Emiliana Torrini Me And Armini

1999, als Trip Hop schon so was von over war und selbst kaum noch zwecks Atmo-Erzeugung und Gesprächspausenüberbrückung in ironisch aufgeplüschten Lounge-Bars eingesetzt wurde, veröffentlichte Emilíana Torrini ihr Debüt »Love In The Time Of Science«. Es operierte mit trippigen Beats, gab sich diffus melancholisch und dürfte den Klanghintergrund vielfachen Pärchengekuschels gebildet haben. Man konnte es nebenbei hören, aber auch zum In-sich-Hineinhorchen verwenden, um irgendeiner persönlichen Tiefe hinterherzulauschen. Zugleich war es Indie für Leute, die Indie eigentlich nicht so mögen.

    Das nächste Mal trat die in England lebende, halb italienische, halb isländische Sängerin mystisch aufgewabert im Jahr 2002 in Erscheinung: Das war in »Gollum’s Song« aus dem zweiten Teil der »Lord Of The Rings«-Trilogie und klang wie eine Mischung aus Enya, Beth Gibbons und Björk. 2005 folgte mit »Fisherman’s Woman« das bis dato überzeugendste Album des ehemaligen GusGus-Mitglieds: Es war sehr sparsam, nämlich meist nur mit akustischer Gitarre instrumentiert, verträumt, zerbrechlich und von entwaffnender Simplizität. Die Vergleiche des Gesanges mit Björk sind zwar aufgrund einer ganz ähnlichen Akzentfärbung nicht völlig abwegig, tun Torrini aber ein wenig Unrecht: Im Gegensatz zur launischen Diva aus Reykjavík will sie weder das Wort ›Kunst‹ in den ganz dicken Feuilletonlettern schreiben noch spekuliert sie auf den exotistischen »Ei was bin ich für eine wunderliche Waldfee«-Bonus.

    »Me And Armini« ist wie »Fisherman’s Woman« zusammen mit Franz-Ferdinand- und Hot-Chip-Produzent Dan Carey entstanden. Denkblockaden und Berührungsängste gegenüber fremden Genres hat es dabei offenbar nicht gegeben: Das Titelstück zum Beispiel ist antiseptischer Reggae mit synthetischen Space-Effekten, »Birds« wandelt sich zu einem sehr späten Zeitpunkt von einer intimen Folkballade in eine sphärisch-flächige Prog-Etüde, und »Jungle Drums« wartet mit – ach leider! – ›augenzwinkerndem‹ Uptempo-Rockabilly auf. Trotz fetter, dubbiger Plastebässe und schmissiger Motown-Flavours klingt »Heard It All Before« – nicht nur wegen der Verfolgungsjagd zwischen Stimme und Rhythmus – nach von Brauereien gesponserten Bandwettbewerben in der Provinz. Auch die aus »Big Jumps« sickernde Absicht, zugleich niedlich und aber unbedingt dabei auch noch schnippisch klingen zu wollen, löst ungefähr so viel Begeisterung aus wie pseudowilde Edie-Brickell-Songs Ende der achtziger Jahre.

    Und nun zum Positiven: Das spartanische, angejazzte »Hold Heart« erinnert an die frühen, von Wehmut, Tristesse und der Poesie des Grautons durchzogenen Arbeiten Tracey Thorns mit Everything But The Girl und den Marine Girls – immer eine schöne Reminiszenz, auch wenn der Gesang Thorns doch deutlich mehr Seele hat. »Gun« basiert auf einem wunderbar reduzierten, verbluesten, wie von Calexico produziert klingenden Gitarrengroove. Obwohl Torrinis Versuch, streetwise, wasted und cool zu klingen, ungefähr so authentisch wirkt wie Jeanette Biedermann in einer Rolle als Christiane F., handelt es sich um eines der stärksten Stücke des Albums. Herauszuheben ist auch »Dead Duck«, das in seiner verspulten Spookiness an die großartigen Art-Popper Piano Magic erinnert. Schließlich trägt auch das elegische Schlussstück »Bleeder« seinen Teil dazu bei, den Hörer dieses in sich ein wenig unschlüssigen Albums versöhnlich zu stimmen und darauf hoffen zu lassen, dass Emilíana Torrini in Zukunft zu größerem Selbstverständnis bei der Wahl ihrer musikalischen Wege finden wird.

LABEL: Rough Trade Records

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 05.09.2008

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