»Es ist selten so sexy« – Father John Misty im Gespräch

Josh Tillman alias Father John Misty alias der Fleet-Foxes-Drummer-turned-Bademantel-Folk-Dandy hat im vergangenen Februar das Liebes-/Anti-Liebesalbum I Love You, Honeybear veröffentlicht. Im Interview mit SPEX folgen nun weitere desillusionierende Einsichten über den vermeintlichen Spaß an der Musik und das Pochen in der linken Brust.

Josh Tillman, handelt das nächste Album wieder von der Liebe?
Nein, diesmal wird es eine Hymne auf die menschliche Ignoranz. Die Welt ist Chaos — Mensch zu sein bedeutet Chaos — doch wir tun so, als würden wir alles überblicken. Das neue Album ist ein Loblied auf jene, die nicht so tun, als hätten sie die Welt durchschaut.

Vielleicht brauchen manche diese Vorstellung, um nicht verrückt zu werden.
Natürlich — und den Versuch, sich dieser Vorstellung anzunähern, nennen wir Kreativität. Liebe zum Beispiel ist keine Sache, die irgendwo da draußen im Universum existiert und auf magische Weise in unserem Leben auftaucht. Es ist ein kreativer Akt und etwas, wofür man sich entscheidet.

Und die Sache mit Amor?
Der kommt und dich mit seinem Bogen abknallt? Anfangs gibt es vielleicht diesen einen unerklärlichen Moment, wenn sich zwei Leute begegnen. Mich interessiert eher, was danach passiert: Die Serie bewusster Entscheidungen, mehr und mehr Schichten voneinander abzutragen. Bis das erreicht ist, was wir Intimität nennen. Für mich ist das eine kreative Tätigkeit – wie Musik zu machen auch.

Liebe ist wie Musik machen?
Auch hier gibt es die Vorstellung, dass Musikern ihre besten Songs einfach entgegen schwirren. Es ist absolut bizarr, wie viele Künstler ihre Arbeit irgendeiner höheren Kraft zuschreiben — Bullshit! Ein Künstler trifft eine Entscheidung, er konfrontiert sich mit dem weißen Blatt Papier. Kreativität passiert, wenn man sich hinsetzt und es tut. Ich weiß, das klingt nach Schufterei und nimmt der Sache etwas den Zauber. Aber das ist nunmal, was es fucking ist. Vorsätzlich — und kein bisschen magisch.

Fühlt es sich wenigstens hinterher ein bisschen magisch an?
Ja und das ist ziemlich schrecklich. Bei der Arbeit für das neue Album, dachte ich wieder: Mann, letztes Mal war es so einfach. Es ist einfach so passiert. Aber nein, es ist nie »einfach so passiert«. Es ist jedes Mal dasselbe sture Glotzen. Bis es einen so sehr ankotzt, dass man sich entscheidet, es einfach zu tun.

Warum glauben trotzdem viele, durch den Äther gegangen zu sein?
Ich glaube, das ist einfach nur blöde Selbst-Mystifizierung. Künstler, die gerne glauben möchten, dass sie eine gewisse Andersartigkeit in sich tragen. Aber ehrlich: Es ist selten so sexy.

Liebe auch nicht?
Liebe findet heute zu großen Teilen online statt, deshalb gibt es so viele unerfüllte Beziehungen. Tinder zum Beispiel: Da ist nichts Rätselhaftes, es geht um Kompatibilität. Aber Liebe hat mit Kompatibilität nichts zu tun. Was Menschen verliebt macht, sind ihre Fehler und Mängel. Dinge, die gegen die eigene Intuition gehen und für die auf Tinder kein Platz ist.

Wie im Song »Honeybear«: »I’ve brought my mother’s depression / You’ve got your father’s scorn«. Und dafür soll man sich dann lieben?
Hier ist meine Verzweiflung, hier ist mein Pessimismus, hier meine schreckliche Sicht auf die Welt. Eigentlich will ich ja geliebt werden, weil ich klug bin und witzig. Und weil ich ein wunderschönes Leben führe — und checke mal bitte mein Instagram. Wahre Liebe bedeutet, sich für die unnennbaren, sinnlosen, immateriellen Dinge lieben zu lassen, die man selbst ganz schrecklich findet. Es muss der Moment kommen, in dem man am liebsten wegrennen möchte.

Sind Sie deshalb damals von der Band Fleet Foxes abgehauen?
Als das passierte, habe ich sehr für mich selbst gelebt, auf der Suche nach nur meiner eigenen Genugtuung. Ich war in dieser Band, weil ich hoffte, das würde die Langweile und mein ständiges Zweifeln aus meinem Leben räumen. Ich würde Kohle machen und damit Verantwortungen abgeben. Ich wollte das Chaos kontrollieren. Als ich dann meine heutige Ehefrau Emma traf, begann ich einen Wandel durchzumachen — und ich glaube die Romantiker hatten Recht mit ihrer Vermutung, dass man einen Partner braucht, um sich zu verändern. Für mich bedeutete diese Veränderung, meine Solokarriere zu starten, ob erfolgreich oder nicht.

Es gab in einem deutschen Magazin kürzlich einen Artikel, zu dem Vorhaben: Ab morgen wird alles anders. Die Autorin scheiterte — und machte am Ende ihren Alltag verantwortlich. Wie kann es klappen?
Da ist dieses Bukowski-Zitat: »Einige Menschen werden nie verrückt. Was für ein schreckliches Leben sie führen müssen.« Durchzudrehen kann bedeuten, erwachsen zu werden. Was heutzutage sehr schwer geworden ist: Es gibt kein festgelegtes Ritual mehr, um die Sorgen eines Kindes hinter sich zu lassen. Eher wird einem das ganze Leben lang diktiert: Erfülle deine kindischen Träume! Als ob das der einzige Weg sei, glücklich zu werden — das ganze Leben nach seinen Träumen zu greifen.

Woher kommt dieses Denken?
Das hat mit dem Frauenbild der meisten jungen Männer zu tun — als ständig austauschbare, erneuerbare Quelle ihrer verlorenen Mütter. Für mich bedeutete Heiraten, dieses kindliche Gehabe hinter mir zu lassen: Was, wenn ich diese Frau will? Oder jene?

Für viele junge Menschen bedeutet Ehe heute, eine bereits existierende Geschichte zu durchleben.
Klar, wie der Schriftsteller, der nicht Microsoft Word benutzen will. Weil damit schon so viele andere ihren Roman geschrieben haben. Letztlich sucht jeder seine eigenen, authentischen Erlebnisse — und versucht die Sprache und Rituale anderer zu vermeiden. Dabei sind Sprache und Rituale nur Mittler: Die Ehe ist ein neutraler Rahmen. Was zwischen den Balken passiert, kann doch jeder selbst entscheiden.

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