Erste Worte: Bob Dylan

Nach dem amerikanischen Rolling Stone, dem New Yorker, dem Mojo Magazine und der britischen Zeitschrift Uncut ist die Spex eines von drei deutschen Magazinen, dem weltweit eine Vorab-Anhörsession des neuen, »Together Through Life« betitelten Albums von Bob Dylan gewährt wurde. Insgesamt zwei Mal konnte sich Max Dax das Album anhören – für eine abschließende, fundierte Kritik ist es also noch zu früh. Für eine Stück-für-Stück-Kritik in rauher Protokollform für den ersten Teil des großen Spex-Online-Specials zu Bob Dylan indes reichten seine in unleserlicher Stenografie verfassten Notizen – mit der ausdrücklichen Möglichkeit von falsch herausgehörten und damit falsch wiedergegebenen Textzeilen.

    Das bislang mit Abstand am nervösesten von Fans und Presse erwartete Album dieses Jahres entpuppt sich als eine überraschend entspannte, vom Timbre her stark mexikanisch/cajun-beeinflusste und ganz und gar geschlossen wirkende Platte. Ein Sommeralbum ist es geworden, voller Sehnsucht nach dem amerikanischen Süden und einer für immer verschwundenen Zeit. Während Dylan auf seinen vorangegangenen beiden Alben »Love & Theft« von 2001 und »Modern Times« von 2006 noch bitter und böse dräuend gegen die modernen Zeiten ansang, indem er die alten Epochen aufleben ließ, scheint sich der mittlerweile 67-jährige Sänger damit abgefunden zu haben, dass niemand den Lauf der Zeit wird ändern können. Gegen solcherlei unumstößliche Erkenntnis hilft bekanntlich nur – ein Akkordeon!

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Bob Dylan Mailand
Bob Dylan in concert in Mailand, November 2005. Im April 2009 wird er im Rahmen seiner Europa-Tournee Deutschland und die Schweiz besuchen, präsentiert von Spex. Don’t you dare miss it!

(Foto: CC ISphoto / Flickr)

1. »Beyond Here Lies Nothin’«

Wir hören: Trompeten, ein Akkordeon, eine tief gestimmte Akustikgitarre, eine Hammondorgel und einen pumpenden E-Bass – das Schlagzeug treibt die Band mit einem Rumba-Blues-Rhythmus vor sich her. Bob Dylan eröffnet sein neues Album mit den Zeilen: »Oh well I love you pretty baby / You’re the only love I’ve ever known / Just as long as you stay with me / The whole world is my Throne / Beyond Here Lies nothing / Nothing we can call our own.« Ein Liebeslied der rohen, desillusionierten Art, das in seiner ungehobelten Spielfreude aber nicht unsympathisch daherkommt.

    Überraschend sind die Wahl des Rhythmus’ und die sich offenbarende Soundpalette: Ein Latin-Feel wird angetriggert, eine South-of-the-Border-Stimmung beschworen – damit bezeichnet man im Amerikanischen die mexikanische Musik und das Lebensgefühl hinter dem Rio Grande. Ganz und gar auffällig: Das Akkordeon als Rhythmusinstrument und die Trashcan-Blues-Trompeten legen dem Hörer nahe, eine Nähe zu Tom Waits herauszuhören – das ist allerdings eine falsche Fährte, denn singt Dylan viel weniger theatralisch, weniger auf einen Effekt hin als dieser.

    »Beyond Here Lies Nothin’« ist der perfekte Eröffnungssong, als dass der Song eine Leichtigkeit manifestiert – das Territorium für das gesamte Album wird abgesteckt. Das Akkordeon wirkt, als habe Dylan willentlich den Sound seiner langjährigen Live-Band erweitern wollen und mit dem neuen Instrument eine Art Wild Card ausgespielt. Nicht nur wird eine Western-Swing-Routine durchbrochen, die mit den Alben »Love & Theft« und »Modern Times« bis zur Schmerzgrenze ausgereizt wurde, sondern es wird eine ganz und gar überraschende Looseness installiert, die zu sagen scheint: Die Karten sind neu gemischt! Am Akkordeon: David Hidalgo von Los Lobos aus East L.A..

2. »Life Is Hard«

Die Instrumentierung dieser langsamen, an den Sound der Dreißiger und Vierziger erinnernden Ballade in Moll: Steel Guitar, Mandoline, Akkordeon, gestrichenes Schlagzeug, Standbass. Dylan singt in liebevoll-lautmalerisch erzählender Art: »The Sun is sinking low / I guess it’s time to go / I feel a chilly breeze / In place of memories / My dreams are locked and barred / Admitting life is hard / Without you near me.« Eine interessante rhythmische Verschiebung zwischen geradem Gesang und swingendem Jazzschlagzeug lässt dieses melancholische Lied in einem Zustand der Uneindeutigkeit schweben. Dieser Song gilt als der Ausgangspunkt von »Together Through Life«. Der Song wurde von Dylan ursprünglich als Beitrag für »My Own Love Song«, den neuen Film von Olivier Dahan, geschrieben und im Oktober letzten Jahres aufgenommen. Angeblich habe er in der Arbeit an diesem Song einen neuen, losen Anfang gesehen, so dass er die Aufnahme-Sessions ausdehnte – mit dem Ergebnis der zehn neuen Songs dieses Albums.

3. »My Wife’s Home Town«

Ein ironischer, nur auf den ersten Blick bedrohlicher Blues. In diesem Song wird am deutlichsten, was Dylan wohl meint, wenn er im Interview mit Bill Flanagan auf Bobdylan.com (PDF) davon spricht, dass ihn der Sound des Chicagoer Blueslabels Chess inspiriert habe. Sehr stark erinnert dieser irgendwie zu langsame Roadhouse-Blues an Muddy-Waters-Klassiker wie »Mannish Boy« oder »I Just Wanna Make Love to You«. Das Akkordeon spielt unerwartet helle Dur-Akkorde, Dylan konterkariert die Stimmung mit grollend-augenzwinkerndem Gesang: »She can make you steal / Make you rob / Give you the hives / Make you lose your tongue / Can make things bad / She can make things worse / She got stuff more potent than a gypsie curse«. Die Assoziation, dass eben Muddy Waters einen Song von Lyle Lovett singen würde, bleibt als nachhaltiger Eindruck: »There ain’t no way to put me down / I just wanna say that Hell’s my wife’s home town«. Am Ende des Songs lacht Dylan gar diabolisch, nachdem er dem letzten Refrain ein langgezoges »hoooooometown« nachgeschoben hat.

4. »If You Ever Go to Houston«

Die musikalische Stimmung dieses herausragenden Songs evoziert beim Hörer Filmbilder im Kopf: die Meeresbrise, wie sie vom Golf von Mexiko nach Texas weht, weht auch durch diesen Song, der wie das Echo eines alten Cajun-Standards wirkt, dessen Titel der Sänger vergessen hat. Allerdings ist das Stück einen Tick zu langsam für einen Cajun-Song – wie fast alle Songs auf »Together Through Life« auf eine seltsam angenehme Weise ›zu langsam‹ für ihre jeweiligen Referenzgenres scheinen. Pedal Steel, Orgel und Akkordeon halten den gesamten Song über gemeinsam ein optimistisch gestimmtes Riff durch. Akustikgitarre und Besenschlagzeug treiben diesen entspannten Slow Shuffle an.

    Dylan singt in den sich auftuenden Freiräumen: »If you are ever down there / (…) / You better watch out for the man with the shining star / Better know where you are going / Or stay where you are«, und an anderer Stelle: »I know these streets / I’ve been here before / I nearly got killed here / During the Mexican War«. Er macht mit den Lyrics unmissverständlich klar, dass er das texanisch-mexikanische Grenzstadt-Feeling nicht nur musikalisch, sondern auch wortwörtlich meint – und zwar nicht nur auf diesem Stück, sondern auf der gesamten Platte. Erwähnenswert ist, dass Dylan richtig singt: Er hält die Töne, singt mit Empathie und wohlgestimmter Leidenschaft. Das haben wir schon seit Jahren nicht mehr gehört.

5. »Forgetful Heart«

Der unspektakulärste Song auf »Together Through Life«. Orgelflächen, schleppender Beat, Tambourine, verzerrte Steel Guitar, das Akkordeon als Fläche im Hintergrund. »Forgetful Heart« erinnert formal zwar an langsame, späte Dylan-Klassiker wie »Nettie Moore« oder »Ain’t Talkin’« oder »Can’t Wait« – führt aber nicht deren literarische Genauigkeit in den Beobachtungen fort. Vielleicht liegt es am Thema? Dylan singt: »Forgetful heart / Lost your power of recall / Every little detail / You don’t remember at all / The times we knew / Who would remember better than you?«

Bob Dylan Cover Together Through Life

Das Cover des neuen Dylan-Albums »Together Through Life«. Das Foto sah man bereits auf dem Umschlag von Larry Browns 1990 erschienenen Kurzgeschichtenband »Big Bad Love« – Bob Dylan gilt als großer Verehrer des 2004 verstorbenen Autoren. Im Original entstammt das gewählte Foto »Brooklyn Gang« der 1959 erstmals gezeigten, gleichbetitelten Reihe des amerikanischen Künstlers Bruce Davidsons, mit derer der Fotograf eine Brooklyner Jugendgruppe und ihre Zerrissen- und Ziellosigkeit portraitierte.

6. »Jolene«

Ein weiterer Song im Roadhouse-Blues-Schema: Auch wenn »Jolene« für diesen musikalischen Vergleich etwas zu langsam eingespielt wurde, erinnert dieser von einem E-Gitarrenmotiv angetriebene Shuffle an Little Richards »Lucille«. Und seltsamerweise erinnert die Phrase »I am the King and you are the Queen / Jolene« an David Bowies »Heroes«, wo es bekanntlich heißt: »I could be King and you could be Queen«. Neben »Forgetful Heart« ist dies sicherlich ein weiterer Song, dessen Schema weitaus stärker ist als seine Originalität. Allen Songs auf »Together Through Life«, und somit auch schwächeren wie »Jolene«, haftet aber eine treibende Einfachheit an, die sie dazu prädestiniert, oft und ausgiebig live gespielt zu werden.

    Zu dieser Annahme trägt der Sound der Platte bei: Sie klingt wie eine spontane Aufnahme. Immer wieder sind kleinere Verspieler zu hören, die offenbar zugunsten der Stimmung nicht korrigiert bzw. durch eine Neueinspielung ersetzt wurden. Auch sind die Songs einfacher geschrieben: Als habe Dylan nicht so viel Zeit investieren wollen, den Songs nicht ein Übermaß an Verschachtelungen, Deutungsebenen und Abstraktionen anheim geben, vielmehr ein situatives Moment einfangen wollen, erinnert »Together Through Life« streckenweise an Dylans mittlerweile auch schon wieder 19 Jahre altes Album »Under the Red Sky«. Wohlgemerkt: Während jenes Album 1990 unter der aggressiven Don-Was-Produktion spürbar gelitten hat, man vor allem das Studio und weniger einen Raum hört, profitiert Dylans neues Album von einem Echtzeit-Naturalismus, der in der Postproduktion ganz offensichtlich nicht weiter künstlich manipuliert wurde.

7. »This Dream of You«

Erster Eindruck: Sänger und Band sind zurück in Mexiko, genauer gesagt beschwört Dylan in diesem Song die Ästhetik und die melancholisch-romantische Stimmung seines eigenen Klassikers »Romance In Durango« von 1976. Akkordeon, Standbass und Geige bilden das Rückgrat dieser langsamen Rumba-Ballade . Eine der schönsten Zeilen nicht nur dieses Songs, sondern des gesamten Albums lautet: »There is a moment where all things become new again / But that moment might have come and gone / All I have and all I Know / Is this dream of you / That keeps me moving on«. Dylan hegt und pflegt nicht nur mit diesem Song eine alte Vorstellung von Mexiko als exotischem Sehsuchtsort – bereits 1963 schrieb er in dem Outtake »Farewell« die Zeilen »I’ve heard tell of a town / Where I might as well be bound / It’s down around / The old Mexican plains«. Zwar wurde der Outtake aus den »The Times They Are A’Changing«-Sessions nie veröffentlicht, aber bereits in »Just Like Tom Thumbs Blues« von 1965 hat er das Thema erneut aufgegriffen – »When you’re lost in the rain in Juarez / And it’s Eastertime too«. Von Alben wie »Desire« oder »Pat Garrett & Billy the Kid«, die vor Referenzen strotzen, ganz zu schweigen.

8. »Shake Shake Mama«

Wir können auch anders: In diesem langsam polternden Stomp von einem Trinklied knallt Dylan ein Feuerwerk an Sprachwitz und sexuell aufgeladenen Vergleichen ab: »Shake shake Mama / Shake like a ship going out to sea« (…) »I get the blues for you baby / When I look up at the sun / Come back here / We can have some real fun« (…) »Shake shake Mama / Shake until the break of day / I’m right here baby / I’m not that far away«. In einem Song wie diesem wird deutlich, was der zuvor genannte Vergleich mit »Under the Red Sky« meint: »Shake Shake Mama« ist das »Wiggle Wiggle« der Gegenwart, ein Song, der einfach nur einem Genre einen weiteren Song hinzufügt – und somit durchaus lesbar als künstlerisch-virtuose Abwehrreaktion gegen Versuche, alles und jede von Dylan fallengelassene Silbe auf die Goldwaage zu legen.

9. »I Feel a Change Comin’ On«

Neben »If You Ever Go to Houston«, »My Wife’s Home Town« und »This Dream of You« einer der vier herausragenden Songs des neuen Albums. Abermals ist es eine vom Akkordeon angeführte Ballade, und wieder ›singt‹ Dylan in der einst für ihn so typischen kehligen Stimme. Eine der zwei Schlüsselstrophen des Songs lautet: »What’s the use in dreaming / You got better things to do / Dreams never did work for me anyway / Even when they are getting true«. Die andere: »Some people they tell me / I’ve got the blood of the land in my voice«. Das klingt schwer und fatalistisch, doch wird es konterkariert durch Dylans croonenden Gesang. Vermeintlich spricht in diesem Song mit der sonnig-titelgebenden Zeile »I feel a change comin’ on« ein Optimist, eine Zeile später relativiert Dylan diese Assoziation mit einer kryptischen Aussage: »And the fourth part of the day is already gone«.

    In einem im letzten Jahr in Dänemark geführten Interview mit der Londoner Zeitung The Times hat Dylan für seine Verhältnisse überraschend deutlich seine Sympathie für den damaligen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama ausgesprochen. Sein Lied klingt freilich so, als wolle er heute, wo Obama gewählt worden ist, sagen: »Es wird sich etwas zum Guten ändern, aber es ist ohnehin zu spät.« Für die trotz des fröhlich gesungenen Songs prophetische Lesart spricht, dass Dylan ganze Zeilen dieses Songs angeblich aus Chaucers »Canterbury Tales« zitiert/geklaut hat – dem englischen Literatur-Urgestein aus dem 14. Jahrhundert, das sich u.a. ausgiebig mit dem Missbrauch der Religion durch die Politik befasst. Und bevor wir an dieser Stelle in die Falle der Überinterpretation tappen, sei angemerkt, dass »I Feel a Change Comin’ On« in seiner beschwingt-fröhlichen Art verdammt an »Handy Dandy« erinnert – einen dieser fast an Kinderlieder erinnernden Songs aus dem Album »Under the Red Sky«, den Dylan ausgerechnet im letzten Jahr am 28. Juni im spanischen Vigo nach fast zwei Jahrzehnten zum allerersten Mal in seinem Leben live gespielt hat – als sei ihm plötzlich in den Sinn gekommen, dass es lohnenswert sein könnte, die Leichtigkeit jenes Songs und jener Platte wiederzuentdecken.

10. »It’s All Good«

Der letzte Song dieses bemerkenswerten Albums, »It’s All Good«, mag trotz des taktgebenden Akkordeons und seines Cajun-Shuffle-Rhythmus etwas zu langsam sein für eine Zydeco-Nummer. Dylan zeigt sich hier gänzlich von seiner sarkastischen Seite: Er zählt, ähnlich wie in seinem Song »Everything Is Broken« von 1989, Dinge auf, die schief laufen, um sie schließlich mit einem trockenen »It’s all good« zu kommentieren. Der Song rattert atemlos wie eine Eisenbahn – als Schlusskapitel eines Albums, das in den Tagen der Finanzkrise und somit der größten Krise des Kapitalismus erscheint, geht »It’s All Good« jegliche Ernsthaftigkeit ab.

    Dylan singt: »Wives leaving their husbands« und »Big politicians telling lies«, aber: »It’s all good«. »Brick by brick they tear you down / A teacup of water is enough to drown / You oughta know if they could they would / Whatever goes down / It’s all good«. In der Vergangenheit ist es stets so gewesen, dass ›leichtere‹, ›beschwingtere‹ Alben einen künstlerischen Neuanfang des Sängers erst möglich gemacht haben. Auf »Street Legal« folgte »Slow Train Coming«, auf »Under the Red Sky« das Album »Good As I Been to You«, nach »Another Side …« kam »Bringing It All Back Home«. Was dürfen wir also von der Zukunft erwarten? Dylan alleine am Piano? Wir sind auf alles gefasst.

Morgen an dieser Stelle: Teil #2 des Spex-Online-Specials über Bob Dylan mit einem Bericht zum Tourstart von Dylans Europa-Tour in Stockholm, wo er völlig überraschend die Live-Premiere des Songs »Billy« spielte. Vgl. auch die aktuelle Spex #319 in der wir in der Rubrik »Famous Video Moments« über Sam Peckinpahs Film »Pat Garrett & Billy the Kid« berichten, in welchem der Song eine zentrale Rolle spielt. Fast müßig anzumerken, dass der Film in Mexiko spielt …

     Das neue Album »Together Through Life« von Bob Dylan erscheint am 24. April 2009 (Columbia Records / SonyBMG). Spex präsentiert die im April anstehende Dylan-Tournee, weitere Informationen dazu auch bei der Marek Lieberberg Konzertagentur. Mehr zu »Together Through Life« findet sich mit Texten von Greil Marcus, Diedrich Diederichsen, Johanna Dombois, Richard Klein, Peter Kemper, Heinrich Detering, Max Dax und Klaus Theweleit auch in der neuen Spex #320, die ab dem 17. April am Kiosk erhältlich ist.

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