Evvol Eternalism

Evvol verhelfen den Klängen vergangener Zeiten zu neuer Relevanz. Eternalism träumt in Sonic-Youth-Manier – aber nicht von 1985.

Das Überraschendste vorweg: Man findet hier keine Gitarrenwände. Besser so, Julie Chance und Jon Dark schmiegen sich auch ohne wall of Krach eng genug an Sonic Youth. Das erste Projekt des irisch-australischen Duos nannte sich nach der Major-Label-Premiere der Band Kool Thing, damals ein augenzwinkernder Fingerzeig in Richtung Feminismus. Nun heißt man, in Anlehnung an Evol, das vier Jahre zuvor veröffentlichte SY-Album, Evvol. Doch zum Glück wollen Chance und Dark nicht auch noch so klingen wie die Vorbilder. Im Gegenteil: Sonic Youth hätten womöglich geklungen wie Evvol, wären Thurston Moore und Lee Ranaldo Anfang der Achtziger etwa mit Klaus Nomi auf Tour gegangen, statt Glenn Branca die Gitarrensaiten zu verstimmen.

Zwar hört man auf Eternalism nach wie vor die Wirkungsstätte der frühen Sonic Youth in Form von Querverweisen zu diversen Klangmechanismen der New Yorker No-Wave-Szene durchschimmern, doch haben Evvol auf ihrem Debütalbum im Vergleich zu ihren Tagen als Kool Thing einen eigenen Platz im Reich düsterer Klänge gefunden. Im Grunde funktionieren die elf Songs wie die Fahrt in der letzten U-Bahn an einem Wochentag, wenn Zeit und Raum für einen kurzen Moment eine Auszeit zu nehmen scheinen. Man weiß, dass man viel zu spät nach Hause kommt, man muss am nächsten Morgen wieder früh raus. Egal, gerade diese seltsame halbe Stunde zwischen Wach- und Halbschlaf liefert die beste Kulisse, um sich von den am Tag ausgesparten Gedanken forttragen zu lassen. Und Eternalism hilft dabei: Chance und Dark beleuchten Erlebtes und fast Vergessenes, begleitet von Synthesizer- und Beat-Landschaften, die übernehmen, was nachts das Rattern der Schienen besorgt.

Dass Evvol damit keinen Innovationspreis gewinnen, ist so offensichtlich wie unerheblich. Deutlich hört man, was zwischen Achtziger- und Neunzigerjahren im Bereich der traumwandlerischen Musik vor sich ging: Kate Bush ist ebenso präsent wie die späten Cocteau Twins, die statischen Elemente der Flying Lizards oder die rhythmische Gewandtheit einer Lizzy Mercier Descloux. Doch das in Berlin lebende Duo kombiniert die Summe der Anleihen zu einem eigenen Entwurf düster-romantischer Nachtschattenmusik. Genau darin liegt Evvols Verdienst: Sie belassen es nicht etwa bei gekonnter Nostalgie, sondern berücksichtigen auch, was man in der Jetztzeit auf nächtlichen Bahnfahrten hört. Sanfte Versatzstücke von House und anderer Bassmusik verorten Evvol in der Gegenwart und verhelfen den Klängen vergangener Zeiten zu neuer Relevanz. Eternalism träumt – aber nicht von 1985.

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