Eleanor Friedberger »New View« / Review

Die Lage ist ernst: Friedbergers lustigste Momente sind auch die traurigsten.

Im Tourbus von Mac DeMarco gibt es keine Überraschungen. »It’s all farts and dick jokes«, erzählte unser Informant neulich, um dann als persönliche Note hinzuzufügen: »I can’t take it anymore.« Der Informant, Mitte 30, körperbewusster Däne, Yoga- und Hypnoselehrer, hätte wahrscheinlich besser in den Tourbus von Eleanor Friedberger gepasst. Für ihr drittes Album hat die Wahl-New-Yorkerin den Song »Does Turquoise Work?« aufgenommen, ein schleppendes Einhak- und Schunkellied, in dem die verbogenen Hawaiihemdgitarren von DeMarco an einer erwachsenen Eifersuchtsgeschichte abprallen. Es ist, wie alles auf New View, sehr schlau und ein bisschen gemein.

Noch mal zum Furzen aber: Eleanor Friedberger war von 2000 bis 2011 hauptsächlich mit The Fiery Furnaces beschäftigt, einer Post-Prog-Band aus Chicago, in der sie mit ihrem Bruder Matthew verzwickte Rockopern vortrug, während die Synthesizer Flatulenzgeräusche nachahmten. Pitchfork gab einem ihrer Alben 9,6 von zehn Punkten. Friedberger sattelte trotzdem um auf eine Solokarriere, die vorher zu kurz gekommene Talente betont. Ihre eigenen Alben erzählen noch immer detailfreudige und komplizierte, aber doch lebensnahe Geschichten über Beziehungsfreuden und -betrug. Die lustigsten Momente sind auch die traurigsten. Der Sound ist Westküste, Siebzigerjahre, der Morgen danach.

»Die Lebhaftigkeit der Gitarrensoli überdeckt den Ernst der Lage.«

Die Lebhaftigkeit der Gitarrensoli und Orgeleinwürfe, das schlurfende Schlagzeug und Friedbergers meist sachlicher Gesang überdecken auf New View den Ernst der Lage. Die Künstlerin singt Bekennerzeilen aus der Innenwelt ihrer Protagonisten, es geht immer wieder darum, die Oberhand zu gewinnen oder zu behalten, vieles könnte auch als Drohung gemeint sein. »Today I’m frozen / But tomorrow I’ll write about you«, heißt es einmal und an anderer Stelle: »I may be over in the spring / To do a little spring cleaning.« Höhepunkt der Machtspiele ist ein putziger Orgelfunk, der die Entscheidungen seines Adressaten hörbar angenervt vom Tisch fegt. »Why would you wanna do that?«, fragt Friedberger jedes Mal, und dann fällt es ihr wieder ein: »Because I asked you.«

Sehr schlau und ein bisschen gemein, wie gesagt, aber auch gerader formuliert und runder aufgenommen als die Vorgängeralben, mit denen Friedberger bisweilen den Produktions- und Songwritingsabotagen der Fiery Furnaces nachhing. Auf New View gibt es nur noch einen Auffahrunfall der Instrumente, gleich zu Beginn werden sie einmal durcheinander gewirbelt, aber dann landet alles an den vorgesehen Orten, greift ineinander und läuft so geschmiert wie das Leben dieser Erwachsenen, vor denen immer gewarnt wird. Mac DeMarco wäre das vielleicht schon zu gediegen. Er hat aber auch das Hashtag #smallpenis kultiviert.

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