»Es gab kaum noch Fluchtmöglichkeiten« – Kristin Kontrol im Interview

Foto: Jimmy Fontaine

The child inside: Lo-fi, Tamburin, was war das noch mal? Kristin Kontrol lässt Krach, Schmutz und Staub hinter sich. Die Dum-Dum-Girls-Sängerin, die bisher unter dem Alias Dee Dee auftrat, verneigt sich auf ihrem Solodebüt X-Communicate vor den Pop-Heldinnen ihrer Kindheit. Mit dem Garage-Pop ihrer Band hat die Synthese aus Wave, Glam und Synth Pop kaum noch Berührungspunkte. Im Gespräch mit SPEX erklärt Kristin ihre Metamorphose – die eigentlich gar keine ist.

Kristin, Du hast eine ungeheure Menge an Material gesammelt – es heißt, dass du über 60 Songs fertiggestellt hast.
Die ersten 50 Stücke haben mich einfach nicht zufrieden gestellt. Das lag aber auch an der ungewöhnlichen Situation: Ich wollte das Songwriting diesmal auf ganz anderem Wege ausprobieren. Komponiert habe ich vor allem am Piano und am Computer ­­­– nicht primär an der Gitarre. Obwohl sie am Ende auch wieder in den Songs auftaucht. Das ist aber ganz bewusst so passiert.

Unterstützt wurdest Du dabei erneut von Richard Gottehrer, der als Produzentenlegende gilt. Er hat den Sound der Dum Dum Girls maßgeblich geprägt. Obwohl er X-Communicate nicht produziert hat, war er am Entstehungsprozess beteiligt …
… Richard ist für mich eine Art Mentor. Er hat mich auch mit Sune Rose Wagner von den Raveonettes bekannt gemacht. Ich habe ihm die ersten Demos von X-Communicate geschickt, um Feedback zu bekommen. Er war sehr ehrlich und hat mir offen und auf konstruktive Art und Weise gesagt, wenn ihm etwas an dem neuen Material noch nicht gefiel. Richard war immer in der Nähe, auch während der Aufnahmen. Er begreift intrinsisch, wie ein Popsong funktioniert. Das war zu der Zeit enorm hilfreich, denn die Schreibphrase hat sich als wesentlich schwieriger und langwieriger erwiesen als das sonst bei mir der Fall ist. Zum Teil war ich wirklich frustriert.

»Zum Teil war ich wirklich frustriert.«

Auf dem Album merkt man Dir die Vergangenheit als Kopf einer Garage-Band, die man eher mit Schrammelgitarren assoziiert, kaum an.
Ich habe schon lange versucht, neue Territorien zu entdecken, die jenseits des Garage-Formats liegen. Natürlich stand ich immer hinter meiner Band. Aber irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich realisiert habe, dass das Retro-fokussierte Konzept der Dum Dum Girls für meine Vorstellungen nicht mehr ausreichte, obwohl wir den musikalischen Rahmen der Sechziger und Siebziger auf Too Ture bereits überschritten haben. Jetzt wollte ich etwas erschaffen, das sich davon vollkommen abhebt und all meine musikalischen Vorlieben repräsentiert.

Das merkt man auch an Deiner Stimmentwicklung. Du scheinst nun vielmehr auf Performanz zu setzen.
Mein Background als Sängerin tritt jetzt definitiv stärker in den Vordergrund. Musikalisch ist natürlich Kate Bush eine Referenz für mich. Doch als Kind habe ich nun mal auch Mariah Carey oder Madonna unter der Dusche gesungen. Das ist jedoch nicht kompatibel mit dem Ansatz einer Band wie den Dum Dum Girls. Ich möchte das musikalisch aber nicht mehr ausblenden. Der frühe kommerzielle Pop gehört zu meiner Kindheit. Die Achtziger und Neunziger haben mich enorm geprägt. Erst später entdeckte ich die ganzen Pendants der Indie-Szene für mich.

Gestattet einem die Soloarbeit mehr Freiraum für Rollenspiele?
Es war jedenfalls sehr befreiend, den bisherigen Kontext einmal aufzuheben. Für mich fühlt sich das Album wie eine Reise mit offenem Ausgangspunkt an. Mit meinem neuen Alias möchte ich gar keine neue Person etablieren. Allerdings hat sich der vorherige Spitzname einfach abgenutzt. Kristin Kontrol vermittelt mir das Gefühl von Autorität. Die Musik befindet sich nun wieder mehr in meinen Händen. Das war notwendig, denn die Art der Rezeption meiner Band hat sich irgendwann verselbstständigt. Die Archetypen standen auf einmal fest, auch wenn diese ursprünglich von mir initialisiert worden sind. Es gab kaum noch Fluchtmöglichkeiten. Deswegen empfinde ich vor allem die neuen Aufnahmen eher als das Gegenteil von einem Alter Ego oder einer Maske.

»Als Kind habe ich nun mal auch Mariah Carey oder Madonna unter der Dusche gesungen.«

Aber kann eine Maske nicht auch als Schutz fungieren, um besonders intime Themen umsetzen zu können? In Show Me bedienst Du Dich zum Beispiel an Passagen aus Milan Kunderas Liebesroman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Ist die literarische Referenz hier ein Umweg, um nicht allzu direkt werden zu müssen?
Zu einem gewissen Grad. Doch Literatur gehört wie Musik ebenso unmittelbar zu meinem Leben – schließlich habe ich das studiert. Die Anspielungen in Show Me sind relativ offensichtlich. Doch sie waren nicht geplant und ich verstecke mich auch keineswegs hinter ihnen. Dieses Buch habe ich vor einigen Jahren sogar zum zweiten Mal gelesen. Die Lektüre hat mich erneut gefesselt. Es geht darum, dass man aus einem Ereignis unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven gewinnen kann. Die eine fühlt sich unfassbar schwer an, die andere wiederum fast unerträglich leicht – als ob man plötzlich davon loslassen kann. Auf Too True war der literarische Einfluss aber verdichteter: Ich habe mich damals ganz gezielt in eine Welt voller Kunst und Gedichte begeben, um ganz intensiv in den Songs zu existieren. Das wollte ich so konzentriert nicht wiederholen. Literatur findet immer noch ihren Eingang in meine Musik, aber das geschieht nun in offenerer Form.

Du hast die Dum Dum Girls vorhin als Retro-Projekt bezeichnet. Aber auch dein Soloalbum orientiert sich klangästhetisch an den essentiellen Spielformen der Achtziger, Wave und Synth Pop. Speist sich deswegen nicht auch X-Communicate noch stark aus dem Archiv der Vergangenheit, das Simon Reynolds in Retromania beschrieb?
Ich empfinde das Album als sehr vielseitig und mir war es wichtig, dass es keine spezifische Zeit widerspiegelt, sondern gleichzeitig verschiedene Spektren verarbeitet und reflektiert. Die Anteile aus den Achtzigern oder Neunzigern sind den Songs nicht inhärent. Natürlich gibt es Anstriche aus diesen Genres und Zeitspannen, aber sie sind in den Arrangements nicht allzu tief verankert. Ebenso lag mir eine moderne Produktionsweise am Herzen. Deswegen verstehe ich das weder als Tribut an eine bestimmte Zeit noch als Versuch eines Revivals.

Das Debütalbum von Kristin Kontrol wird in der aktuellen Printausgabe SPEX N° 368 besprochen. Das Heft kann hier versandkostenfrei bestellt werden. 

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