Erdbeermarmelade glänzt und schwabbelt

Animal Collective, immerhin eine der am freakigsten klingenden Bands des Universums. Man hatte schon von der sagenumwobenen Studentenhaftigkeit der vier Mitglieder Josh Dibb (Deakin), David Portner (Avey Tare), Noah Lennox (Panda Bear) und Brian Weitz (Geologist) gehört. Und tatsächlich: kaum Bärte, nirgends Tätowierungen, keine Spur von Exzentrikermerkmalen. Und die Jungs fragen einen während des Gesprächs sogar, ob sie mal kurz auf Toilette gehen dürfen – so entsetzlich höflich sind sie.

Animal Collective
Runter mit den Masken! Im Interview reden Animal Collective Klartext.

(Foto: © Frank Schumacher / SPEX)

Das Tier. Was seht ihr in ihm? Was symbolisiert es für euch?
    Josh: Tiere sind instinktiv und reaktiv.
    Dave: Das Tier verkörpert für uns die Verbindung zur Natur.

Dann seid ihr konsequenterweise alle Vegetarier?
    Dave: Wir sind Pescetarier. Wir essen Fisch.
    Josh: Nein, ich bin Vegetarier
    Noah: Ich nicht, ich esse auch Fleisch.

Seid ihr wenigstens Hippies?
    Dave: Wir würden uns niemals als Hippies bezeichnen. Für mich ist ›Hippie‹ ein bestimmter Ausdruck für einen bestimmten Typus Mensch zu einer ganz bestimmten Zeit, und diese Zeit ist vorbei. Hippies sind für mich dasselbe wie Punks, sie stehen für einen bestimmten Do-It-Yourself-Ethos, der sich immer wieder in verschiedenen Variationen wiederholt.
    Josh: Als kulturelle Referenz geht Hippietum für uns in Ordnung, aber nicht als Lifestyle. Immerhin seid ihr ein Kollektiv. Diskutiert ihr alles gemeinsam aus?
    Noah: Alles. Oder wir schreiben uns gegenseitig E-Mails.

Klingt eure Musik nach Streitereien noch interessanter, weil sie dann spannungsgeladener ist?
    (alle): Manchmal schon, ja.

Der Animal-Collective-Sound ist ein seltsamer Sound. Aber könnt ihr mit der Kategorie ›seltsam‹ überhaupt etwas anfangen?
    Noah: Manchmal geht es mir so, dass ich nach Jahren etwas von uns wieder höre und denke: wie bizarr. Dann verstehe ich selbst nicht mehr, was wir da gemacht haben. Aber generell ist es doch so: Was schwierige Musik ist und was nicht, beruht allein auf Sozialisation und somit einer sehr subjektiven Sichtweise.
    Dave: Auch Techno kann je nach Empfinden schier unhörbare Musik sein.
    Noah: Wir begeistern uns nicht mal unbedingt für das Seltsame, wir müssen in unserer Musik vor allem etwas spüren.
    Brian: Es gibt so viel Musik da draußen, die echt seltsam ist, aber keine Seele hat. Das berührt mich nicht.

Helfen Drogen, um den Freakout herbeizuführen?
    Brian: Das, was wir im Studio oder auf der Bühne machen, ist für uns Arbeit. Inspirationen kommen nicht von Drogen, sondern aus vergangenen Eindrücken, von Ideen, die irgendwo außerhalb der Musik ihren Ursprung haben.
    Noah: Vom Leben an sich, allem um uns herum, sämtlichen Erfahrungen. Dem großen Ganzen.

Eure neue Platte ist nicht an einem bestimmten Ort entstanden, sondern ihr habt überall in der Welt Fragmente gesammelt und diese dann im Studio gebündelt. Das Unterwegs-Sein scheint bei euch ein Arbeitsprozess zu sein.
    Dave: Wir spielen sogar unsere neuen Nummern erst einmal ein Jahr lang überall in der Welt live, bevor wir aus ihnen Studioaufnahmen basteln.
    Noah: Aber diese Nummern wiederum entstehen vorher zu Hause. Dave oder ich komponieren sie mit der Gitarre oder am Piano, bevor wir sie gemeinsam ausarbeiten.

Daheim erarbeitet jeder für sich Melodien, die ihr dann gemeinsam dekonstruiert?
    Noah: Ich würde nicht sagen, dass es um Dekonstruktion geht.
    Brian: Eher darum, der gefundenen Melodie ein Zuhause zu errichten, oder gar eine eigene Welt, in der sie leben kann.
    Dave: Manchmal dekonstruieren wir auch, das stimmt schon.

Bei der Musik des letzten Panda-Bear-Soloalbums hatte man das Gefühl, den Melodien würde ein größeres Haus, eine komfortablere Welt errichtet als bei Animal Collective. Die Melodien kommen viel direkter auf einen zu.
    Noah: Panda Bear ist mehr mein Popding, aber ich finde, die neue Animal-Collective-Platte hat dennoch auch einen Pop-Touch.

Man redet oft von einer amerikanischen Freak-Folk-Szene. Gibt es diese Szene überhaupt, oder ist das lediglich ein Medienkonstrukt?
    Noah: Eher letzteres.
    Brian: Wir kennen nicht viele dieser freaky folky Bands, was allein schon daran liegt, dass sie sich innerhalb der USA zu sehr verstreuen.

Direkte musikalische Einflüsse – könnt ihr welche benennen? Wenn man sich eure Musik anhört, scheint für euch so gut wie alles eine Rolle zu spielen…
    Noah: Drone-Musik, klassisches…
    Dave: Weltmusik, Kompakt…
    Brian: Asiatische Musik, Musik aus dem Mittleren Osten…
    Dave: Alles.

Eure neue Platte klingt vor allem ziemlich spacig.
    Dave: Das ist richtig. Sie hat viel mit Science Fiction zu tun. Vor der Platte haben wir jede Menge Sci-Fi-Filme gesehen und über Aliens diskutiert.

Was für Filme habt ihr euch zur Vorbereitung angesehen?
    Brian: »Kampfstern Galactica« haben wir uns mehrere Male reingezogen. Außerdem mehrere Folgen von »The Twilight Zone« und »The Angry Red Planet«. Es ging darum, uns durch die Filme in eine Sci-Fi-Stimmung zu bringen.

»Strawberry Jam« heißt eure neue Platte. Spontan fällt einem dazu der auch recht spacige Psychedelic-Klassiker der Beatles, »Strawberry Fields Forever«, ein. Hat euer Titel damit etwas zu tun?
    Dave: Ein klein wenig. Im Grunde ging es uns aber ganz allgemein um die Erdbeere in der Sixties-Psychedelic. Es gibt einen Kinks-Song, in dem von »Strawberry Jam« die Rede ist, Strawberry Alarm Clock nannte sich eine große Psychedelic-Band aus der Zeit, auch Ohio Express haben über Erdbeeren gesungen.

Ihr wolltet also – auch ohne Drogen – an diesen typischen Sixties-Psychedelic-Erdbeeren-Spirit anknüpfen?
    Dave: Nicht ganz. Für uns ist Erdbeermarmelade auch etwas ziemlich Futuristisches. Allein schon, wie sie aussieht.
    Josh: Sie glänzt und schwabbelt.
    Dave: Sie sieht aus wie ein Alien, wirkt ziemlich organisch und natürlich.

Und wie Erdbeermarmelade aussieht, so soll auch eure Platte klingen?
    Brian: Ganz richtig. Es war so: Wir stiegen aus dem Flugzeug, welche Stadt es war, spielt keine Rolle. Noah hatte ein Plastiktöpfchen Erdbeermarmelade mitgenommen, hielt es hoch und sagte, er wolle unbedingt eine Platte einspielen, die uns an genau diesen Moment und diese Marmelade erinnert.

»Strawberry Jam« von Animal Collective erscheint am 07.09.2007 (Domino Record Co / RTD)

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