»Ein Tag, ein Track« – Empress Of alias Lorely Rodriguez   FOTO: Eva Tuerbl

Empress Of hat einen neuen Song namens »Realize You« veröffentlicht. Den Stream begleitet unser Porträt der umtriebigen Künstlerin aus SPEX N°345.

Es gibt heutzutage tatsächlich noch Menschen, die sich nicht überfordern lassen. Wenn Lorely Rodriguez, die als Empress Of die zur Zeit verträumtesten, cleversten und überhaupt schönsten Popsongs abliefert, wenn diese insgesamt bezaubernde Person von New York und dem ganzen Ausgehtrubel spricht, dann tut sie das mit einer ansteckenden jugendlichen Leichtigkeit. So als ob es vollkommen unmöglich wäre, etwas Negatives, gar Klischeebeladenes, an dem Leben eines bohemian hipsters zu finden; als ob der Sinn des Lebens wirklich darin bestehen würde, tagsüber in Cafés rumzuhängen, abends auf eine Vernissage und dann ein Konzert zu gehen – aber plötzlich sagt die 23-Jährige selbst: »Wenn da nicht die eigene Produktivität wäre.«

Ein Großteil des Nachdenkens von Lorely Rodriguez gilt der berechtigten Frage: Wie schafft es der empfindsame Mensch, bei dem ganzen Input und den Möglichkeiten, dem sogenannten information overload, auch noch selbst etwas Substanzielles auf die Beine zu stellen? Für sich selbst konnte sie diese Frage mit einer simplen, aber grandiosen Methode beantworten: Ein Tag, ein Track mit einer Minute Musik, eine Farbe. In kurzer Zeit entstanden 15 Stücke – die sogenannten Color Minutes –, mit denen sie die Stimmung einer Farbe einzufangen versucht.

Rodriguez, deren Eltern aus Honduras stammen, die aber in LA aufgewachsen ist, ging die Sache äußerst professionell an: Studiert hat sie Tontechnik und Produktion und. Aus den Kürzesttracks der Color Minu­tes bastelte sie bald die Popsongs ihres EP-Debüts Systems. Der Mensch, das hat Rodriguez für sich entschieden, braucht Struktur, also systems, um in der Realität klarzukommen. Was dann wiederum den Raum der Kunst offen lässt für alles Verträumte, Schwelgerische, Zerbrechliche.

Am liebsten mag Rodriguez ersteres. Schwärmt für den Shoegaze der Cocteau Twins (die sie auch in ihrem Song »Hat Trick« zitiert) und den sphärischen Sirenengesang einer Julee Cruise (in deren Stimme sie sich natürlich verliebt, als sie die Serie Twin Peaks geschaut hat).

Das Übersetzen von Shoegaze in ätherischen Pop ist aber nur eine Methode ihres Songwritings. Systems endet mit dem Song »Camisa Favorita«, der zuletzt, durch die mantrahafte Wiederholung der Titelzeilen, wie eine Art Gebet klingt. Die Idee, einen Song mit einer repetitiven Struktur enden zu lassen, hat sie von der deutschen Band Harmonia: »Ich mag es, wie sich in den fünfminütigen Tracks manchmal nur ganz unbemerkt ein Sound verändert und man beim Hören in Trance gerät. Einfach wunderbar.«