Anarchisches Aggregat

Laut der offiziellen YouTube-Statistik müsste man als Zuschauer fast acht Jahre seines Lebens investieren, um alle Videos, die an einem einzigen Tag auf die Plattform hochgeladen werden, vollständig anzusehen. Dieses gigantische Archiv an frei verfügbarem audiovisuellen Material macht sich der Online-TV-Kanal Network Awesome für sein täglich wechselndes Programm zu nutze. Die Idee des Kanals ist simpel: Künstler, TV-Junkies und andere Nerd-Spezialisten durchforsten das YouTube-Angebot nach Clips zu einem bestimmten Thema und bündeln sie auf der Webseite zu einem kontinuierlichen Programm.

Gründer und Chef-Kurator des Kanals ist der in Berlin ansässige amerikanische Musikproduzent Jason Forrest. Ähnlich wie seine CDs und Platten, für die sich der Party-Anarchist Forrest quer durch die Musikgeschichte sampelt, präsentiert sich Network Awesome als wildes Aggregat popkultureller Inhalte mit einem gewissen Fokus auf dem Abseitigen und Obskuren. Neben Themensendungen wie etwa über die besten Live-Musikauftritte in der Sesamstraße hat der Kanal etwa auch experimentelle Kunstvideos, Musikvideo-Kompilationen, Cartoons oder trashige Untergrundfilme im Angebot.

Für eine ganze Woche widmet sich Network Awesome ab heute den WOMEN OF PUNK. Der Punk-Begriff wird dabei weit gespannt, neben der Musik finden auch Beiträge Mode, Kunst und Film ihren Einzug in das Programm. Neben der ersten Punk-Generation, die etwa durch Dokumentationen über Siouxsie and the Banshees und Poly Styrene vertreten sind, werden auch Nachfolgebewegungen wie die Neue Deutsche Welle (Gudrun Gut und Malaria) und die Riot Grrrls (mit einem bizarren Kurzfilm von Nirvana-Bassist Krist Novoselic über L7) abgedeckt. Zu sehen sind auch Interviews mit Vivienne Westwood, die Aufzeichnung eines Rockpalast-Konzerts von Patti Smith, No-Wave-Filme von Vivienne Dick und Episoden der Girlband-Cartoon-Serie Jem and the Holograms aus dem Jahr 1984. Die oft schlechte Qualität der Bildmaterials (zum Beispiel bedingt durch die Digitalisierung von alten VHS-Bändern) wirkt dabei fast schon wie ein beabsichtigtes Stilmittel: Denn ist nicht eine partizipatorische Video-Plattform wie YouTube auch als Fortsetzung des Do-It-Yourself-Gedankens zu sehen, wie ihn Punk auf seine Fahne geschrieben hatte?

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VIDEO: NETWORK AWESOME – The Women of Punk (Programm-Trailer)

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