Erlend Øye Legao

Don’t call it Nordic Reggae! Oder besser doch? Der Norweger Erlend Øye vermählt auf seinem ersten Soloalbum nach dem Ende von The Whitest Boy Alive Reggae mit Pop und Indie.

Einfach nur »schöne Musik« oder doch eher ein schuldiges Plaisirchen? Erlend Øye ist mit dem Image bemakelt, samtweiche Muzak für Kleidungsfachgeschäfte zu liefern. In der Tat ist es nicht lange her, da konnte man keine neue Hose kaufen, ohne dabei seine Band The Whitest Boy Alive zu hören. Øyes erstem Soloalbum seit Unrest aus dem Jahr 2003 sollte man sich deswegen mit einer phänomenologischen Epoché nähern: alles in Klammern setzen, was man selbst meint und die Leute über ihn sagen, am besten auch nicht darauf hören, was die Plattenfirma uns erzählen will, nämlich dass der Prototyp des postpubertären Indie-Hipsterschlaks jetzt »erwachsen« geworden sei.

Ähnlich wie mit den Kings Of Convenience (Leise ist das neue Laut) und den im Sommer 2014 aufgelösten The Whitest Boy Alive (House mit richtigen Instrumenten) verfolgt der sanfte Riese mit seinem Soloalbum konzeptuelle Hintergedanken und bedient sich einer klar lesbaren sound signature. Seine zärtelnde Empfindsamkeitsmusik flicht er ein in die schlichten Patterns von Schmuse-Reggae, in UK traditionell Lovers Rock genannt. Aufgenommen wurden die zehn Stücke gemeinsam mit der isländischen Roots-Reggae-Band Hjálmar. Ein Norweger macht Reggae mit Isländern: Darf man das Ergebnis also als »Nordic Reggae« labeln? Nicht wirklich, denn Øye lebt schon seit einiger Zeit in Sizilien. Unabhängig davon taugt Øyes Reggae-Aneignung kaum für ungebrochene Sunshine-Klischees und kommt auch nur scheinbar kontrazyklisch im Herbst auf den Markt. Für Barcardi-laidbackness ist die Musik oft zu spröde, sentimental und reserviert. Überkritisch ließe sich bei der Begleitband Hjálmar eine gewisse Unbeholfenheit feststellen, auf einem Multikulti-Stadtteilfest würde sie jedenfalls nicht unangenehm auffallen.

Øyes unentrinnbar umschmeichelnder, in einprägsamen Sentenzen vorgetragener Gesang behandelt wie immer die ewigen Themen Liebe, Abschied, Sehn- und Eifersucht. Dass er Reggae als vorgefertigte Hintergrundstruktur und nicht als Ausdrucksform benutzt, tut dem Album gut – was wäre schließlich fragwürdiger gewesen als ein »echtes« Reggae-Album? Immer wieder hybridisiert Øye die schunkelnden Riddims, indem er sie mit Softrock-Harmonien, Postrock-Elementen oder einem Hauch Birkenstock-Romantik à la Belle And Sebastian aufmischt. Auch Bläser, Streicher, Rhodes-Piano, Synthies und Highlife-Gitarren sind zu hören. Und das tolle Stück »Bad Guy Now« ruft Erinnerungen an Felt auf und verwischt dabei auf interessante Weise die Grenze zwischen der Glücklich-wenn-ich-traurig-bin-Attitüde britischer Gitarrenbands und einer gewissen Dire-Straits-Stimmung für Erwachsene.

Was Øye an Reggae interessiert, ist weder das Politische (wie einst The Clash) noch das klangästhetische Potenzial, an dem sich Postpunk-Bands wie PIL der die Slits orientierten. Es ist der Pop-Appeal und sonst nichts. Øye folgt damit den Spuren von Boys Georges Culture Club und nicht zuletzt dem großen Green Gartside von Scritti Politti. Der kündigte bei einem legendären Konzert in Berlin vor zwei Jahren einen Song mit folgenden Worten an: »Pop Reggae and postmodernism – a marriage made in heaven or hell? You decide.« In diesem Sinne darf dann beim Durchstöbern der Winterkollektion jeder selbst entscheiden, was von der Ehe zu halten ist, die Erlend Øye zwischen Pop, Reggae und Indie-Innerlichkeit arrangiert hat.

 

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