Empress Of »Me« / Review

Gereinigt vom Lo-fi-Nachhall früherer Shoegaze-Referenzen schillert Me in balearischer Strahlkraft und legt erstmals ein Konstrukt linearerer Electronica-Strukturen frei.

The Empress ist eine Tarotkarte von höchster, positiver Wertigkeit: Wird einem die dritte Trumpfkarte aus dem großen Arkana vorgelegt, blickt man auf die Verkörperung weiblicher Schöpfungskraft und ganzheitlicher Liebe. Als Lorely Rodriguez, die seit mittlerweile drei Jahren unter dem Namen Empress Of an ihren saccharinen Pop-Perlen bastelt und eigentlich wenig auf esoterische Empfindungen gibt, während einer zufälligen Tarotséance die Kaiserin zog, empfand sie dies als einen schicksalhaften Moment und Auftrieb für die eigene Produktivität.

Bald darauf entstand das intuitive Projekt Colorminutes: ein Tag, ein Track, eine Minute, eine Farbe. Die synästhetische Erkundung endete in 13 verträumten, skizzenhaften Montagen, die in nur 60 Sekunden erstaunlich viel Raum für das ätherische Popkontinuum der Empress ließen. Das Klangtagebuch wurde alsbald in eine erste EP übersetzt, es folgten eine ausgedehnte US-Tour mit Jamie Lidell und der obligatorische Umzug nach Brooklyn. Rodriguez, die honduranische Wurzeln hat und in Los Angeles aufwuchs, setzte die Schaffensverlagerung nach New York aber mehr zu, als sie erwartet hatte: New York lähmte ihre so reich prophezeite Schöpfungskraft und hemmte den kreativen flow. So verlegte Rodriguez die Aufnahmen für ihr Debütalbum kurzerhand in ein abgeschottetes Haus am See in der Nähe von Valle de Bravo in Mexiko.

War der musische vibe vorher gestört, floss die Inspiration nun in Strömen und fügte sich zu einem kohärenten Langspieldebüt. Gereinigt vom Lo-fi-Nachhall früherer Shoegaze-Referenzen schillert Me in balearischer Strahlkraft und legt erstmals ein Konstrukt linearerer Electronica-Strukturen frei. Die Entrümplungstaktik mündet zwangsläufig in die Tanzbarkeit von Songs wie »Water Water« und »To Get By«. Die wellenartigen Klanglandschaften wogen zum Kurs einer Sirenenstimme, die sich erstmals auch in verwegene Kopfstimmenhöhen wagt. Bassdominiert und perkussiv klingt die Selbstbehauptung von »Need Myself«, die in der maßgeblichen Botschaft des Albums kulminiert: Zu einem furiosen Bongoregen skandiert Rodriguez das Mantra »I just need myself« bis hin zum erlösenden fade out. »Kitty Kat« nährt sich von konstruktiver Zerstörungswut: »Don’t kitty kat me / Like I am just your pussy!«, warnt Rodriguez in schönster Obertonlage und randaliert anschließend systematisch durch den Rest des Albums – nicht jedoch, ohne den Monsun ab und zu durch einen läuternden Sommerregen zu ersetzen. Bewussteres Songwriting gehörte zu den selbst auferlegten Zielen für ihr Debüt, erklärte Empress Of. Wir erklären: Ziel erreicht.

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