Erste Worte: Missy Elliott

In unserer Reihe »Erste Worte« berichten wir regelmäßig frühzeitig von neuen Alben, auf deren Veröffentlichung viele unserer Leser warten. Adrienne Day war für Spex bei der Listening-Session des neuen Missy Elliott-Albums in New York – und wünscht sich die alte Missy zurück.

Missy Elliott Erste Worte

»Nicht nur, dass Missy wie immer am Fließband Nonsens produziert, im Verlauf des Albums droppt sie auch mehrfach Verweise auf ihre gute Freundin Beyoncé, die personifizierte Perfektion, der schönste Körper des Pop.« (Adrienne Day)

Es ist Ende April, das neue Missy Elliott-Album bleibt auch weiterhin unbetitelt, im Internet kursiert der Arbeitstitel »Phenomenal«. Der Veröffentlichungstermin für Deutschland liegt momentan Mitte Juni.

(Illustration: © Patrick Klose / SPEX)

Die erste Listening-Session, die in New York anlässlich eines neuen Missy-Elliott-Albums anberaumt wurde, fand im Jahr 2003 statt, damals wurde »This Is Not A Test« vorgespielt. Das komplette Album war bereits fertig gemixt und gemastert, es hatte auch schon einen Titel. Doch sogar Listening-Sessions sind nicht mehr das, was sie mal waren: Fünf Jahre später, Ende März 2008, wird man in New York zum Anhören von Missys neuem Album geladen, doch das Werk – es soll Ende Mai, Anfang Juni erscheinen – wird keineswegs in Gänze vorgespielt. Lediglich acht Stücke sind zu hören, manche von diesen sind noch nicht ganz fertig. Auch trägt das Werk noch keinen Titel. Möglicherweise liegt es daran: Das präsentierte Material macht nicht unbedingt Lust auf ein neues Album.

    Es ist kein Geheimnis, dass Missy Elliotts bessere Arbeiten zuletzt um Samples herum gebastelt waren, die um einiges stärker schienen als das klangliche Beiwerk, das sie stützen sollten: Für ihr Album »The Cookbook« (2005) borgte sie sich einen glitzernd arpeggierten Synth-Loop des legendären Technoduos Cybotron (für ihren Hit »Lose Control«), das Stück »We Run This«, basierend auf einem Sample des endlos zitierten »Apache«, eröffnete Elliott damals mit der selbstironischen Zeile »My style can’t be duplicated or recycled«. Diesbezüglich scheint sich auf dem neuen Album nicht viel verändert zu haben: Auch hier bedient sich Elliott wieder sehr grosszügig in den Archiven des Techno, Funk und D.C. Go-Go. Nur diesmal scheint sie sich mit dem Sample-Jacking zu begnügen. Inspirierter Umgang mit dem Material? So etwas wie Soul? Davon ist nicht viel zu spüren. Zwar findet sich auf dem Album kein Stück, das vollends in die Hose gegangen ist, dennoch meint man, Elliott habe vergessen, ihre eigene, ihrerzeit in »Work It« ausgegebene Devise zu beherzigen: »Flip it and reverse it«. Die Tracks, die Timbaland produziert hat – »Shake Your Pom Pom«, »Love« und »Like It When You Play The Music« – wirken solide, doch im Vergleich zu »Work It«, das mit seinem sonischen Vertigo auch nach sechs Jahren noch sämtliche Gesetze Newtons außer Kraft zu setzen scheint, klingen sie ein bisschen simpel.

Anfang Februar wurde das Musikvideo zu »Ching-A-Ling« veröffentlicht, im zweiten Teil des Videos wird auch ein Ausblick auf »Shake Your Pom Pom« gegeben. Der Clip war das erste 3D-Musikvideo der Popmusikgeschichte, nach einem Durchlauf stellen sich aber bereits erste Fragen: warum sieht man erst 3D-Musikvideos, nachdem entsprechende Brillen seit Jahren nicht mehr auf dem Markt sind. Und warum werden solche Videos bei YouTube eingestellt? Selbst mit 3D-Brille ist der dreidimensionale Effekt geich Null.

VIDEO: Missy Elliott – Ching-A-Ling

    »Shake Your Pom Pom« dürfte das beste Stück des Albums sein. Timbaland schnippt den Track clever mit einem Bigband-Breakdown los, dann bastelt er ihn um eine funky synkopierte Snaredrum herum und lässt Missy genug Freiraum zur Selbstentfaltung. Diese sieht dann so aus: Missy bringt sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit ein, und da zu dieser bekanntlich ein imposantes Derrière gehört, heißt es: »Missy got a big ol’ rump… / Look at it, look at it, slow motion freeze / Stop for the camera, paparazzi want to see«, und so weiter. Das nächste Stück, »Like It When You Play The Music«, ist ein hochgepitchter Soul-Jam zu einem imposanten Basspoltern, die Gastsängerin Jazmine Sullivan singt »I liiiiike it« über ein beängstigendes Synthiegewitter, das direkt aus Mussorgskys »Nacht auf dem kahlen Berge« stammen könnte. »Act A Fool«, produziert von den Souldiggaz, klingt wie ein lahmer Aufguss von »Work It« – einen besseren Job macht das Studioteam bei »All For You«, in dem eine Bassline schwer über ein Feld stapft wie ein hünenhafter Soldat auf dem Nachhauseweg. Die erste Single des Albums, »Best Best«, verlässt sich derweil auf Reimschemen, die schon Dr. Seuss beherrschte: »He’s my my / He fly fly / He fresh fresh / He give me good sex«. Man sagt es ungern, aber bei Missy Elliott scheint die Nadel zu springen.

    Das größte Problem des Albums sind in der Tat die Texte. Nicht nur, dass Missy wie immer am Fließband Nonsens produziert – daran hatte man sich in der Zwischenzeit gewöhnt –, im Verlauf des Albums droppt sie auch mehrfach Verweise auf ihre gute Freundin Beyoncé, die personifizierte Perfektion, der schönste Körper des Pop. Das ist insofern bemerkenswert, als es sonst stets schien, als strotze Missy trotz ihrer Fülle vor Selbstbewusstsein (»Shake Your Pom Pom« deutet noch in diese Richtung). Bei anderen Stücken gewinnt man indes eher den Eindruck, als vergleiche sich Missy auf einmal mit anderen und sei darüber unsicher geworden (an einer Stelle rappt sie sogar, sie wolle »gespielt werden wie eine Runde Gin-Rommée«). Ist das wirklich noch die Missy, die die Zügel in der Hand hält und grinsend ihre eigenen sexuellen Fantasien durchspielt, oder ist sie neuerdings in der Defensive und entwirft sich als Objekt, das unterwürfig der Bedürfnisbefriedigung anderer dient? Das fertige Album wird es zeigen. Falls Letzteres der Fall sein sollte: Her mit der alten Missy!

Das neue, noch unbetitelte Missy-Elliott-Album soll am 13. Juni bei Atlantic Records / Warner Music.

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