Euroteuro „Volume I“ / Review

Cover: Euroteuro „Volume I“

Band- wie Albumname von Euroteuros Volume I versprechen zweierlei: Zum einen, dass es sich um das Debüt der Wiener Gruppe handelt. Und zum anderen, dass diese ein Faible dafür hat, Wichtigkeiten in Nichtigkeiten zu verpacken, oder anders gesagt, das Doofe weise werden zu lassen. Klanglich bewegen sich Euroteuro dabei zwischen NDW, Elektropop, Post-Punk und Krautrock. 

„Ich kann mich nicht konzentrieren (…) / Denn es ist überall Gehirn“, singt Peter T. vom Wiener Art-Pop-Eurotrash-Quintett Euroteuro gleich zu Beginn ihres Debüts Volume I. Wer kennt das nicht? Wenn einem die Gedanken alle gleichzeitig durcheinander galoppieren? Oder man sich von diskursiven Schlaumeiern umgeben findet?

Ähnlich direkt aus dem Leben gesungen: „Autostopp“, das, wären Euroteuro eine deutsche Band, wohl „Trampen“ heißen müsste: „Aber niemand nimmt mich mit“, heißt es da. Ganz richtig! Ich vertraue mal drauf, dass ein nicht unerheblicher Teil der SPEX-Leserschaft alt genug ist, vor der heutigen Smartphone-Ridesharing-Economyscheiß-Vermarktung-des-Privaten-Hölle jung gewesen zu sein. Also weiß, wie es sich anfühlt, seit acht Stunden bei Lille oder Göteborg im Regen an der Autobahnauffahrt zu stehen. Damals war alles besser!

Überwindung des Hirns zwecks Findung des Hirns.

Das scheinen auch Euroteuro so zu sehen – und orientieren sich an NDW und Elektropop mit Post-Punk-Einschlag. Besagtes Anhalterlied etwa erinnert an F.S.K., aber auch die B-52s klingen an. Genretreu eher das Schnippische als das Emotionale im Stimmvortrag unterstreichend, tragen Sängerin Ninjare Di Angelo und Peter T. nützliche Ratschläge vor: „Ein Hobby ist ein schöner Zeitvertreib“ in „Hobby“ beispielsweise, aber auch Nihilistisches wie „Ich will kein Mensch sein“ in „Mensch“. (Vielleicht ein Eisbär?)

Doch wenn man ein bisschen sucht, etwa im Beinahe-Hit „Autogrill“, findet man auf Volume I auch ein gewisses Schlagerbewusstsein, das sich an wieder anderer Stelle, etwa im Closer „Hausverbot“, wundersam mit Krautrock liiert und so Raum für eine schillernde Melancholie schafft. Darin, im Finden eines Rahmens, der das Doofe weise werden lässt, liegt die Kunst, auf die sich diese lustvoll europäische Band versteht. Was Anfang der Achtzigerjahre neu war, kann auch heute wieder relevant sein: Das Clevere doof verpacken! Die Überwindung des Hirns zwecks Findung des Hirns! Eine Rettung ist also noch möglich: Die wirklichen Doofen sind in Wien zwar schon an der Macht. Aber sie haben noch lange nicht gewonnen!

Diese Albumkritik ist auch in SPEX No. 383 erschienen. Das Heft ist versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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