Evangelicals

Die Evangelicals aus Oklahoma komprimieren auf ihrem zweiten Album ganze Plattensammlungen und streuen so massig Verweise und Zitate, dass man beim Versuch, sie zu entschlüsseln, glatt durchdrehen könnte. Von Endsechziger-Psychedelic bis hin zu einem erleuchteten Projekt wie The Polyphonic Spree scheint das geplünderte Archiv zu reichen, ein konkretes »Klingt gerade wie…«-Gefühl stellt sich aber trotzdem kaum ein, weil so polystrukturell vorgegangen wird, dass Momente klarer Erkenntnis sehr rar sind. Bombast, zarte Schönheit, Indiegedaddel – es ist erstaunlich, wie die Evangelicals es schaffen, all das so zu bündeln, dass es nicht wie eine angestrengte Aneinanderreihung von Antagonismen wirkt. Als Fan von The Fall, wo bekanntlich gerade mal eine einzige gute Idee für gut zwei Dutzend Platten gereicht hat, ist man hier völlig überfordert. Und wenn bis vor Kurzem die Flaming Lips als die Throninhaber des überschäumenden Fantasy-Pops galten, muss man nach dem Hören von »The Evening Descends« sagen: Diese Band verhält sich im Vergleich zu den Evangelicals geradezu wie Axel Schulz zu Muhammed Ali. Die Musik schimmert, wirkt wattig weich und doch gleich zeitig hochkomplex, sie schwebt, muss immer weiter, dreht sich und schraubt sich fort, nirgends kann man sich festhalten, man verliert förmlich die Haftung unter den Füssen und rutscht in diese Hallräume, die immer größer und größer und noch rutschiger zu werden scheinen. Totale Übertreibung scheint das erklärte Ziel zu sein, das Ausstellen reiner Kunst fertigkeit genügt den Evangelicals jedoch nicht, am Ende soll das Ganze ja weniger handgemacht als vielmehr bezaubernd und wie von einer höherern Macht erdacht klingen. Für Indieverhältnisse wird also in fast schon einer deephousemäßigen Weise die Gefühlsbremse gelockert, der Falsettgesang jubiliert, die Gitarre klingt meist nach der Sonne über Kalifornien und das Obskursynthie-Vielerlei lädt zum Drogenessen ein. Das junge und coole Indie-Hollywood, Wes Anderson und Konsorten, müsste die Evangelicals eigentlich schnell für ein paar Soundtracks vorsehen. Mehr Überschwang und Dramatik im Songformat ist schließlich gerade nur schwer vorstellbar. Eine Meisterleistung in Sachen Popentgrenzung.

LABEL: Dead Oceans / Secretly Canadian

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 22.02.2008

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