The Fat White Family: Die Hex‘ ist tot

Letztes Jahr mussten sie noch absagen, nun kommt die Fat White Family endlich auf eine von SPEX präsentierte Deutschlandtour. Zur Feier des Tages ein Porträt der Band aus SPEX N°354.

»London Grammar? Auf die würde ich nicht mal pissen, wenn sie in Flammen stünden.« Saul Adamczewski ist müde. Das legt jedenfalls der Tonfall nahe, mit dem er ausführt, dass die britische Rockmusik heute nur noch aus karrieregeilen Schnöseln bestehe. Der Londoner schmatzt auf indischem Essen herum, fuchtelt mit der freien Hand und redet sich in Rage: »Wenn die Mitglieder einer Band nicht wie Models aussehen und versprechen, schnell eine Stange Bares abzuwerfen, haben die Penner kein Interesse.« Die Penner – das sind natürlich die Entscheidungsträger der Majorlabels.

Adamczewskis Band The Fat White Family sieht nicht nach Models aus und wirft bisher auch kein Geld ab. Die sechsköpfige Truppe aus der Hausbesetzerszene im Londoner Süden wirkt eher wie eine Band, bei der die Augenringe die Geschichten erzählen. Sänger Lias Saoudi gibt eine abgehalfterte Version von Jimmy aus Quadrophenia ab, er wohnt über einer Kneipe in Brixton. Sieht man. Dennoch ruft derzeit halb England die Fat White Family als Rettung der Rockmusik aus. Die Inselpresse spricht wahlweise von der besten, spannendsten oder abstoßendsten Band des Landes. Dass sie der aktuell heißeste Liveacht sei, da ist man sich ohnehin einig.

Adamczewski hat dafür nichts übrig: »Wenn wir wirklich die Besten wären, stünde es noch schlechter als gedacht um England.« Dann vielleicht die Furchteinflößendsten? »Ach, das wollen die Leute doch nur sehen«, winkt er ab. »Das ist wie mit Horrorfilmen. Man will sich ein wenig gruseln, und jetzt sollen wir das eben besorgen.« Dabei tut die Fat White Family alles dafür, ihrem Ruf als Freakshow gerecht zu werden. Bei einem Londoner Konzert standen Schweinsköpfe auf der Bühne. Die Band organisierte die Besetzung des Büros der Immobilienfirma Foxtons. Im Video zu »Touch The Leather« tanzt unablässig Adamczewskis nackter Unterleib durchs Bild – und zur Krönung schafften es The Fat White Family am Tag nach Margaret Thatchers Tod auf den Titel des »Independent« – mit einem gehissten Banner, auf dem »The witch is dead« zu lesen stand.

»Natürlich wollen wir provozieren«, sagt Adamczewski, »aber nicht auf Teufel komm raus.« Bei aller Attitüde überhört man tatsächlich fast: The Fat White Family sind verdammt gut. Als Band. Ihr letztjähriges Debüt Champagne Holocaust klingt wie eine gemeinsame Drogenpsychose von Lou Reed, The Birthday Party und The Make-Up. Mit ihren Shows reißen sie alles ein, was in England seit dem Indie-Revival der Nullerjahre an musikalischen Nettigkeiten aufgebaut wurde.

Sänger Saoudi sieht in den Konzerten seiner Band Happenings im Sinne des Situationismus, jener Haus- und Hoftheorie des alten Punkadels, nach der die Massen mit Spaß und Spiel die Straße zurückerobern sollen. Das passt, versteht sich die Fat White Family doch als politische Band vom undogmatischen linken Rand – Adamczewski spricht immer wieder davon, dass London heute Schauplatz eines Klassenkrieges sei. Was in diesem noch von seiner Band zu erwarten ist, auch mit Hinblick auf ihr zweites, für Anfang 2015 angekündigtes Album? »Nichts. Wir werden immer depressiver, können uns kein Koks mehr leisten und verlassen das Land, wenn noch mal ein Tory an die Macht kommt.«

Dieser Artikel stammt aus SPEX N°355, die weiterhin versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich ist.

SPEX präsentiert The Fat White Family live
04.02. Berlin – Kantine am Berghain
05.02. Hamburg – Molotow
06.02. Köln – Blue Shell

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