Elysia Crampton „Elysia Crampton“ / Review

Elysia Crampton geht es um Aktivismus, um den Ausbruch aus der Logik der Kolonialherren, aber auch um die Schaffung eines neuen Werks, das in der Tradition dieser queeren Geschichte steht.

Die Aymara-Amerikanerin Elysia Crampton beschäftigt sich seit jeher mit der Sichtbarmachung von Traditionen aus dem südamerikanischen Andenraum. Dabei geht es ihr um queere Bräuche, die der bolivianischen Kolonialherrschaft zum Opfer fielen und heute nur noch chiffriert zutage treten können, wie etwa die Karnevalsfigur der China Morena. In den Dreißiger- und Vierzigerjahren formte sich diese aus der von Transvestitinnen entwickelten Figur der Chola. Trat sie zunächst noch mit Masken und langen Kostümen auf, verhalf ihr die Travestie-Femme Ofelia Anfang der Siebziger zu neuer Strahlkraft. Ofelia legte die Masken ab und dafür Netzstrumpfhosen, kniehohe Stiefel, weite Schmetterlingsärmel, Korsetts, Perücken sowie starkes Make-up an. Cramptons viertes Studioalbum ist ihr gewidmet.

Die Auslöschung von Travestie ist Teil des kolonialen Erbes.

Als 1975 die Transvestitin Barbarella als China Morena dem bolivianischen Militärdiktator Hugo Banzer Suárez auf einer Party einen Kuss gab, verbannte dieser queere Menschen vom Karneval. Die stückweise Auslöschung von Travestie und queerer Geschichte in der bolivianischen Folklorekultur ist Teil des kolonialen Erbes. Die Tradition der China Morena lebt zwar bis heute fort, wird seitdem aber nur noch von Cis-Frauen verkörpert. Cramptons Songs dienen vor allem als verlängerte Instrumente, um Geschichten wie diese ins Jetzt zu katapultieren. Sie verwebt Sounds aus Folkloretänzen wie Kullawada, Huayño und Morenada, lässt diese aber nicht in allzu traditionellem Gewand auftreten, sondern deformiert das Tempo, lässt die Instrumente lediglich durchschimmern, setzt Samples ein und legt zuweilen alles übereinander.

Crampton geht es um Aktivismus, um den Ausbruch aus der Logik der Kolonialherren, um das Sichtbarwerden des fortschrittlichen Denkens der Aymara, aber auch um die Schaffung eines neuen Werks, das in der Tradition dieser queeren Geschichte steht. Wie schon seine Vorgänger ist auch Elysia Crampton ein durchdachtes Album und darauf angelegt, mit jedem Hören und Lesen seiner Statements neue Elemente von sich offenzulegen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.