Es gibt nichts Schlimmeres als Spielverderber

Vor mehr als neun Jahren spielten Pavement in der Londoner Brixton Academy ihre letzte Show – und gelten noch heute als eine der wichtigsten Genre-Referenzen im amerikanisch geprägten Indierock. Ihr Sänger und Frontmann Stephen Malkmus veröffentlicht seither regelmäßig bemerkenswerte Soloalben. Nach wie vor lebt seine Musik von verzerrten Gitarren, ironischem Charme und einer ureigenen Lo-Fi-Soundästhetik, die Malkmus schon zu Pavement-Zeiten zum Trademark erhoben hat. Auch das aktuelle, vierte Werk »Real Emotional Trash«, das er wieder mit seiner Band The Jicks eingespielt hat, funktioniert auf diese Weise. Doch klingt es weitaus wilder und ist weniger von dunklen Popharmonien durchzogen, wie sie noch Malkmus’ selbstbetiteltes Solodebüt und vor allem das Album »Pig Lib« (2003) auszeichneten. Stattdessen: mehr Seventies-Anleihen, Ray Manzarek-Orgeln und rohe zehn-Minuten-Jams. Das ewig juvenile Auftreten des Slacker-Role-Models leidet darunter aber keineswegs. Dass Stephen Malkmus mittlerweile 41 Jahre alt und zweifacher Vater ist, hört man seiner Musik ebensowenig an.

Stephen Malkmus

STEPHEN MALKMUS & THE JICKS: MALKMUS, MIKE CLARK, JANET WEISS & JOANNA BOLME (v.l.n.r.)

»Um sich als Band blind verstehen zu können, ist von jedem Einzelnen harte Gedankenarbeit gefragt. Man darf sich nicht einfach treiben lassen, sondern muss Gutes reinstecken, damit Gutes dabei herrauskommen kann« (Stephen Malkmus)

(Foto: © David Torch)

Du hast zwei Töchter: Beeinflusst die Vaterschaft dein Songwriting?
    Auf jeden Fall, und zwar insofern, als dass ich es mehr denn je brauche. Songs zu schreiben und Musikmachen war für mich schon immer pure Freiheit. Wenn ich spiele, fühle ich mich von Stress und Alltagspflichten befreit. Kinder zu haben hat dagegen nichts mit Freiheit zu tun. Es ist zwar das Schönste, was einem passieren kann, aber die persönliche Freiheit kann man dann erst einmal an den Nagel hängen.

Ist das der Grund, weshalb »Real Emotional Trash« rauer ausgefallen ist, als alle bisherigen Soloalben? Ist die Musik dein Ventil?
    So hab ich das zwar noch nie betrachtet, es könnte aber sein. Die Verantwortung, die eine Familie mit sich bringt, kann sehr anstrengend sein. Wenn ich dann mit den Jicks spiele, schüttele ich das alles ab und bin in diesem Moment nur mir selbst verpflichtet. Es stimmt vielleicht, dass ich mittlerweile Energien länger aufstaue und diese sich dann demenstprechend entladen.

Und das führt dann zu solch ausufernden Jams wie im Titeltrack?
    Scheint so. Dazu muss aber gesagt werden, dass das Stück in seiner ursprünglichen Version noch weitaus komplexer und länger war, als man es nun auf der Platte hören kann. Wir haben lange daran gearbeitet, haben versucht eine Struktur reinzubringen, den Jam etwas zu rationalisieren und den ganzen Song einfach hörbarer zu gestalten. Das geschah wie immer zunächst im Studio. Meistens erkennen wir erst dann, dass wir die Snare auf einen bestimmten Level bringen müssen, dass der Gesang hier und da noch zu schräg ist und manche Gitarrenparts zu krude klingen. Das ist der normale Arbeitsprozess. Es gibt immer eine Antwort, man muss sie nur finden.

Stephen Malkmus & The Jicks – Real Emotional Trash (Domino Records / Indigo)

Am Donnerstag, 12. Juni spielen Stephen Malkmus & The Jicks ihr einziges Deutschland-Konzert im Hamburger Knust, Karten für den Abend sind noch im Vorverkauf erhältlich.

Im SPEX-Interview mit Tom Holert zum Pavement-Album »Wowee Zowee« sagtest du, dass nicht alles am Musikmachen interessant sei. Du sagtest, es sei manchmal wie das Lösen eines großen Puzzles.
    Genau das meine ich. So empfand ich auch bestimmte Arbeitsschritte an »Real Emotional Trash«. Und gerade an den langen Stücken, an den Jams mussten wir am längsten arbeiten. Dabei denken viele Leute immer, dass bei uns der Jam einfach da ist und wir daraus dann irgendwie eine Melodie herausdestillieren. Das stimmt aber nicht ganz. Auch über einem geilen Jam muss man manchmal brüten, zumindest wenn man ihn auf Platte pressen will.

Trotzdem hat man bei Pavement, wie auch bei deinen Soloalben, immer das Gefühl, dass alles aus einem natürlichen Flow entsteht.
    Das stimmt ja auch, aber eben nur zum Teil. Wie kann ein natürlicher Flow entstehen, wenn man sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner einigt? Um sich als Band blind verstehen zu können und um die Intuition nutzen zu können, ist von jedem Einzelnen harte Gedankenarbeit gefragt. Man darf sich nicht einfach treiben lassen, sondern muss Gutes reinstecken, damit Gutes dabei herauskommen kann. Das ist mit Famile und Kindern übrigens nicht anders.

Wieso? Deine Kinder machen doch bestimmt was sie wollen, oder?
    Ja sicher, so war das auch nicht gemeint. Natürlich verlange ich von meinen Kindern nicht, dass sie ihre Handlungen reflektieren, dafür sind sie auch noch viel zu klein. Aber als Daddy versuche ich trotzdem schon jetzt, sie in diese Richtung zu lenken. Das ist ja nicht nur so eine lustige Musikerweisheit, das trifft auf die unterschiedlichsten Lebensbereiche zu.

Erziehst du deine Kinder schon jetzt musikalisch?
    Ein bisschen, wie gesagt, sie sind beide noch klein. Lottie ist drei Jahre alt, Sunday kam vor einem halben Jahr zur Welt. Aber sie haben jede Menge Sachen auf denen sie rumtrommeln. Sie lieben es zu klatschen, zu tanzen und zu singen. Zusammen sind wir dann eine Art Disco-Truppe mit jeder Menge Percussion-Instrumenten aus der Küche. Eines Tages werden sie Musik genauso lieben und brauchen wie ich.

Bist du ein strenger Vater?
    Nein, nicht wirklich. Nicht bis sie zur Schule gehen. Außer beim Essen, da muss ich manchmal streng sein, denn sie würden natürlich die ganze Zeit nur Eis, Schokolade und Kuchen essen. Und wenn ich ihnen Wasser bringe, wollen sie lieber Cola. Da muss man streng sein, das geht nicht anders. Aber dann gibt es auch wiederum nichts Schöneres, als ihnen schließlich doch den Keks zu geben, nach dem sie betteln. Ich will ja nicht der Spielverderber sein. Es gibt nämlich nichts Schlimmeres auf der Welt als Spielverderber.

Das Album »Real Emotional Trash« von Stephen Malkmus & The Jicks wurde bereits veröffentlicht (Domino Records / Indigo). Am Donnerstag, 12. Juni spielen Malkmus & The Jicks sowie Jeffrey Lewis ein exklusives Deutschland-Konzert im Hamburger Knust Club. Die neue Single »Gardenia« sowie das bisher unveröffentlichte Stück »Talk Into The Mirror« ist soeben erschienen.

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