»Er nimmt sich sein letztmögliches Kostüm« – Soap & Skin und Dietmar Dath über David Bowie

David Bowie in Stafford, England im Juni 1978 (Foto: Kevin Cummins)

Am 10. Januar 2016 ging David Bowie von uns. Im Rahmen der Rubrik Wahlverwandtschaften bat SPEX Soap & Skin und Dietmar Dath zum Gedankenaustausch über Bowies Vermächtnis und über das Sterben im Pop. Wie ist das, wenn der glorifizierte, von Bowie selbst schon vor Jahrzehnten spielerisch gebrochene »Rock’n’Roll-Suicide« zunehmend vom prosaischen Löffel-Abgeben durch Alter und Krankheit abgelöst wird?

Ob ich mit Soap & Skin und Dietmar Dath über den Tod reden möchte, fragt die Redaktion. Daths neuer Roman heißt Leider bin ich tot, und so heißt auch ein Song auf Nicht sterben. Aufpassen., dem Album von The Schwarzenbach, auf dem Dath singt. Im Repertoire der Musikerin Anja Plaschg alias Soap & Skin gibt es Stücke wie »Marche Funèbre«, »Deathmental« und den Song »Vater«, inspiriert vom Tod ihres Vaters. Wir leben weit voneinander entfernt, Soap & Skin möchte lieber schreiben als sprechen, also mailen wir uns. Dath antwortet schnell, Soap & Skin langsamer, Mails überschneiden sich. So ist der folgende Text auch das Dokument einer Zumutung und eines Scheiterns. Scheitern beim Versuch, die Balance zu finden zwischen Nähe und Distanz. Scheitern beim Versuch, die Künstler-Personae zu trennen von den Menschen, mit denen man sich zu unterhalten versucht – weil man sie gar nicht trennen kann, weil man aber, wenn man die Trennung nicht versucht, in die Falle des Biografistischen tappt. Von wegen »Kinder der Tod, ist gar nicht so schlimm«! Vergiss es, Palais Schaumburg!

Vom Club 27 zu Lemmy Kilmister und David Bowie: Wie verändert sich das Sterben im Pop? Eignet es sich noch zur Romantisierung, wenn ältere Popstars den sogenannten natürlichen Tod sterben?
Dietmar Dath: Ich glaube nicht, dass es da eine besondere Popfrage gibt. Es ist ein Massenmediending: Der Tod von Johannes Paul II. war auch ein Event, und den hätte man auch romantisieren können. Romantik ist eine Darstellungsform, Tod ist ein Ereignis – das hat nicht mehr miteinander zu tun als Stoff und Thema.
Soap & Skin: Ja! Was Dietmar sagt, ist so richtig. Pop ist von der Gesellschaft ja auch gar nicht richtig zu trennen.

Verliert der Tod im Alter das Heroische?
S&S: Der Tote ist unantastbar.
DD: Man könnte auch umgekehrt sagen: Wenn man seinen ersten Karrierehöhepunkt im Glamrock mit einer Platte hatte, die von Tod und Apotheose einer Kunstfigur handelt, ist Altwerden und Sterben selbst heroisch – in dem Sinn, in dem das Heroische immer die aktive Zurückweisung der Muster ist, die man eigentlich erfüllen sollte. Ich fand andererseits »Lady Stardust«, das Liebeslied für Marc Bolan auf Ziggy Stardust, immer interessanter als das ganze Sterben-auferstehen-Brimborium. Der ganze Männermessianismus ist eine relativ fade Musicalrolle. Die Belastung von Genre- oder Geschlechtergrenzen oder die Verweigerung von Machismo sind eine viel größere Errungenschaft als die Attackierung der Grenze zwischen Leben und Tod.

Am Ende des »Lazarus«-Videos steigt Bowie in einen dunklen Holzschrank und zieht die Tür hinter sich zu. Warum geht er zurück ins closet, wo seine Performance doch so vielen Leuten dabei geholfen hatte, rauszukommen aus dem Schrank der heterosexuellen und anderer Diktate?
S&S: Ich assoziiere damit den Kleiderschrank, aus dem er sein Leben lang seine Kostüme geholt hat. Er nimmt sich nun also selbst sein letztmögliches Kostüm.
DD: Wenn es überhaupt das bedeutet, was eine Art Bilderrätselübersetzung darin sieht, dann könnte es ein Witz sein, im Sinne von: Once a thing is seen, it cannot be unseen. Dieses »zurück ins closet« geht sozial eben nicht, physisch aber schon. Bowie erinnert eine Metapher daran, dass sie eine Metapher ist. Darin war er immer gut.

„Romantik ist eine Darstellungsform, Tod ist ein Ereignis.“ (Dietmar Dath)

Nach Bowies Tod wird getrauert, erinnert, verglichen, gewürdigt. Leute kommen in kirchenartiger Atmosphäre zusammen, um im Chor »Space Oddity« zu singen. Der Clip wird zum Hit, viele posten, dass ihnen die Tränen gekommen seien. Bekommt da die alte Rede von Pop als Ersatzreligion neuen Sinn?
DD: Ich mag das nicht. Immer, wenn etwas als Ersatzreligion bezeichnet wird, werden sowohl die Religion als auch das andere Ding unterschätzt. Was sollte nicht schon alles Ersatzreligion sein: die Wissenschaft, die Technik, der Sozialismus, die sogenannte sexuelle Befreiung … Religion ist etwas Besonderes insofern, als Leute da ihre Handlungen nach etwas ausrichten, was sie nicht begründen, weder logisch herleiten noch mit Evidenzen belegen müssen – das nennt man Glauben. Aber Science-Fiction ist eben nicht Scientology, sie ist ein ästhetisches Gebilde, an das man nicht glauben muss, in dem man aber fantasieren und performen kann. Und so auch Pop. Nur bei Irren – Charles Manson, der denkt, das Weiße Album redet mit ihm – kollabiert Pop in die Form »Glauben«. Ansonsten aber ist Pop die Möglichkeit, nicht glauben zu müssen, dass David Bowie mich liebt oder ich ihn verstehe, aber davon träumen zu dürfen. Dazu eine Geschichte, die mir gestern Nacht passiert ist: Es ging im kleinen Kreis, wie so oft in den letzten Wochen, um Bowie, und eine in der Runde fing mit ihrer Theorie an, dass Bowie zu den wichtigsten britischen Okkultisten gehöre, neben William Blake, Alan Moore, Austin Osman Spare. Das seien auch alles Künstler, wohingegen Aleister Crowley nur ein Hochstapler gewesen sei. Ich war nicht einverstanden. Ich mag diese Esoterikinterpretationen von Bowie nicht. Da kam sie mir mit dem »A magical journey from Kether To Malkuth«-Zitat, das hätte ich doch selbst aus Bowies »Station To Station« geholt und in Leider bin ich tot gestellt, als einzige, also offenbar wichtige Bowie-Referenz des Buches. Mein Einwand: Ach, Bowies Kabbala-Bezug ist doch kein gläubiger, kein philologischer, er hat sich von Éliphas Lévis Transcendental Magic, Its Doctine And Ritual anregen lassen. Nach seinem Tod wurde die Liste seiner Lieblingsbücher noch mal breit publiziert, da ist Lévi dabei. Was Bowie von der Kabbala wusste, hatte er also aus diesem populär geschriebenen Buch. Da sagt sie zu mir: »Ja, aber Alan Moore, Spare und Bowie zeigen eben, dass Okkultismus einfach eine Technik der Konzentration ist. Sie legen nicht das Leben oder Sterben nach der Kabbala aus, sondern sie verweisen auf Systeme der Magie wie die Kabbala, um sich selbst und ihre Kunst als etwas darzustellen, das nicht nur nachgespielt und nachempfunden werden kann, sondern auch einen Fokus darstellt, wo Bedeutungen ineinanderkrachen wie im magischen Denken.« Ich frage sie: »Also Ersatzreligion?« Und sie sagt: »Nein, die okkulte Kunst ist kein Ersatz für die Religion. Sondern sie ist, als ein Welterlebnis, das potenziell alles bedeutsam findet, selber das, wofür die organisierte Religion immer nur ein schwacher Ersatz sein kann.«
S&S: Das sind so wundervolle Sätze: »Eine Technik der Konzentration« … »ein Welterlebnis, das potenziell alles bedeutsam findet« … »wofür die organisierte Religion immer nur ein schwacher Ersatz sein kann«. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Den Begriff »Ersatzreligion« habe ich noch nie verstanden, jetzt weiß ich zumindest warum.

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