Ekkehard Ehlers / Paul Wirkus

»Strange things happening in the land« singt einem der uralte Blues, zart bearbeitet, von Ekkehard EhlersMySpace-Profil entgegen. »Zärtlichkeit ist ein Umgang mit dem Detail«, hat Ehlers einmal geschrieben und »Das Detail ist politisch, es ist eine Erinnerung an Zustände, die verschwinden.« Zärtlichkeit, das Detail, Politik, das Verschwinden – Begriffe, die auch als Parameter funktionieren, um verbal den Zustand der Musikindustrie zu beschreiben (siehe Ekkehard Ehlers und Björn Gottstein in der Reihe Digitale Evolution, SPEX #318), oder nun das weite Feld der Balladen, instrumental versteht sich.

    Schließlich ist Ehlers auch bei so programmatischen Alben wie »… plays John Cassavetes« oder »… plays Albert Ayler« nie den plattesten aller Möglichkeiten auf den Leim gegangen. Ehlers ist eben ein Meister des Indirekten. Zwar muht zum Beispiel eine Kuh kurz, ein paar Tracks später meint man im Herabschaben von Piano- oder Gitarrensaiten das Knarren von Salontüren im lauen Wind eines Italo-Westerns wahrzunehmen. Doch darum geht es letztlich nicht. Über elf Tracks, die man bestenfalls wie einen einzigen wahrnehmen sollte, spannen die »Ballads« einen weiten 42-minütigen Bogen vom hyperelektronischen Beginn, einem metallenen Flirren, das wie ein hochgepitchter Mix von Ligetis »Atmosphères« bis zum zerpflückten Kammerjazz, bei dem Paul Wirkus am Schlagwerk sich anscheinend improvisierend gegen jede verortbare Metrik stemmt. Bescherungsmöglichkeit: Albert Ayler ohne Albert Ayler.

    Das Wunder dieser Musik ist, wie sie in sich das Digitale und das Analoge, elektronisches und akustisches Instrumentarium bar jeder Hierarchien vereint, wie hier ein Soundteppich geknüpft wird, in dem man zwar hin und wieder jene Illustrationen erkennt, die auch Tom Waits schon vor zwanzig Jahren in seine dann doch sehr narrativen Storys einbaute. Aber Ehlers und Wirkus emanzipieren sich auch vom Zwang in solchen populären Zusammenhängen eben nicht wiedererkannt zu werden. »Ballads« ist ein sehr bewusster, detailversessener, zärtlicher Trip, mit dem man dann zum Beispiel, trotz aller Bedenken, via MP3-Player durchs nächtliche Berlin geht, plötzlich vor der Brache auf der Schlossinsel steht und sich in der festen Überzeugung wiederfindet, ferne Echos des letzten Konzerts der Einstürzenden Neubauten im nun verschwundenen Palast der Republik über Kopfhörer zu empfangen.

    Mehrdeutigkeit auch in der Veröffentlichungspolitik: »Ballads« steht als ›digital only‹-release ab Mitte April zur Verfügung, mit Glück oder als Kunde geschmackssicherer Händler hat man da allerdings schon längst die CD in den Händen. Die erschien Ende Februar. Streng limitiert.

LABEL: Staubgold

VERTRIEB: Digitaler Vertrieb

VÖ: 16.03.2009

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