Farao – Daumen hoch

Die Stunde des Gelzopfs hat geschlagen, kein Haar weht mehr im Wind. Für Faraos am Freitag erscheinendes Debütalbum Till It’s All Forgotten gilt: der Folk ist raus – das Feature aus SPEX N° 362.

Wer das Grübeln leid ist, zieht nach Berlin. In der Capital of Happiness kriegt jeder sein Glück weg. Auch Kari Jahnsen alias Farao, deren unbetitelte Debüt-EP 2014 in Trennungsopfer-Playlisten Schleife lief, hat in Berlin Optimismus gelernt. Obwohl man sie gewarnt hatte: Berlin mache schlaff, alles sei günstig und easy zu haben. Mehr Zeit, mehr Raum für fast nichts – ein gefährliches Pflaster, »vor allem für Musiker«, glaubt Jahnsen, »die ohnehin eine miserable Arbeitsmoral haben«. Vor kurzem ist die Exil-Londonerin dennoch von der Hauptstadt der working class heroes in die Hauptstadt der Hänger gezogen. Bislang sieht es nicht danach aus, als hätte sie sich dem 12-Uhr-Diktat unterworfen, das Berliner bereits mittags in Entscheidungsnot bringt: feiern oder schlafen? »Da habe ich schon vier Stunden hinter mir, das ist genug laziness

Geboren als Foo-Fighters-Fan nördlich von Oslo, sorgte Jahnsen früh dafür, dass ihr Vater einen Pick-up mieten und ein Klavier ins Wohnzimmer karren musste. Es gab eine Dave-Grohl-Phase, auf die sie in jedem Interview festgenagelt wird, eine Radiohead-Episode, die inflationär als Review-Referenz für »To Sleep Apart«, den progressivsten Track ihrer Farao-EP, herhalten muss – und schließlich Sigur Rós, die ihr mit Island die bisher stabilste musikalische Heimat lieferten. Als Farao taumelt Jahnsen zwischen diesen Polen. In der Künstler-WG klopft sie nachts bei ihrem Mitbewohner an, um ihm neue Stücke vorzuspielen. Ein Daumen hoch von Douglas Dare ist nicht der schlechteste Gradmesser. Schließlich, so Jahnsen, sei der Pianist das Ding im Portfolio des Londoner Labels Erased Tapes. Das lässt sie beiläufig in einem ihrer »you know«-Sätze fallen. Jahnsen beherrscht das Angeberprinzip. Das hat sie in einem dieser Angeberseminare auf der Musikhochschule in Liverpool gelernt. Die sie geschmissen hat.

Statt den Wert ihrer Kunst von Lehrern (deren Musikgeschmack sie nicht teilt) in Zensuren messen zu lassen, dickt Jahnsen die Songs mit Produzent Mike Lindsay (dessen Musikgeschmack sie teilt) im Reykjavíker Studio mit dem an, was den Farao-Sound die längste Zeit ausgezeichnet hat: Folk von der Miesepeter-Sorte. Mit der Single »Hunter« stürmt Jahnsen aus dem Schlafzimmer ins Tanzlokal. Die Stunde des Gel-Zopfs hat geschlagen. Kein Haar weht mehr im Wind, Farao im Jagd-Modus flirtet mit dem Beat. »Der Folk ist raus«, sagt Jahnsen zwei Jahre nachdem ihr die Zeile »I should have said goodbye« aus dem Stück »Tell A Lie« zur Pole-Position unter den Defätistinnen verholfen hatte. Inzwischen hat sie den Korg Delta entdeckt und synthesizert Richtung Disko. Für Sigur-Rós-Verhältnisse.

»Meine Eltern haben immer gefragt, ob ich nicht fröhliche Songs schreiben könnte«, erinnert sich Jahnsen. »Aber wie deplatziert wäre es, wenn ich zu Moll-Melodien über Eiscreme sänge?« Jahnsen leidet am Lyrical-Self-Syndrom: traurige Lieder gleich traurige Kari. Vielleicht hat sie dieses Depri-Diktat zur Upbeat-Revolte bewogen. Vielleicht aber auch ihre Ehrfurcht vor Künstlerinnen (also Björk), die Album für Album mit ihrer Vergangenheit brechen. »Die größte Angst von Musikern, die nie etwas verändern, ist, dass sie zu viel verändern könnten.«

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