Erste Worte: Adrian Sherwood

In Japan wurde es bereits im Mai veröffentlicht, Mitte Oktober erscheint Lee »Scratch« Perrys Album »The Mighty Upsetter« auch in Deutschland. Es ist – im Gegensatz zu der unter Mitwirkung des Produzenten Andrew WK entstandenen, neuen Platte »Repentance« – ein großartiges Comeback der jamaikanischen Reggae-Legende. Der in London lebende ON-U Sound-Gründer Adrian Sherwood arbeitete mit Perry an »The Mighty Upsetter« – und berichtet für Spex von den Aufnahmesessions.

Lee Scratch Perry

Die Diskografie von Lee »Scratch« Perry ist lang: seit Ende der fünfziger Jahre veröffentlicht der in Kendal, Jamaika geborene und heute in Zürich lebende Produzent und Reggae-Musiker unzählige Platten. Dabei gelang es dem heute 72-jährigen Musiker stets, sich und seinen Sound zu erneuern: auf »The Mighty Upsetter« kollaborierte er beispielsweise mit der tunesischen Sängerin Samia Farah sowie dem britischen MC Roots Manuva.

(Illustration: © Patrick Klose / SPEX)

Lee Perry fragte mich im vergangenen Jahr, ob ich nicht sein neues Album produzieren wolle. Er ist jetzt 72 Jahre alt. Zum ersten Mal zusammengearbeitet haben wir 1987, damals für das »Time Boom X De Devil Dead«-Album. Und zum letzten Mal kamen wir 1990 zusammen, als wir gemeinsam sein »From the Secret Laboratory«-Album aufnahmen. Bei »The Mighty Upsetter«, Perrys neuem und meiner Meinung nach bestem Album seit Jahrzehnten, ging es darum, wie man mit dem Umstand umgeht, dass wir alle älter werden. Im Reggae hat es einige legendäre Sänger gegeben, die in Würde gealtert sind. Dass Perry sich an mich gewandt hat, um diesen Schritt mit mir zu gehen, ehrt mich, aber es setzte mich auch enorm unter Druck.

    Sich auf Lee Perry einzulassen bedeutet: Es geht weniger darum, eigene Ideen einzubringen, als vielmehr darum, seine Ideen zu antizipieren und zu optimieren. Für mich als Produzent war die Hauptaufgabe bei dieser Produktion daher, ein Klima zu schaffen, in welchem Perry bereit war, tief in sich zu horchen, Dinge auch wieder zu verwerfen, auf sein Herz zu hören. Dann nämlich, wenn alle Logik und Rationalität ersetzt ist durch Vertrauen, dankt Lee »Scratch« Perry es dir mit Magie. Sprechen wir es aus: In meinen Augen ist Perry der wichtigste noch lebende Reggaekünstler. Seine Realität liegt jenseits von konkreten Songstrukturen. Wenn er spürt, dass er sich in einem Vertrauensraum befindet, entspannen sich seine Stimmbänder. Er transformiert die Energie, die ihn umgibt. Gute wie schlechte. Er hat die intuitive Gabe, völlig irrational Verknüpfungen herzustellen. Entscheidend ist, dass ihn nichts an seinem Hotelzimmer stört – dafür wiederum hatte ich zu sorgen. Sein sorgsam gepflegtes Image als verrückter Prediger ist komplett konstruiert. Vielleicht muss man sich ihn wie ein Kind vorstellen: ein renitentes, eigenwilliges, kreatives, fantasievolles Kind.

    Und er weiß genau, mit welchen Musikern er zusammenarbeiten will. Er wollte unbedingt mit Skip McDonald Musik machen und mit Jazzwad, der fast alle Beats produzierte. Mit ihnen beiden – und einer ganzen Reihe von sehr jungen – Musikern versuchten wir also, die Zeit zu besiegen. »The Mighty Upsetter« entstand in zwei Session-Serien: Eine in Zürich, wo Lee Perry lebt, und eine weitere in London, in den ON-U-Sound-Studios. In Perrys Zürcher Studio nahmen wir den Song »Rockhead« auf. Das ist ein wirklich bemerkenswerter Track, der auf einer Handvoll alter Lee-Perry-Singles aus den Sechzigern und Siebzigern basiert. Wir haben Samples aus den Originalsongs verwendet und Percussion, neue Beats und Bläser hinzugefügt. Lee Perry ist in meinen Augen ein postmoderner Künstler. Sein Begriff von »Authentizität« ist bemerkenswert: Authentisch ist für ihn einerseits, was in der Luft liegt und von ihm transformiert wird – aber auch postmoderne Produktionsmethoden, bei denen altes Material zerschnitten und neu zusammengesetzt wird. In »Rockhead« geht es um die zerstörerische Kraft von Kokain. Er spielt in dem Song mit den Worten: Er sei kein »Crackhead« und auch kein »Cokehead«, sondern ein »Rockhead« – ein Unbeirrbarer. Bei diesem Track waren wir beide fast alleine. Ich liebe es über alles, so zu arbeiten. Vor allem aber liebe ich an diesem Track, dass die Stimmung der noch im legendären Black-Ark-Studio aufgenommenen Originalspuren durchschimmert.

    Noch mehr gefällt mir persönlich der Eröffnungstrack, »Exercising«, der auf einem Beat des schwedischen Produzenten Zilverzurf basiert. Ihn habe ich mit Dennis Bovell in Schweden besucht. Ich fragte ihn ohne Umschweife, ob ich nicht einen Cut des Riddims haben dürfe. Daraufhin baute ich ihn nach – mit eigener Percussion, eigenem Bass und der Gitarre von Skip. Das ist das alte Baukastenprinzip des Reggae – nimm etwas Altes und baue etwas Neues daraus. Zilverzurf hat es sofort verstanden. Natürlich erkannte er seinen Rhythmus wieder. Aber die neu dazugekommene indische Lässigkeit hat ihn umgehauen.

Lee »Scratch« Perrys neues Album »The Mighty Upsetter« mit Gastvocals von Roots Manuva und Samia Farah ist im Mai bereits in Japan erschienen. Mitte Oktober 2008 wird es von Beatink Records auch in Europa veröffentlicht. Auf der aktuellen Spex-CD #80 findet sich mit dem Track »Rockhead« ein exklusives Preview des neuen Materials.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.