Mit der Ankündigung seiner eigenen Kryptowährung Libra offenbart Facebook seine Bestrebungen, too big to fail zu werden. Das ist immens gefährlich. 

Der Bitcoin hat bis heute genau zwei große Probleme. Man kann erstens nicht wirklich damit bezahlen. Zweitens unterliegt er starken Wertschwankungen. Zu Geld im eigentlichen Sinne ist die wohl bekannteste unter den Kyptowährungen damit bisher nicht geworden. Sondern vielmehr zum beliebten Spekulationsobjekt mit großem technologischem Potenzial (cf. Blockchain). 

Krypto ohne den Push von unten, aber mit der Macht eines großen Konsortiums – Facebooks Libra (Bild: SPEX).

Kein Wunder also, dass die Vermeidung dieser beiden Schwächen im Zentrum von Facebooks neuestem Megaprojekt steht. Libra, wie der kalifornischen Konzern seine hauseigene Kryptowährung getauft hat,  soll zum ersten international funktionierenden digitalen Zahlungsmittel werden. Wie Facebook kürzlich in San Francisco verkündete, soll die Währung im ersten Quartal 2020 als sogenannter stablecoin an den Start gehen. Das heißt, dass Libra in seinem Wert durch wirkliche Güter (beispielsweise Bankdarlehen oder Staatsanleihen von stabilen Zentralbanken wie etwa der Deutschen) gestützt sein wird. Das vermeidet Kursschwankungen wie beim Bitcoin und macht die Währung weniger anfällig für Spekulation. 

Gleichzeitig soll die Verwaltungs- und Entscheidungsebene in Sachen Libra bei einem Konsortium großer Firmen liegen. Von Visa, Mastercard und Paypal (den weltgrößten Bezahldiensten) bis zu Spotify, Vodafone, Uber und Lyft haben bisher rund 30 Firmen zugesagt, darunter auch einige venture capitalists. Bis zur geplanten Einführung sollen es 70 sein. Und selbstverständlich soll Libra auch über Facebooks Messenger, Instagram und Whatsapp nutzbar sein. Womit das zweite Problem vieler Kryptowährungen gelöst wäre. Mit der immensen Marktmacht seiner Partner im Rücken und den 2,5 Milliarden Nutzer_innen von Facebooks sozialen Netzwerken unterm Gürtel wird Libra ohne Umwege zum integrierten Zahlungsmittel einer riesigen Gruppe Menschen. Akzeptanzprobleme? Pustekuchen.

Mehr Macht, mehr Daten, mehr individuelle Details

Das ist höchst problematisch. Die automatische Integration in eine Vielzahl von Produkten und E-Commerce-Anwendungen ist zwar komfortabel für die Kund_innen. Aber eben auch immens gefährlich. Facebook und seine Associates würden damit auf einen Schlag nicht mehr nur einen Großteil des globalen Werbemarktes kontrollieren – sondern auch des Geldverkehrs. Kein Wunder also, dass Regulator_innen in den USA wie Europa bereits interessiert die Entwicklungen im Silicon Valley beobachten. 

Denn Fakt ist: Schon jetzt ist die Macht der Tech-Giganten zu groß. Und die Einbindung einer eigenen Währung bedeutet vor allem eins: noch mehr Daten. Und damit mehr kleine individuelle Details, die ein Konzern zentral ansammelt – oder im konkreten Fall eben ein beängstigend großes Konglomerat. In einer Welt, in der sich Facebooks Libra durchgesetzt hat, weiß der Konzern nicht mehr bloß, wo wir alle sind, was wir mit unserer Zeit anfangen und über was wir mit wem sprechen. Sondern auch was wir einkaufen. Könnte es ein perfekteres Konsument_innenprofil geben? Wohl kaum. Denn ähnlich wie Alipay, das Bezahlsystem des chinesischen B2B-Handelsriesen Alibaba, und Wechat Pay, dem ebenfalls in China erfolgreichen Bezahlsystem des Kommunikationsgiganten Tencent, hätte Facebook mit Libra eine Transparenz über das Leben seiner Nutzer_innen, die man nur noch mit einem autokratischen Überwachungsstaat vergleichen kann. 

Zwar verspricht der Konzern um Mark Zuckerberg, niemals die Daten von Libra-Nutzer_innen für Werbezwecke verkaufen zu wollen. Aber die Rechnung ist einfach: Noch mehr Daten sind schlicht noch mehr wert. Erinnern wir uns nicht noch genau an die Versprechungen vor dem Skandal um Cambridge Analytica? Und selbst wenn Facebook es mit seiner privacy policy ernst meinen sollte, macht allein die schiere Masse an Daten das Projekt zum Heiligen Gral aller möglichen Datendiebstähle. 

Es ist also gut möglich, dass Libra schon vor seiner Geburt stirbt. Auch weil eine solche Währung ein zu hohes systemisches Risiko darstellt. Man stelle sich nur einmal vor, Libra würde so sehr Teil des globalen Finanzsystems, wie Facebook sich wünscht. Was würde eigentlich passieren, wenn Facebook, oder die für Libra gegründete Dachorganisation Calibra in eine Schieflage gerät? Wollen wir ein privates Geld von profitgesteuerten Unternehmen, das im Zweifelsfall doch von der Öffentlichkeit gestützt werden muss? Weil es too big to fail ist? Lieber nicht, Facebook.

Letztlich muss man festhalten, dass Libra rein gar nichts mit dem tendenziell linken, die Staatsmacht subversierenden Demokratisierungstraum gemein hat, mit dem Krypowährungen oft verbunden wurden. Eine Alternative zur Staatswährung mag Libra sein, klar. Aber wollen wir die Macht lieber bei großen Tech-Konzernen sehen? Zudem bei einem, der das Vertrauen seiner Nutzer_innen in der Vergangenheit immer wieder durch fadenscheinige Praktiken verspielt hat? 

Der Traum ist aus

Aus der Krypto-Community zumindest kam in den Tagen nach der Ankündigung erst einmal deutlicher Gegenwind; größtenteils stellt man sich dem Mainstreaming der ursprünglich kontroversen und hoffnungsvollen Idee entgegen. Diese Tendenz ist nicht zu unterschätzen. Denn wenn eine potenziell erfolgreiche Kryptowährung etwas wirklich dringend braucht, ist es Vertrauen und ein gewisser Enthusiasmus. Mit einer Graswurzelbewegung, wie es sie einst bei Ethereum gab, kann Libra nicht rechnen. Und auch für durchschnittliche Internet-Shopper_innen mag die neue Möglichkeit vielleicht auf den ersten Blick bequem erscheinen. Gleichzeitig sorgen sich immer mehr Menschen um ihre Daten. Zu Recht! Also Krypto ohne den Push von unten, aber mit der Macht eines großen Konsortiums? Und ohne das Sicherheitsversprechen des Staates? Klingt nach keiner guten Idee.

Was also ist zu tun? Eigentlich führt kein Weg mehr an einer Aufspaltung vorbei. Selbst Facebook-Mitgründer Chris Hughes setzte sich kürzlich – und noch vor der Enthüllung des geplanten neuen Geschäftsbereichs – für diese Option ein. Dafür sprechen zwei simple Gründe. Erstens ist es grundsätzlich eine dumme Idee, einen Konzern, der sich schon heute als eine Art inoffiziell gewählte Regierung sieht, zusammen mit 70 weiteren Unternehmen einen potenziell systemkritischen Geschäftszweig erschließen zu lassen, der ihn um ein Vielfaches mächtiger würde werden lassen. Denn zweitens ist es primäre Aufgabe eines Staates, seine Bürger_innen und damit auch Konsument_innen zu schützen.

Mit einer (zumindest temporären) Zerschlagung würde aber auch der Staat sich selbst schützen. Aufgrund simpler Lernschwierigkeiten befindet sich die öffentliche Hand nämlich weiterhin nicht annähernd auf Augenhöhe mit den immer schnelleren Entwicklungen innerhalb der Tech-Branche. Es wäre beinahe unverantwortlich, eine so invasive Entität mit so weitreichender Macht weiter unkontrolliert wachsen zu lassen, solange man auf inhaltlicher und technischer Ebene nicht mithalten kann. Einzelne Konsument_innen haben längst nicht mehr genug Einfluss auf ein Unternehmen dieser Größe. Also muss der Staat einspringen. 

Klingt ungewohnt? Sicher, zumal Aufrufe zu mehr Regulierung zunehmend auch aus der Internetgemeinde selbst kommen, die sich über Jahrzehnte verlässlich gegen staatliche Eingriffe sträubte. Das ist ein Zeichen für einen generellen Kulturwandel. Der Traum vom freien, grundsätzlich liberalen Raum im Netz ist ausgeträumt. Die einstige Utopie vom radikalen Gleichmacher ist zum Spielfeld für die Geschäftsinteressen von einigen wenigen Großkonzernen geworden. Dass der Staat dabei wieder an Attraktivität gewinnt, ist nur logisch. Denn welche Realität klingt besser? Eine von 70 Unternehmen gelenkte Privatwährung? Oder die Transparenz und Stabilität von Euro und Co.?

Johannes Lenhard ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Koordinator am Max Planck Cambridge Centre for Ethics, Economy and Social Change.