Erinnerung anders denken: Mischa Kuball & Juan Atkins auf der Berlin Art Week

Foto: Ladislav Zajac

Seit November letzten Jahres füllt der Künstler Mischa Kuball die neue Ausstellungsfläche im Untergeschoss des Jüdischen Museums Berlin. Nicht aber mit materiellen Exponaten: Drei der fünf lange unzugänglichen Voids, der architektonischen Repräsentantenräume für verlorenes jüdisches Leben, bergen nun Kuballs Licht- und Klanginstallation res·o·nant. Im Rahmen der Berlin Art Week wird diese in den öffentlichen Raum verlegt und vom Technomusiker Juan Atkins um eine auditive Skulptur erweitert.

Mischa Kuballs Installation res·o·nant nimmt das immersive Gestaltungsprinzip des Libeskind-Baus auf und erweitert es gleichsam um zwei Ebenen: Lösen die zickzack-förmigen, scheinbar ausweglosen Raumkonstruktionen Libeskinds bei den Besucher_innen Gefühle von Beklemmung und Desorientierung aus, scheinen sie durch die rotierenden Lichtfelder und jäh aufleuchtenden Stroboskopblitze Kuballs ins Jetzt zurückgeholt. In ein Jetzt aber, das geprägt ist von der Angst vor dem nächsten Schlag.

So soll nicht nur die schwelende Bedrohung gefasst werden, mit der sich Jüd_innen seit jeher konfrontiert sehen, res·o·nant will außerdem den tatsächlichen Ausbruch von Gefahr mimen. Zugleich birgt die Ausstellung das (selbst-)reflexive Moment der eigenen Täterschaft: So sind es nicht allein die wie die Grundrisse der Voids aussehenden Lichtfelder, die durch drehende Spiegel reflektiert werden – sondern es sind auch die Besucher_innen selbst.

Begleitet werden sie dabei von 60-sekündigen, meist dissonanten Soundclips, die eigens von über 180 Musiker_innen eingespielt wurden. Im Rahmen der Berlin Art Week werden diese am 28. und 29. September ersetzt durch Deep Space, eine auditive Skulptur von Technomusiker Juan Atkins, dem Mitbegründer von Detroit Techno. Durch die analoge Verbindung mehrerer Synthesizer möchte er eine Gesamtheit aus Lichtern, den Klängen der Räume und denen der Besucher_innen schaffen  in Anlehnung daran, dass nationalsozialistische und antisemitische Verbrechen gesamtgesellschaftliche Probleme sind. Und gerade diese gesamtheitliche Adressierung ist es auch, die Kuball res·o·nant in den öffentlichen Raum verlegen lässt: In Anlehnung an Paul Celans gleichnamiges Gedicht werden die Installationen von 26. bis 30. September in der Oranienstraße zu sehen sein.


Mit dem in Düsseldorf geborenen Mischa Kuball sowie dem US-amerikanischen Juan Atkins hat das Jüdische Museum zwei Künstler eingeladen, die sich dem Thema des Holocaust nicht allein aufgrund ihrer jeweiligen künstlerischen Zugänge anders nähern. Auch treffen mit ihnen zweierlei (moralische) Ansprüche aufeinander: Während der eine aus dem Land der Täter kommt und damit täglich mit generationenübergreifender Verantwortung konfrontiert ist, kommt der andere aus einem Land Alliierter Befreiungsmächte. Eben diese Extreme kulminieren in den das Individuum adressierenden Installationen Kuballs und den Technosounds Atkins‘, die sich auf menschliche Interaktion beziehen.

Mischa Kuball und Juan Atkins auf der Berlin Art Week
26.09. – 30.09. Berlin – res·o·nant live, Oranienstraße
28.09. – 29.09. Berlin – Deep Space, Jüdisches Museum

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