Mit Extinction Rebellion geht der globale Klimaprotest in eine neue, radikalere Phase. Das könnte gut gehen, wenn er denn wirklich konsequent wäre.

Blockieren, stören, den Status Quo aufwirbeln. Es ist die Woche von Extinction Rebellion (XR). Überall auf der Welt versuchen Klimaaktivist_innen in diesen Tagen, den Verkehr lahmzulegen und die geregelten Abläufe des Alltags zu unterbrechen. In Berlin, Paris und London. Aber auch in Mumbai, Sydney und Wellington. Aus Protest gegen die anhaltende „Too little too late”-Mentalität ihrer Regierungen im Angesicht der globalen Klimakrise soll die Kritik handfest werden. Extinction Rebellion versteht sich als eine erwachsene Ergänzung zur „Fridays for Future”-Bewegung. Eine radikalere Version des Schüler_innenstreiks, die auch den Bruch von Gesetzen nicht scheut.

Systemwandel? Jawohl, so weit, so gut (Illustration: SPEX).

Diese Radikalität ist der Dramatik der Situation angemessen. Sie ist sozusagen der nächste logische Schritt. Der Kampf gegen die Klimakrise ist an einem entscheidenden Punkt angekommen. Die Chancen sind da, tatsächlich Veränderung herbeizuführen. Aber ebenso das Risiko, eine gerechtere Zukunft zu verspielen.

Vor einigen Wochen beschwor der Extinction-Rebellion-Mitbegründer Roger Hallam, ein britischer Umweltaktivist, in einem Interview mit der Zeit die gesellschaftliche Breite und Offenheit des Aktivist_innenbündnisses: „Anders als klassische linke Bewegungen schließen wir niemanden aus, auch jemand, der ein bisschen sexistisch oder rassistisch denkt, kann bei uns mitmachen.”

Absurd ist diese Formulierung schon deshalb, weil sie problematische Denkmuster der Bürgerlichen und Konservativen nachzeichnet. Sie spricht Menschen an, die sich als Sexist_innen und Rassist_innen missverstanden fühlen und die die unbegründete Angst hegen, deshalb nicht mehr partizipieren zu dürfen: Da sagt man einmal was Dummes … In Wahrheit verhält es sich ja genau umgekehrt: Rassist_innen und Sexist_innen muss man nicht einladen. Die sind ja qua Beschaffenheit unserer Gesellschaft sowieso schon dabei. Vielmehr muss sich eine Bewegung, die für globale Gerechtigkeit einsteht, besonders darum bemühen, Räume und Strukturen zu schaffen, in denen gerade Women of Color, andere PoC, indigene und andere marginalisierte Gruppen teilhaben können.

Die Welt kann nur gerettet werden von allen, für alle

Nun zeigen die Reaktionen auf die Äußerungen von Hallam: Er steht nicht für die Gesamtheit von Extinction Rebellion. Vielleicht nicht einmal für einen kleinen Teil. Die Bewegung hat keine Hierarchien, sie ist dezentral organisiert. Nach eigenen Angaben existieren 331 Ortsgruppen in 49 Ländern auf sechs Kontinenten. Man könnte Hallams Worte als Einzelmeinung abtun, wenn sich in ihnen nicht ein grundlegendes Problem der großen Klimaproteste unserer Zeit offenbaren würde.

Die Welt kann nur gerettet werden von allen, für alle. Und durch einen Systemwandel. Ein Wort, das man dieser Tage immer wieder auf Demo-Plakaten liest: system change. Jawohl, so weit, so gut. Der entscheidende Punkt aber ist, dieses System als das zu benennen, was es ist: ein patriarchal organisiertes, christlich geprägtes, kapitalistisches System der white supremacy. Ein System, das auf kolonialen Strukturen und der Ausbeutung des Globalen Südens beruht. Zu sagen, dass Rassismus und Sexismus in diesem System eine wichtige Rolle spielen, wäre hart untertrieben.

Wer das Problem nicht in der Gesamtheit seiner globalen Auswirkungen und historischen Verwicklungen sieht, wer aus vermeintlicher Sorge um das Wohlwollen der gesellschaftlichen Mitte „eins nach dem anderen” lösen will, ist zum Scheitern verurteilt.

Es ist in diesen Tagen ein beliebter Vorwurf in Richtung des progressiven Teils der Gesellschaft, die Welt in einem quasi-religiösen moralischen Eifer in zwei Lager einzuteilen. Entweder gut oder böse. Entweder woke oder gecancelt. Das stimmt nicht. Im Gegenteil. Sind es doch allzuoft genau jene Stimmen, denen diese Schwarz-Weiß-Malerei vorgeworfen wird, die sich eben nicht mit der einfachen Erklärung und der einfachen Lösung begnügen. Es geht nicht um die problematischen Äußerungen einer Einzelperson. Es geht darum, wie symptomatisch Hallams Äußerungen für große Teile des Klimaprotests sind. Für die Unfähigkeit, die eigene Position zu hinterfragen, Komplexität zuzulassen, die eigenen Verwicklungen im System zu erkennen und danach zu handeln.

Komplexität zulassen, das bedeutet im Fall der Klimaproteste: Wer von der Rettung des Klimas mit Hilfe eines Green New Deal nach dem Vorbild von Franklin D. Roosevelts New Deal spricht, muss auch die rassistischen Diskriminierungen sehen, die damals mit diesem staatlichen Investitionsprogramm einhergingen, das sich vor allem an weiße, männliche Arbeiter richtete. Der New Deal wird zwar immer wieder als Paradebeispiel einer gelungenen Reformpolitik zur Überwindung einer großen gesellschaftlichen Krise herangezogen, produzierte aber eine ganze Reihe von Verlierer_innen: Schwarze Farmer_innen, die von den weißen Banken keine Kredite erhielten, und deshalb in desaströsem Ausmaß Ackerland an weiße Unternehmer_innen verloren. Oder indigene Völker, die massive Verletzungen ihrer Landrechte erdulden mussten, um Raum für neue Infrastrukturprojekte zu schaffen. Eine Politik, die sich heute am Umfang und an der Vision des New Deal orientiert, muss ihre eigenen blinden Flecken hinterfragen, um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Systemwandel – oder Greenwashing-Plattform für den neuen Öko-Kapitalismus

Wer von Greta Thunbergs Arbeit und ihren Erfolgen schwärmt, darf von der jahrhundertelangen Geschichte des indigenen Widerstands, zum Beispiel in Nordamerika, nicht schweigen. Hier richten sich seit jeher Gruppen wie das American Indian Movement (AIM) oder die Mní-Wičóni-Bewegung („Water is life“) gegen die Ausbeutung und Zerstörung des Landes durch die Öl-Industrie. Thunberg selbst ist sich dieser Arbeit bewusst, vor wenigen Tagen hat sie die indigene Umweltaktivistin Tokata Iron Eyes besucht, am Dienstag sprach sie in Standing Rock, dem Ort der No-Dakota-Access-Pipeline-Proteste.

Komplexität zulassen, das bedeutet auch die Hintergründe einer Bewegung wie Extinction Rebellion zu hinterfragen. Erst im April dieses Jahres promotete der offizielle Twitter-Account der Bewegung eine Kooperation zwischen der internationalen Klimarevolution und einer Reihe von Geschäftsleuten, darunter der ehemalige CEO von Unilever, andere Investor_innen und venture capitalists. Nach unmittelbaren Protesten – auch aus verschiedenen Landesgruppen der Bewegung – wurde die dazugehörige Webseite XR Business offline genommen (die Kooperationspartner_innen lassen sich in diesem Blogpost nachlesen). In einer öffentlichen Stellungnahme entschuldigten sich die Verantwortlichen zwar („This happened in some haste in a particularly busy time, without full consideration by colleagues in XR UK and without the consent or awareness of any in the wider XR community.“), schafften es aber nicht, eindeutig Stellung zu beziehen. Was wiederum die Frage aufwirft: Wie positioniert man sich in einem System, dessen Grundmaxime Wachstum und Profit sind, und wie schafft man dabei einen Systemwandel, ohne sich zu einer Greenwashing-Plattform für den neuen Öko-Kapitalismus zu degradieren?

Die finale Haltung zum Kapitalismus bleibt ebenso unklar wie die Positionierung im Bezug auf marginalisierte Gruppen und neokoloniale Verhältnisse. Wenn man seine Prinzipien und Werte so schwammig formuliert, wie es die deutschen Ableger von Extinction Rebellion in ihrem gerade erschienenen Handbuch tun, kann man ernsthaft die rassistischen, sexistischen und diskriminierenden Strukturen angehen, die den Boden um die Wurzel des Übels der Klimakrise bereiten?  

All das sind Dinge, die benannt werden müssen, um effektiv globale Strukturen zerschlagen zu können, welche im Namen des Wachstums und des Reichtums der Wenigen auf die Ausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung der Vielen setzen.

Diese Fragen sind unbequem und sie mögen ein bisschen den wind of change aus den Segeln der Klimaproteste nehmen. Aber für einen echten Systemwandel müssen sie gestellt werden. Und beantwortet.