Factory Floor

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Foto — Emilie Bailey

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Gabriel Gurnsey peitscht in manischer Präzession auf sein Schlagzeug ein, Dominic Butler schickt mit dem analogen Synthesizer messerscharfe Energieschübe über die Anlage, es kracht, pluckert, Nic Voids befremdliche Stimme und eine sezierende Gitarre fallen ein. Der britische Industrial tanzt wieder, hektisch, geometrisch, infizierend, natürlich um das ein oder andere post-Präfix ergänzt. Factory Floor heißt diese glückliche musikalische Fügung aus London, im nächsten Jahr soll auf dem US-amerikanischen Dance-Label von James Murphy & Co., DFA Records, ihr Debütalbum erscheinen. Endlich – it's been a long time coming.

    2008 wurde die Band erstmals wahrgenommen, gewann dann im Laufe der Jahre eine prominente Unterstützerriege, wie sie ihres gleichen sucht: Stephen Morris von Joy Division, Chris Carter und Cosey Fanni Tutti von Throbbing Gristle, Richard Kirk von Carbaret Voltaire, Keith McIvor von Optimo (Espacio), Ali Wells alias Perc; sie alle waren irgendwie als Remixer, Labelchef oder Produzenten in die bisherige Karriere des Trios involviert. Carter und Tutti nahmen mit Void sogar ein eigenes Album, Transverse (Rezension in Spex #338), auf. Eine Nacht vor ihrem ersten Deutschlandauftritt hat Spex die streitbaren Drei zum Interview getroffen. Eine Wiederbegegnung.

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Vor drei Jahren hatte ich das Glück, euch beim Londoner Offset Festival zu sehen. Es herrschte Dauerstrobo, die Musik prügelte auf einen ein. Was hat sich seitdem verändert?
GG: Wir haben uns seitdem sehr gewandelt. Alles ist einfacher geworden, arbeitet besser zusammen. Wir sind uns mittlerweile sicherer über unseren Sound.
NIC COLK VOID: Strukturen sind entstanden, bessere Songs und ein besseres Verständnis. Wir haben in allen Belangen experimentiert, haben etwa das Schlagzeug quer über die Bühne verschoben oder inmitten des Publikums gespielt, und sind immer elektronischer geworden. Die Band ist gewachsen.
DOMINIC BUTLER: Bei den Visuals arbeiten wir jetzt mit dem Künstler Dan Tombs zusammen. Er erforscht die Wirkung analoger Videoaufnahmen, womit er sehr gut zu unserem musikalischen Ansatz passt. Der Loop aus dem Two Different Ways-Video stammt von ihm. Vieles orientiert sich an der Geometrie.

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Ihr sollt ohnehin eine Vorliebe für das Visuelle und gerade Postkarten haben. Ich habe euch ein paar Motive mitgebracht. Was assoziert ihr damit?
DB: (greift: Jakob Philipp Hackert Feuerwerk auf der Engelsburg in Rom) Es erinnert mich an ein Bild Turners oder eine Explosion. Unsere Sets sind ähnlich. Spontan, intensiv, und dadurch explosiv.
GG: (greift: Johannes Itten Farbkreis) Das Bauhaus ist unglaublich, ich habe es besucht. Mein Großvater hat sich nebenher sehr stark mit Psychologie, noch stärker aber mit Farbstudien beschäftigt. Der Kreis ist schlicht und ikonisch, befriedigt zugleich.
DB: Wenn du instinktiv ein paar Farben zusammensetzen müsstest, würdest du diesem wohl unbewusst sehr nahe kommen.

Welche Verbindung besteht zwischen Factory Floor und Disziplinen wie der Architektur oder Geometrie?
GG: Das Dreieck ist ein interessanter Ausdruck für uns. Erst wenn unsere drei Punkte zusammenkommen, entsteht unser Sound. Trotz der zahlreichen Strukturen bleibt es dabei stets organisch; auf der Bühne bleibt Raum für Improvisationen.
DB: Und dennoch meine ich, dass das alles, was sich so natürlich anfühlt, letztendlich doch latent auf Algorithmen basiert. Auch die Natur folgt den Zahlen.
NV: Bei unserer Arbeit am Institute of Contemporary Arts in London, ICA, stellen wir dem »natürlichen« analogen Klang den programmierten und strukturierten digitalen gegenüber. Dieser Kontrast macht uns aus.

Er findet sich auch in deinen Texten, wo du immer wieder auf Einheiten wie Wörter zugunsten langgezogener Laute verzichtest.
NV: Exakt. Bei uns entsteht zuerst die Melodie, auf die ich dann erst einzelne Töne, dann Wörter setze, um die herum ich dann den Rest texte. Die Verse bildet das Experiment.

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Dennoch, dass schöne Dreieck sollte für euch, Dominic und Gabriel, erst gar nicht existieren. Nic soll sich förmlich in die Band hineingedrängt haben.
GG: Das war eine Entwicklung, die jetzt aber nicht relevant ist. Für uns ist immer nur der Istzustand aussagekräftig. Jedoch, schon die erste gemeinsame Probe erschien mir übersinnlich. Plötzlich fand alles seinen Platz, kam alles zusammen. Das war seltsam. Dabei waren wir zuvor eigentlich gar nicht unzufrieden gewesen.
DB: Nics Dazustoßen eröffnete uns völlig neue Möglichkeiten, obwohl wir damals noch nicht lange zu zweit zusammengearbeitet hatten. Alle Vorurteile fielen von uns ab.

Nic, du warst zuvor langjähriges Mitglied von KaitO. Was waren deine Erfahrungen?
NV: Ich mochte es einfach nicht, mit dieser Band zu touren, alles war limitiert. Factory Floor gaben mir völlig neue Zugänge zur Musik, schon allein durch unsere gemeinsame Einstellung.

Die Resonanz darauf könnte kaum besser sein. Keine andere gegenwärtige britische Band weiß wohl so viele prominente Musikpioniere als UnterstützerInnen hinter sich wie ihr.
GG: Ich denke, ihnen gefällt, dass wir die Musik so angehen, wie sie es damals auch getan haben bzw. heute tun würden. Da ist ein sofortiges Verständnis und eine gemeinsame Mentalität da. Unsere Kollaborationen folgen jedenfalls keiner Marketingstrategie oder einem Sound, sondern rein einer bestimmten Attitüde. Andersherum haben wir Bands wie Joy Division natürlich gehört und ganz weit am Anfang hatte ihre Produktionstechnik auch uns beeinflusst, aber so etwas spielt schon seit langem keine Rolle mehr. Man kann nichts nachmachen, ohne dabei nicht unehrlich zu sein, ohne nicht prätentiöser Mist zu werden.
NV: Das Interessante sind die unterschiedlichen Aspekte dieser Zusammenarbeiten. Chris (Carter) und Cosey (Fanni Tutti) hatten von Anfang an ein Liveprojekt im Kopf, Stephen (Morris) hingegen bekam eine Promo ohne Absender zugesteckt.
GG: Es war wahrscheinlich unser Ex-Ex-Ex-Manager Paul (Smith, war auch für Throbbing Gristle tätig), aber sicher sind wir uns da nicht. Stephen und Gillian (Gilbert, Morris’ Frau und New Order-Mitglied) waren sehr inspirierend für uns und wir wiederum für sie.

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Werden diese Verbindungen gleichzeitig auch zur Limitierung? Kevin Cummins, der mit euch zum ersten Mal eine jüngere Band in langer Zeit fotografierte, erzählte mir kürzlich, dass er euch unbedingt wie New Order aussehen lassen wollte. Als Clash Music Nic interviewte, kamen sie nicht drumherum, Graham Lewis von Wire als Gegenüber zu wählen.
NV: Oh, wie New Order sahen wir dann aber doch nicht aus. Graham hingegen ist ein Freund. Wir teilen mit dieser Generation schlichtweg den investigativen Zugang zur Musik. Gleichzeitig scheren wir uns nicht über die Meinung der Leute.
GG: Natürlich ist das auch schmeichelhaft.
DB: Ich wünsche mir hingegen, dass man endlich auch die Augen öffnet. Wir haben uns schließlich von diesen ganzen Einflüssen schon lange wegbewegt, weiterentwickelt.

Was sich sicherlich auf eurem Debütalbum im nächsten Jahr zeigen wird. Wie wird es gestaltet sein?
GG: Wir arbeiten gerade noch daran. Es wird Factory Floor bleiben, aber …
DB: Nein, in solchen Momenten musst du sagen: »Wir werden sehen.«
GG: Okay. Wir werden sehen!
DB: Wir überlegen, Two Different Ways noch einmal mit draufzunehmen, ansonsten wird es ganz neues Material sein.

Das bei DFA Records aus den USA erscheinen wird, die bereits Two Different Ways als Single veröffentlichten. Dennoch kommt es m.E. überraschend: Mit eurem Sound und euren Verbindungen hätte ich euch eher bei Mute gesehen, mit deren Toningenieur und Mixer James Aparicio ihr bereits aufgenommen habt.
GG: Das ist sehr lange her und auch jede Menge Mist gemacht. Eine Unterschrift bei Mute hätte eben jeder von uns erwartet. Das wäre langweilig für Mute und für uns gewesen. DFA ist ein toller Gegensatz zu unserer Musik, sitzt zudem in New York.
NV: Mit Mute, die auch in London sind, hätten wir zu sehr in unserem eigenen Saft geschmort. Wir wollten aber etwas Neues machen, eine neue Tür öffnen und durch diese hindurchtreten, so wie wir es bereits mit vielen anderen Türen zuvor getan hatten. Das hätte uns ein Label in London einfach nicht ermöglicht.
DB: Ich wünschte Labworks Germany würde noch existieren. Bei diesem Label hätten wir sofort unterschrieben. Für uns ist es vor allem interessant, was wir alles mit dem Album anfangen können. Wir haben uns etwa in einem Lagerhaus in die Mitte des Publikums gestellt, rundherum ein quadrophonisches Soundsystem, auf dem wir unsere Musik bewegt haben. So etwas wollen wir mit der Platte weiter vorantreiben, etwas Eigenständiges, Bedeutendes schaffen.
NV: Am ICA haben wir gerade die Künstlerresidenz für ein Jahr inne, organisieren wir spezielle Kollaborationen an vier Abenden. Peter Gordon wird im September kommen, später vielleicht Liars. Es ist eine große Herausforderung und erlaubt es uns, unsere Kreativität stärker ausleben zu können, als es die Plattenindustrie zulassen würde. Kunst und Musik sollen bei uns verschmelzen.

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Heute Abend treten Factory Floor beim Leisure System im Berghain auf, das neben DJ-Sets von Joy Orbison und The Hacker auch ein exklusives Liveset von Kuedo sowie eines von Lazer Sword umfassen wird. Die Remix EP von Factory Floors Two Different Ways erscheint am 27. August bei DFA mit Remixen von Richard Kirk und Perc.

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