El Vy »Return To The Moon« / Review

El Vy wird übrigens so ausgesprochen, dass es sich auf »hell pie« reimt, und soll die Mehrzahl von Elvis sein.

Insomnia ist ein unter Musikern weit verbreitetes Leiden. Adrenalin und allfällige andere Substanzen rauschen bis spät in die Nacht respektive den nächsten Morgen durch die Venen, und wohl kaum ein Musiker legt sich eine Stunde nach einem Konzert in einer ausverkauften Mehrzweckhalle für seine acht Stunden Regenerationsschlaf brav ins Hotelbett. El Vy, das neue Projekt von The-National-Sänger Matt Berninger gemeinsam mit seinem alten Freund Brent Knopf von Menomena und Ramona Falls, kann man wohl als eine Art Schäfchenzählen für Rockstars verstehen. Wobei diese Methode scheitern musste: Zum Einschlafen groovt das Album zu gut.

Über Jahre hinweg soll es auf Berningers Rechner einen Ordner namens The Moon gegeben haben, in dem er Songfragmente sammelte, die er und Knopf sich per E-Mail hin und her schickten. Wenn es mit dem Einschlafen wieder mal nicht klappte und die Gedanken schwer vom Wein waren, saß Berninger einsam in seinem Hotelzimmer und machte sich Gedanken über die Einsamkeit des Im-Hotelzimmer-Sitzens und Nicht-einschlafen-Könnens. Etwa den folgenden: »I couldn’t get a hold of my big sister / When I tried to call her just to tell her that I missed her / I cried to roomservice instead.«

Das klingt so leichtfüßig und melancholisch, wie man es von The National gewohnt ist, und Berningers Stimme ist der rauchende Bariton, den man kennt und liebt. Auch musikalisch haben sich El Vy nicht allzu weit vom Mutterschiff entfernt. Beide Musiker waren zusammen auf Tour und sind seit Jahren befreundet, man kennt die Vorlieben des anderen, die Arbeitsmethoden sowieso. Ob die Lyrics von Return To The Moon indes so witzig gedacht sind, wie man herauszuhören meint, bleibt abzuwarten. Singt Berninger nun davon, dass er »way too far out on some broken pretzels« wandelt, oder sind es doch »broken braces«, also Zweige? Die Texte stammen zum größten Teil aus Berningers Feder (mit Unterstützung seiner Frau Carin Besser), die Songstrukturen und das Arrangement von Knopf, der mit Ramona Falls zwar beständig durch die Welt tourt, aber nicht ganz so vielen ein Begriff sein dürfte wie sein The-National-Freund.

El Vy wird übrigens so ausgesprochen, dass es sich auf »hell pie« reimt, und soll die Mehrzahl von Elvis sein. Zwei El Vy, die sich in den Schlaf wiegen und zurück zum Mond fliegen wollen, klingt weniger größenwahnsinnig als wurstig-lustig. Berninger lässt über das Album den Waschzettelallerweltsatz fallen, es sei das Persönlichste, das er je geschrieben habe. Auch wenn oftmals erfundene Figuren wie Didi und Michael auftauchen, singt er doch von eigenen Erfahrungen und Geschichten von Verwandten und Freunden. Return To The Moon ist eine kurzweilige Platte, die man gerne auflegt, die aber keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Ein Beiboot bleibt halt ein Beiboot.

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