»Es gab nie eine Entwicklung« – ein letztes Interview mit To Rococo Rot

To Rococo Rot sagen Goodbye! 19 Jahre nach ihrer Gründung tritt eine der international anerkanntesten deutschen Bands mit einem letzten Konzert am 29. Dezember im Berliner Hebbel am Ufer ab. Ronald und Robert Lippok sowie Stefan Schneider haben den Post-Rock einst mit der Erfahrungswelt des Clubs »infiziert« und uns dabei ganze zehn Alben hinterlassen, die den Raum nicht selten zum Schweben brachten. Für ihr letztes, 2014 auf City Slang erschienenes Album wagten sie sogar noch das abschließende Experiment, mit Arto Lindsay an Bord, erstmals auch Gesang im TRR-Universum auftauchen zu lassen. Ein Gespräch mit den Gebrüdern Lippok aus dem Sommer, als von Auflösung noch nicht die Rede war und man dennoch gemeinsam die Konstanten einer einzigartigen Band herausarbeitete.

Ronald und Robert Lippok, vor zwei Jahren erschien bereits die To Rococo Rot-Compilation Rocket Road. 1997-2001. Auch mit Ornament & Verbrechen, Ihrer ersten gemeinsamen, vor der Wende in Ost-Berlin gegründeten Band, treten Sie wieder auf. Welche Rolle spielt die eigene Geschichte für Sie heute?
RONALD: Dadurch, dass wir 1983, ’84 mit Ornament & Verbrechen begonnen haben, fingen wir früh an, elektronische Instrumente zu benutzen. Diese waren allerdings damals schwer zu bekommen, weshalb wir sie teilweise geborgt oder uns geschenkte Sachen umgebaut haben. Ein Vermona-Rhythmusgerät manipulierten wir, einen Korg liehen wir uns von einem Komponisten.
ROBERT: Eigentlich sind die Methoden zwischen beiden Bands gleich geblieben. Die Art und Weise, wie wir an Tracks herangehen, und wie sich ein Entstehen bildet, ist heute ähnlich zu der in den 80ern. Da gibt es eine ganz große Konstanz in unserer Arbeit. Man kann sogar sagen: Es gab nie eine Entwicklung – zumindest, was die Idee von einer Komposition betrifft.
RONALD: Es handelt sich weiterhin um eine prinzipielle Offenheit für das Experiment. Ein spielerischer Zugang von Amateuren, Autodidakten zu ihrem Instrument. Nur sind wir dabei natürlich immer besser geworden.
ROBERT: Als wir dann vorerst mit Ornament & Verbrechen aufhörten und mit To Rococo Rot anfingen, spielte unser DDR-Hintergrund auch erst mal keine Rolle. Wir gaben erstmals bewusst Interviews und verließen quasi unsere Boheme-Existenz.
RONALD: Ornament & Verbrechen war vor dem Mauerfall stets eher ein Gerücht, denn eine Band. Das war selbst für Eingeweihte oft schwer zu fassen. Nur ein Artikel wurde damals über uns gedruckt. Unsere Existenz begann gewissermaßen erst mit To Rococo Rot. Vorher gab es immer nur eine Verweigerung und für die Gegenseite auch gar keine Möglichkeit der Einbindung.

Sie, Ronald, haben vor Ornament & Verbrechen zudem bei Rosa Extra gespielt.
RONALD: Richtig, da war ich Schlagzeuger. Allerdings war das eine reine Punkband. Dennoch hatten wir damals einen der ersten Casio-Synthesizer überhaupt – definitiv der erste auf unserer Seite der Mauer. Stefan Schneider, der dritte To Rococo Rot-Musiker, hat parallel in Westdeutschland die gleichen, einschlägigen Erfahrungen gemacht. In seinem Keller, wo er alle Tapes sammelte, fanden wir so allerhand Industrial-Sachen wie Cabaret Voltaire. Im Gegensatz zu uns konnte er diese Bands aber live sehen, beispielsweise das erste Wire-Konzert im Ratinger Hof. Wir hingegen konnten in Ost-Berlin nur jeden Donnerstag die Sendung von John Peel auf dem West-Soldatensender hören und mitschneiden. So hatte die Band – ohne von ihrer späteren Existenz zu wissen – stets die gleichen Einflüsse und umso größer war die Ehre für uns, dass Peel To Rococo Rot dann immer wieder zu Sessions einlud.

Den fließenden Besitz von Musikproduktionsmitteln haben Sie sich zudem bis heute und für ihr jüngstes Album Instrument erhalten.
ROBERT: Das stimmt. Wir sind bis heute Nomaden, was unsere Studiosituation betrifft. Wir haben nie ein eigenes Studio besessen, sondern uns immer anderswo eingenistet.
RONALD: Wir nehmen nicht irgendwo auf, aber wir können es überall.
ROBERT: In den Studios stehen dann meistens auch schon Instrumente, wir selbst bringen nur wenige mit. So können wir vorher gar nicht sagen, wie ein Album später klingen wird, da da immer ganz unterschiedliche Sachen zur Verfügung stehen.
RONALD: Ich mag es zum Beispiel sehr, über fremde Schlagzeuge zu spielen. Ich genieße es total, dieses Instrument einfach hingestellt zu bekommen, ohne zu wissen, wie es funktioniert. Das ist noch immer ein Erbe der damaligen Zeit und diese Freude über das Vorgefundene erhält das Kindliche in To Rococo Rot. Bei Instrument handelte es sich um ein Rogers, das mir Guy Sternberg während der Aufnahme im LowSwing-Studio offeriert hatte.

Haben Sie eine feste Warmspielzeit?
ROBERT: Nein. In diesem Fall haben wir angefangen, in einem Proberaum in einer Tiefgarage in Berlin-Mitte zu proben. Der war gleichzeitig Teil einer Oldtimer-Werkstatt. In dem Raum wiederum waren sehr viele alte Klaviere übereinander gestapelt, da er einem Klavierhändler gehört. Wir haben dann am ersten Tag die Sachen nur in der Ecke skizziert und mit dem Handy aufgenommen. Später sind wir dann in verschiedene Studios gegangen, wo wir die vorab entwickelten Sachen live einspielten. Hätte ich einen Mehrspur-Recorder dabei gehabt, wären wohl auch Stücke aus dem Raum auf dem Album gelandet. Als wir unser Debütalbum einst in nur zwei Tagen aufnahmen, da haben sich Ronald und Stefan erst am ersten Tag überhaupt kennengelernt. Dieses Mal war uns aber klar, dass wir nicht viel am Ende editieren wollen, weshalb alles geplanter verlief.

Für Instrument haben Sie zudem mit Arto Lindsay gearbeitet, der als Sänger und Musiker ein sehr weites Spektrum von Bossa bis hin zu Noise abdeckt. Auf ihrem Album hingegen hat sein Gesang durchweg eine sehr klare, feine und bestimmte Art. Entstand das organisch?
ROBERT: Die erste Entscheidung war, auf welchen Stücken er singt. Er hat sich dann drei ausgesucht. Die Aufnahmesituation war eher beiläufig: Er saß auf einem Ledersessel neben dem Mischpult und entwickelte vor unseren Augen mit kleinen Notizen seine Texte, die er noch im gleichen Raum leise, mit Kopfhörern auf den Ohren eingesungen hat.
RONALD: Er saß einfach da, denkbar easy-going. Die Situation floss dann direkt in seine Zeilen ein. Wer mit uns zusammenarbeitet, genießt immer volle Freiheit. Es macht keinen Sinn, mit jemanden zu arbeiten, wenn man ihn limitiert. Manche unserer Stücke haben Arto dann melodische Angebote gemacht, manche, wie das letzte, »Longest escalator in the world«, das quasi noch nicht mal ein Koordinatensystem hat, wiederum auch nicht. Kennengelernt hatte ich ihn einst über die Bossa-Sachen, in deren Weise er jetzt auch bei uns singt. Die hatten wir mal unterwegs zu einer Polen-Tour im Auto gehört, als das noch ausschließlich mit Kassettendeck ausgestattet war. Die Gitarre hingegen, die er auf dem Album spielt, war wiederum ganz Noise-mäßig. Da waren Frequenzen drin, …
ROBERT: … die man nicht bändigen konnte! Dennoch war das Setting wieder ganz einfach: derselbe Raum, nur drei Effekte. Später haben wir noch zusammen improvisiert, »Sunrise« entstand so.

Hatten Sie jemals die Idee, auch mal selbst zu singen?
RONALD: Nein, das gab es nie, oder?
ROBERT: Außer bei der allerersten Demo-Session 1995! Wir kennen jedenfalls unsere Stärken und Schwächen ganz gut …
RONALD: Kurzer Einwurf! Kürzlich sind wir mit Ornament & Verbrechen in Moskau aufgetreten. Da haben wir beide gesungen, sogar im Duett! Das haben wir ewig nicht mehr gemacht. Ich singe zwar selbst bei Tarwater, aber bei To Rococo Rot gab es von Anfang an die bewusste Entscheidung, die Stimme außen vor zu lassen, weil sie zu viel Aufmerksamkeit beanspruchte. Zudem waren wir damals beeinflusst von all den minimalen Sachen, die nach Techno kamen: Sachen wie Studio 1, dann die Musik, die im ehemaligen Panasonic in der Invalidenstraße lief, und auch Dub. Nach all den Jahren wollten wir das nun mit Arto für Instrument erforschen, ohne dabei ein etwaiges Tabu zu verletzen. Ich halte das Experiment für gelungen.

Das Interessante an reiner Instrumentalmusik ist ja, dass Zuordnungen von Stimmungen oder klaren Aussagen ungleich schwerer fallen als bei Musik mit Gesang.
ROBERT: Wir fokussieren mit unserer Musik, dass es für sie keine Definition gibt. Uns war immer wichtig, dass unsere Musik bei den Leuten unterschiedliche Funktionen hat und es keine alleinige Wahrnehmung gibt. Irgendwann, im Moment der Pressung, gibt man die Verantwortung ab und das finden wir toll.
RONALD: Manche Leute halten uns für total theoretisch, andere sehen nur die Improvisation. Der relative Reizentzug – es handelt sich ja überwiegend um Instrumentalmusik – schafft Platz für den Hörer. Dieser muss ihn aber auch immer zu nutzen wissen. Da ist dann die Imagination des Tänzers gefordert.
ROBERT: Zudem ist es auch bei uns immer entscheidend, wo wir auftreten. In kleinen Clubs fangen Jugendliche an zu tanzen, Stücke ufern plötzlich aus. In anderen Kontexten wiederum kann die gleiche Musik eher mathematisch wirken.
RONALD: To Rococo Rot werden stärker von der Umgebung infiziert als andere Bands, die ein klareres Statement haben. Wenn Bonaparte kommt, dann weiß man, was passiert.

To Rococo Rot live
Support: The Pastels
29. Dezember
Hebbel am Ufer (HAU 1), 19 Uhr

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