Einstürzende Neubauten »Ich kenne nur Pazifisten.«

Fotos: Thomas Meyer

Irgendwo ist immer Krieg, gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Völkern sind das große Kontinuum menschlichen Daseins. Die Einstürzenden Neubauten haben nun die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg vertont: Auf Lament, dem am Freitag erscheinenden Langspieler der Berliner, donnert, grollt, seufzt und kracht es auf beklemmende Weise. Ein Gespräch mit Blixa Bargeld über Elektrohämmer, Wachwalzen, senegalesische Scharfschützen und die Auseinandersetzung mit Tod und Zerstörung.

Die Premiere der Aufführung von Lament wird in Belgien stattfinden, richtig?
Haben Sie den Waschzettel nicht gelesen? Lament ist eine Auftragsarbeit für die Region Flandern. Glauben Sie etwa, ich wollte unbedingt eine Platte über den Ersten Weltkrieg machen, oder was? Dieses Dokument da (zeigt auf die CD), dieses flachgepresste Dokument einer Musikaufnahme, die es als Vinyl, Download und CD gibt, ist im Prinzip nur der Niederschlag der Arbeit an einer Performance. Wir sind von der Region Flandern, insbesondere der Stadt Diksmuide, beauftragt worden, eine Performance zu komponieren, die dort zur Uraufführung kommen soll und den Auftakt bildet für ein ganzes Jahr von Events, die an den Beginn des Ersten Weltkriegs erinnern sollen. Wir sind dabei die Ersten. Unter anderem sind auch die Tindersticks dabei, die für ein Museum die Musik komponiert haben.

Diksmuide liegt in Flandern, in der Zone, die im Ersten Weltkrieg radikal verwüstet worden ist. Die dortigen Städte und Dörfer haben sich mal auf der einen, mal der anderen Seite der Front befunden und sind teils so lange beschossen wurden, bis nur noch wenig von ihnen übrig war.
Die Landschaft in Flandern ist immer noch enorm gezeichnet vom Ersten Weltkrieg. Da laufen immer noch die Militariasammler mit ihren Metalldetektoren durch den Wald, um irgendwelche Teile zu finden.

Lament bedeutet Klagelied. Der erste von drei Teilen des Titelsongs »Lament« hat einen sehr einfachen Text: »Die Mächtigen lieben den Krieg«. Davon bleiben am Ende die Worte »Macht, Krieg«. Ist Lament ein pazifistisches Album?
Ich kenne nur Pazifisten. Ich weiß nicht, was es sonst sein sollte. Eine der ersten Ideen, die ich hatte, war, »Lament« als dreiteiliges Stück mit Stimmen zu machen. Es hat sich dann aber nur der erste Teil zum Stimmenteil ausgewachsen. Grundsätzlich gibt es für ein Lament eine existierende Textform. Im Alten Testament kommen diverse Lamentationen vor. Im klassischen Lament gibt es die Vorwürfe an die Feinde, was natürlich eine Anrufung Gottes ist, das konnte ich so nicht durchführen. Ich hatte zwei wissenschaftliche Mitarbeiter, mit denen ich das vorbereitet habe, einen Historiker und eine Linguistin und Literaturwissenschaftlerin, die versucht haben, mich mit Material zu bedienen, um ein paar Aspekte zu finden, die Ende 2014 noch nicht komplett von der Erinnerungsmühle zermahlen sind. Unter anderem stießen sie darauf, dass es in Diksmuide einen flämischen Renaissancekomponisten gab, der recht bekannt war, und eine Motette mit dem Titel »Pater, peccavi« geschrieben hat. Vater, ich habe gesündigt – das ist das Bekenntnis, mit dem der Sohn im neutestamentlichen Gleichnis vom verlorenen Sohn zurück zu seinem Vater kehrt – und das traf sich mit dem Quellenmaterial, das hier in Berlin liegt.

Es handelt sich dabei um Tonaufnahmen von Kriegsgefangenen, die deutsche Forscher aufgenommen haben.
Im Prinzip gibt es kein Tonmaterial aus dem Ersten Weltkrieg. Ganz einfach, weil es keine Tonaufzeichnungsmöglichkeiten gab. Das einzige, was es anscheinend weltweit gibt, sind die hier in Berlin lagernden Waxwalzen, die Thomas Edison für seinen Phonographen entwickelt hatte, mit dem damals die Wissenschaftler die Kriegsgefangenen ausgehorcht haben. Im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg wurden Gefangene zwar relativ besser behandelt, aber man muss sich trotzdem darüber im Klaren sein, dass diese Aufnahmen unter Zwang erpresst wurden. Einer der Beispieltexte, die die Wissenschaftler die Gefangenen haben lesen lassen, ist eben genau diese Geschichte: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, in allen erdenklichen Sprachen, die die verschiedenen Völker Europas sprechen. Wahrscheinlich, weil die Bibeltexte in all diesen Sprachen verfügbar waren. Ich konnte mich selbst nicht daran hindern, durch diese offene Tür zu gehen und das zusammenzubringen. Also einmal den in Diksmuide begrabenen Komponisten mit seiner achtstimmigen Motette, die ich mit Jan Tilman Schade für ein Streicheroktett arrangiert und aufs Extremste verlangsamt habe. Und diese Stimmen von den Wachswalzenaufnahmen aus dem Lautarchiv der Humboldt Universität. Das ist vorbildlich digitalisiert, auch die Bögen, die die Wissenschaftler damals ausgefüllt haben, wer was spricht, die Berufe und das Alter der Sprecher und so weiter. Das Problem daran, mit diesem Material zu arbeiten, war nur: Das ist nach audiophilen Kriterien grauenvoll.

Es rauscht.
Rauschen ist noch zu hoch gegriffen. Es knattert und knistert. Es ist nicht möglich, dieses Quellenmaterial nach persönlichen Geschmackskriterien zu beurteilen. Ich kann nicht mit Walzen von Toten arbeiten, die in einer Zwangssituation entstanden sind, und dann sagen: Mir gefällt dieser Sprecher besser als ein anderer Sprecher. Oder das knistert mir zu laut. Insofern mussten wir eine Methode finden, um mit diesem Material zu arbeiten, ohne es persönlich zu bewerten. Wir spielen das mit sogenannten Brüllwürfeln, kleinen Lautsprechern, die man in die Hand nehmen kann. Indem wir diese Stimmen freilassen und wieder einfangen, ohne genau zu wissen, was dabei herauskommt. Wenn man sich vor Augen hält, dass Lament im konventionellen Sinne kein Album ist, sondern die Arbeit an einer Perfomance, muss man sich das Ganze so vorstellen: Da ist ein Streichoktett, das diese Motette von Pater Peccavi spielt – und der Rest der Neubauten lässt Stimmen frei.

Die Band singt auf Lament auf Englisch, Deutsch, Flämisch und Französisch.
Es war der Wunsch der Auftraggeber, dass es doch schön wäre, wenn was auf Flämisch mit dabei wäre. Das habe ich natürlich im Hinterkopf behalten. Ich habe flämischen Ausspracheunterricht genommen, aber bis zum Singen bin ich nicht gekommen. Ich rezitiere eigentlich.

blixa2

Der Erste Weltkrieg war auch ein Klangereignis. Der gewaltige Lärm, der vor allem durch die riesigen Kanonen verursacht wurde, ist vielfach beschrieben worden. Der Medientheoretiker Lex Wouterloot hat die These aufgestellt, dass man die Artillerie – weil sie selten trifft, aber ihr Lärm einen dermaßen erschreckenden Effekt hat – vor allem als psychologische Waffe verstehen muss. Die Kanone ist ein Terrorinstrument.
Das kann sein. Ich glaube aber nicht, dass es so gedacht war. Ich bin allerdings auch kein Waffenexperte, und ich hoffe, ich mutiere auch nicht zu einem Experten für den Ersten Weltkrieg. Die Arbeit an diesem Material hat bedeutet, sich in diesen Themenkomplex zu versenken. Nachdem ich diese Vorarbeit gemacht hatte und wir ins Studio gegangen sind, wollte ich das Ganze schon nach einer Woche aufgeben. Denn es wurde deutlich, dass ich kein ausbalanciertes Ergebnis bekomme, ohne mich tief emotional da hineinzubegeben. Und ich wollte mich da nicht hineinbegeben. Ich wollte mich nicht monatelang mit dem Tod beschäftigen. Ich weiß nicht, wie das anderen Sängern geht, aber über Tod zu singen, bedeutet immer auch, über den eigenen Tod zu singen. Da wollte ich nicht hin, habe aber dann doch weitergemacht und bin letztendlich immer tiefer eingestiegen, wodurch es immer schwieriger wurde. Ohne so ein Stück zu schreiben wie »How did I die?« wäre es gekippt, es hätte keinen Sinn ergeben.

Am Anfang ist in diesem Stück die Erzählstimme eines Soldaten zu hören, der sich fragt, wie er gestorben ist. Am Ende aber heißt es: »We didn’t die / We’re just singing a different song.«
Ein Stück wie »Der 1. Weltkrieg. Percussion Version« ist eine rein mathematische Komposition. Das ist ein bisschen der Versuch, etwas von sich fern zu halten, um nicht direkt damit zu tun zu haben. Aber nur das zu machen, wäre etwas dünn geworden. Es musste auch noch in die Tiefe gehen.

In »Der 1. Weltkrieg. Percussion Version« werden einzelne Länder durch Plastikrohre repräsentiert, die Länge des Stücks steht für die Kriegsdauer, jeder Taktschlag für einen Tag. Das ist tatsächlich ziemlich abstrakt. Ich habe zur Vorbereitung noch mal euer erstes Album Kollaps gehört und mich daraufhin gefragt, ob die Einstürzenden Neubauten nicht von Anfang an eine Band waren, die den Lärm des Kriegs und das Zusammenstürzen von Häusern thematisiert hat.
Ich habe den letzten Teil nicht verstanden: Der Sound einstürzender Häuser?

Einstürzende Neubauten ist der Bandname, und der Krach, den man auf Kollaps hört, mit den Presslufthämmern und Bohrmaschinen
(Entschieden) Es gibt keinen Presslufthammer, gab es nie: Es gab Elektrohämmer, ein größeres Heimwerkergerät. Presslufthammer ist ein ganz anderer Aufwand, so einen Kompressor kannst du nicht einfach ins Studio stellen.

Ich formuliere es um: Der Krach auf Kollaps ist durchaus aggressiv und vehement, mit dem Sound von Elektrohämmern und Bohrmaschinen.
Stücke wie »Sensucht«, wo jemand zwei Akkorde auf dem elektrischen Piano spielt und dazu »Sehnsucht« singt, sind aggressiv?

»Sehnsucht« ist nicht aggressiv, nein.
Gut, dann wollen wir das festhalten. Es heißt immer: Früher war das alles so lärmig, heute nicht mehr. Stimmt ja gar nicht, es war immer beides vorhanden.

Lemmy von Motörhead hat einmal gesagt: »Die Musik, die wir machen, ist Musik zum Zeitalter der Massenvernichtung.« Wenn man eine Musik wie eure hört, könnte man sich vorstellen, dass sie auch ein Ausdruck davon ist.
Klingt erst mal ziemlich geschmacklos.

Lemmy rennt auch mit einem Eisernem Kreuz und SS-Uniformjacke durch die Gegend. Um guten Geschmack geht es da nicht. Ich finde es nicht so absurd.
Wenn das für ihn so ist, gut. Aber du hast ja gesagt, das könnte man bei den Neubauten auch so sehen.

Es war eher eine Frage, die ich mir gestellt habe.
Der einzige Krieg, an dem ich in meiner Lebenszeit teilgenommen habe, ist der Kalte Krieg. Und ich hoffe nicht, dass ich in meinem Leben noch an einem anderen Krieg teilnehmen muss. Der Kalte Krieg war sehr präsent in Berlin, und das hieß dann simpel: Wenn ein Flugzeug mal länger brummte, als du erwartet hast, hast du schon mit dem Gedanken gespielt, dass das jetzt was zu bedeuten hätte. In Westberlin hast du DDR-Fernsehen mit einem Kleiderbügel als Antenne empfangen können, und Westfernsehen war dann schon schwieriger.

Das komplette Interview gibt’s in SPEX °357.

Einstürzende Neubauten live

09.11. Stolberg, Aachen – Zinkhütter Hof – SOLD OUT
10.11. Hannover – Capitol
11.11. Berlin – Tempodrom
16.11. München – Muffatwerk

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.