Erste Worte: Peter Licht

Im Spätherbst 2008 erscheint das neue Album des Kölner Musikers und Schriftstellers PeterLicht. Thomas Hübener führt in dieser Ausgabe unserer regelmäßigen Reihe »Erste Worte« durch Lichts neuen Liedermacherernst.

PeterLicht


»PeterLicht hat sich mit ›Melancholie und Gesellschaft‹ nicht nur von seinen fallhöhenschwindelfreien Infantilismen und absurdistisch-regressiven Quatschigkeiten, sondern auch von seiner auf Endless Repeat gestellten Ironie weit entfernt. Statt ihrer und gelegentlicher zynischer Anwandlungen gibt es romantische Naturlyrik für den singularisierten Städter.« (Thomas Hübener)

(Illustration: © Patrick Klose / SPEX)

Der Titel »Melancholie und Gesellschaft« folgt der zum Standardwerk gewordenen Dissertation des Berliner Soziologen Wolf Lepenies über die gesellschaftlichen Transformationen des Melancholietopos. In diesem Werk geht es unter anderem um die Vertreibung der melancholischen »stillen Brüter« (Ulrich Horstmann) aus den vernunftbefeuerten und fortschrittsoptimistischen Diskursen des utopischen Denkens im Geiste der Aufklärung. Heute, im post-utopischen Zeitalter des aufgeklärten Fatalismus, sind dagegen Logbücher für das Leben ohne Sinn gefragt. Viele sind der Meinung, dass der Musiker und Dichter PeterLicht, der zwar von des Gedankens Blässe angekränkelt, aber keineswegs resigniert ist, solche Survivalratgeber fürs spirituell obdachlose Subjekt im Spätkapitalismus verfasst. Zum Beispiel mit »Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends«, einem apokalyptischen Text, der die Kunst des Hineinsteigerns kultiviert und in seinem grantelnden Insistieren auf der Unannehmbarkeit der Welt an den Defätismus Thomas Bernhards erinnert, nicht ohne autohypnotisch sich selbst und den Leser zu beruhigen. Die Geschichte wurde beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2007 ausgezeichnet.

    Was bei den zehn neuen Liedern auffällt, ist die Verstärkung der schon mit dem letzten Album, »Lieder vom Ende des Kapitalismus« (2006), aufgekommenen Tendenz zur neuen Ernsthaftigkeit: PeterLicht hat sich nicht nur von seinen fallhöhenschwindelfreien Infantilismen (»Fuzzipelz«) und absurdistisch-regressiven Quatschigkeiten (»Bisnispipeul«), sondern auch von seiner auf Endless Repeat gestellten Ironie weit entfernt. Statt ihrer und gelegentlicher zynischer Anwandlungen (»Ihr lieben 68er«) gibt es romantische Naturlyrik für den singularisierten Städter. Von Sternen (»Mond«), in der Nacht blinkenden hellen, klaren Blicken (»Dein Tag«), dem Ende des Sommers und dem Wunsch nach einem Wiedersehen »in einem andern Land – verwunschen und wunschlos« (»Heimkehrerlied«) ist da mit der typischen Vagheit nonspezifischer Melancholie, aber ohne fünffache Böden die Rede. Instrumentiert wird das mit Klavier, elegischen Streichern und Gitarren.

    Die neuen Songs sind mitunter so glattpoliert, dass man sie sich auch in Telekom-Werbespots oder zu Nachmittagssoap-End-Credits im Fernsehen vorstellen kann. Verschwunden sind sowohl der auf »Stratosphärenlieder« (2003) kultivierte Elektroschlager als auch Lichts aus  Uptempo-Stücken wie dem vom letzten Album stammenden »Wettentspannen« bekannte euphorisch-skandierende Vortragsstil. Textlich ist das in seiner Weltversöhntheit gar nicht weit weg von den späten esoterelnden Blumfeld der nachkritischen »Verbotene Früchte«-Phase. PeterLichts neuer Liedermacherernst mit seiner Wehmut, seinem Sehnen, seinem ganzen gefühlsechten Zweisamkeitsromantizismus erinnert ferner an Tom Liwa, den gern als »deutschen Morrissey« apostrophierten Songwriter Mika Kreuder von der Band Busch und den begnadeten Liedermacher Volker K. Buhl.

    Wenngleich es scheint, als habe der Künstler die Lust an der Negation verloren, gibt es auch auf dem vierten Album noch ein wenig Politisierung: »Marketing« beklagt in grandioser Atemlosigkeit die Glätte und Unwiderständigkeit im Neoliberalismus, in dem das unverbindliche Dauergrinsen zum selbstverständlichen mimischen Selbstpräsentationsmodus geworden ist. In ihm wird einer Zeit nachgetrauert, in der es zwar auch schlimm stand, der Feind aber wenigstens noch erkennbar war. Leider findet PeterLicht mit dem kalauernden »Trennungslied« auch zu einem Tiefpunkt deutscher Humorigkeit, der keine Fluchtwege mehr in dadaistische Deutungsmöglichkeiten bietet. Wer durchhält, wird jedoch mit einem der besten manifestartigen Stücke deutscher Popmusik seit Tocotronics Minderheitenherabwürdigungssongs belohnt: »Stilberatung« wendet sich in Verlautbarungsduktus herrlich neoviktorianisch gegen die Sexualisierung des öffentlichen Raumes und die Tyrannei der Lust: »Bedeckte Körper sind in Ordnung«, singt PeterLicht im Refrain mit dem androgynen Schmelz seiner klar prononcierenden Stimme. In Zeiten, in denen die körperliche Befreitheit zwanghafte Züge annimmt, wird der Konservatismus subversiv. Dass dieser Schritt dialektisch sein muss, um nicht zu einem bloßen reaktionären Rück-Schritt zu werden, spricht das Stück »Freunde vom leidenden Leben« aus: »Frei sollten wir sein / Sonst könnten wir uns nicht davon befreien / Frei zu sein.«

»Melancholie und Gesellschaft« von PeterLicht erscheint im Spätsommer bei Motor Music. Im Juli und August spielt Licht Einzelkonzerte und Festivals, im Oktober folgt eine Club- und Theater-Tour. Alle Termine dazu finden sich hier.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.