Exploded View „Obey“ / Review

Finstere Traumlandschaften treffen auf Abgesang, dissonanter No-Wave-Sound auf das Wiegenlied. Obey von Exploded View will nicht momentan sein, bleibt aber doch immer auf der Realität bestehen, vor der geflüchtet wird.

Ausgeträumt hat es sich noch lange nicht, wenn es nach Exploded View geht. Das internationale Projekt, das 2014 seinen Ursprung in Mexiko fand, lässt auf seinem zweiten Album Obey eine luzide Pop-Dystopie heranwachsen. In zehn Stücken umkreisen und überschreiten Annika Henderson alias Anika, Hugo Quezada (Robota) und Martin Thulin (Crocodiles) in krautrockiger Manier die Grenzen gewöhnlicher Songstrukturen und präsentieren dabei einen mannigfaltigen Streifzug durch diffuse Traumzustände diverser Art.

Gleich der bedrückend minimalistische Opener „Lullaby“ ebnet den Weg in die apokalyptische Scheinwelt. In weiter Ferne summt Henderson in düstere Klangdecken gehüllt eine beunruhigende Schlafmelodie. „Dark Stains“ ist hingegen ein schweißtreibender Fiebertraum, mit angsteinflößendem Basslauf und technoiden Synthesizern. Die ständige Suche nach der Auflösung der Form findet sich auch im Titeltrack „Obey“ wieder, der in seiner wellenhaften Struktur an einen haltlosen Rausch erinnert. Im Kontrast dazu ist die Dream-Pop-Nummer „Sleepers“ überaus konkret und greifbar. Hendersons zarte Stimme scheint dabei über allen Zweifel erhaben zu sein und lässt sich von einem klanglichen Wolkenbett tragen. Der dissonante No-Wave-Sound in Verbindung mit den halluzinogenen Gesangsmelodien kreiert einen nachdrücklichen Abgesang auf den Zustand der Wirklichkeit, während die multiinstrumental arrangierten Songs eine Alternative skizzieren: eine nebulöse Traumlandschaft.

„Obey“ verweigert in seiner Gänze das Fixieren eines konkreten Momentes und lotet vielmehr assoziative Gefühlswelten aus – klanglich und formell. Ein Mäandern zwischen no future und Realitätsflucht. Schall und Wahn im Jahr 2018.

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