Ela Stiles Ela Stiles

Das Cover macht Angst. Es sagt: »Schau her, eigentlich bin ich von Beruf Reh, bei aller Verletzlichkeit strahle ich aber auch eine bedrohliche Form von Weiblichkeit aus. Und fassen, tja, fassen kannst du mich mit deinem rationalen Zugriff ohnehin nicht. Schon gar nicht, wenn du zur unterkomplexen Lebensform Mann gehörst. Denn wisse: Mit mir ist es wie mit der Liebe – du musst dich in sie stürzen wie in einen Abgrund, ganz ohne Seil.« Die Coverikonografie des rahmenden Blattwerkgeranks unterstreicht zusätzlich, dass wir es hier mit einem Naturwesen zu tun haben, bei dem sich die Schere zwischen Körper und Denken noch nicht wirklich weit geöffnet hat.

Semiotisch wird man von Ela Stiles also in verklärte vorchristlich-pagane Zeiten versetzt, in denen die Natur noch nicht durch rigiden Monotheismus entgöttert und dämonisiert war, sondern einer vielköpfigen Hippiekommune glich. Hinter jedem Fels ein Genius Loci. Wie schön muss es gewesen sein, wenn du, bevor du einen Fluss queren konntest, erst mal den kleinen Nackedei von lokaler Nymphe um Erlaubnis fragen musstest! (»Ist schon okay«, sagt die, »aber könntest du mir mal den Rücken abrubbeln?« – »Och, na klar.«)

All diesen visuellen Zaunpfahlwinken zum Trotz ist die Australierin Ela Stiles keine öde Esosuse, die uns mit Klanghintergründen für Selbsterfahrungstöpferkurse langweilt. Die einstige Bassistin der minimalistischen Jangle-Pop-Band Songs und nachmalige Sängerin der dunklen psychedelischen Drone-Popper Bushwalking hat ein zwar unverschämt kurzes (knapp 17 Minuten!), aber sehr schönes Album aufgenommen, auf dem allein ihre Stimme zu hören ist. Das ist mehr als nur eine musikalische Entscheidung, gilt doch die menschliche Stimme in der abendländischen Metaphysik als unverfälschter Zugang zur Seele und Hort des Authentischen, als das andere der Entfremdung schlechthin – ein Phonozentrismus und ein auf den Gegensatz zur verdinglichenden Schrift abhebendes Feiern der lebendigen Stimme, die ihren prominentesten Kritiker in Jacques Derrida hatten. Doch übt sich Stiles nicht in Intimitätsterror, sondern schafft einen Klangraum, der zwischen zerbrechlichen Folkismen und qua Layering hymnisch flutenden Vokal-Drones changiert, ohne zum Gott des Innerlichkeitsexhibitionismus zu beten.

Anders als Björk stellenweise auf ihrem Medúlla-Album geht es Stiles nicht um den Nachweis, dass sich fast allein mit Hilfe der Stimme Musik erzeugen lässt, der man diesen Entstehungshintergrund so wenig anhört, dass ihre Beats auch aus den Lautsprechern von Modekettenfilialen zu hören sein könnten. Man denkt an: den schwarz schillernden A-cappella-Folk einer Anne Briggs, den zugleich filigranen und kraftvollen ostkirchlichen Sakralgesang der Serbin Divna Ljubojević und die ätherisch-angelischen Seufzer einer Julianna Barwick. Man denkt nicht an: wildromantisch-pittoreske Steilküsten oder kitschige Fjordeinsamkeiten aus der Autowerbung oder einem späten Terrence-Malick-Film. Die Angst, sie war so was von unbegründet.

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