favorite Customer ist der beste Beweis dafür.

Nach dem moralinsauren Opener wechselt Misty gekonnt das Register. Die Welt hat ihre Schuldigkeit getan, die Welt kann gehen. Es folgen neun Tracks autoerotischen Befindlichkeitspops eines Songwriters der traurigen Gestalt; eine heroische Windmühlenschlacht gegen das eigene Ego: „What would it sound like if you were the songwriter / And loving me was your only unsung masterpiece?”, heißt es in „The Songwriter“. Well, möchte man antworten, who cares?

Well, möchte man antworten, who cares?

Irgendwas muss auch schiefgelaufen sein beim Redigat dieser Texte. Denn Misty schafft es, ein durch die Bank bedeutungsschwangeres Album ohne eine einzige Zeile von Bedeutung abzuliefern. Das ist schade, denn als zeitweiliger Schlagzeuger bei den Fleet Foxes hatte er sich ja neben deren Tendenz zum Meta-Folk auch ein durchaus anhörliches Falsett abgelauscht. Wenn man die englischen Untertitel im Hirn ausschaltet und nur auf die Musik horcht, klingt diese deshalb ganz vertraut und warm nach irgendetwas zwischen Sir Elton John, Justin Vernon und The Tallest Man On Earth. Melodien, so gefällig, dass sie sich von allein zu Ende pfeifen.

Hat Sinn: God’s Favorite Customer ist schließlich der ideale Soundtrack für diejenigen, die gern halb hinhören, geeignet zur wohlfühl-melancholischen Untermalung einer Rolltreppenfahrt in den Rooftop-Barbershop oder zum Marmelade einkochen. Monologe aus dem Palazzo des Selbst. „I’m in the business of living”, zitiert Misty sich selbst zu balladeskem Piano. Und: „Uhuuu (…) I need some company“. Tatsächlich gesellt sich der sphärendünne Singsang einer weiblichen Stimme zu den Tränen, die er über sich selbst vergießt. Richtig leiden kann er diese Begleitung aber nicht. Im Gegenteil: Bat der antike Rhapsode zu Beginn seiner Gesänge die Musenwelt um etwas Inspiration, endet Misty beleidigt mit einem Musenabgesang. Kein Solipsist, der Böses dabei denkt.

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